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Immer mehr Bürger haben den »Kleinen Waffenschein«

Wie ist ihre Meinung dazu? Stimmen Sie ab! (Umfrage unten)

Ahr. Immer mehr Menschen im Kreis Ahrweiler bewaffnen sich. Seit 2014 hat sich die Zahl der Anträge für den Kleinen Waffenschein vervielfacht. Die Zahl der Anträge auf Ausstellung dieses Scheins stieg im Kreis von 54 im Jahr 2015 auf bisher 369 im Jahr 2016 (Stand: 22. November). Die Gründe dafür sind unterschiedlich und reichen von der Angst vor Einbrüchen bis hin zur Silvesternacht in Köln. Die Polizei sieht die Entwicklung kritisch. Uns interessiert Ihre Meinung zu diesem Thema. Stimmen Sie ab in unserer Umfrage (bis 17.12.).

»Die Zahl der Anträge auf den Kleinen Waffenschein, also beispielsweise für Signalwaffen und Schreckschusspistolen, die bei der Kreisverwaltung Ahrweiler gestellt werden, ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen. Im Jahr 2014 gingen 20 Anträge ein, 2015 waren es 54 und in diesem Jahr 369. Das entspricht fast dem Siebenfachen des Vorjahres« erklärt Jürgen Kempenich, Pressesprecher der Kreisveraltung Ahrweiler auf WochenSpiegel-Anfrage.

Verwaltung überprüft Antragsteller

Zuständig für die Ausstellung der  Kleinen Waffenscheine ist bei der Kreisverwaltung die Abteilung »Ordnung und Verkehr« mit dem Arbeitsbereich für Jagd sowie für das Waffen- und Sprengstoffrecht. Die Antragsteller werden, wie die Besitzer von erlaubnispflichtigen Waffen, auf ihre waffenrechtliche Zuverlässigkeit überprüft. Die Überprüfung beinhaltet Abfragen beim Bundeszentralregister, dem staatsanwaltschaftlichen Verfahrensregister und dem Landeskriminalamt. »Die Beweggründe der Antragsteller werden nicht erfragt«, sagt Kempenich.

Die Polizei sieht die Entwicklung  kritisch. Zwar gehe vom einer »Gaspistole« an sich grundsätzlich kaum eine Gefahr aus. Die jeweilige Nutzung könne eine »Gaspistole« beziehungsweis eine Schreckschuss-, Reizstoff- oder Signalwaffe allerdings zu einem sehr gefährlichen Gegenstand machen. Es komme  deshalb auf die bestimmungsgemäße Nutzung an, erklärt das Polizeipräsidium Koblenz auf Anfrage des WochenSpiegels. Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft  Rainer Wendt hatte bereits Anfang des Jahres auf die Gefahren bei der Benutzung von Gaspistolen durch Laien hingewiesen. »Solche Gerätschaften vermitteln nur eine Scheinsicherheit. Man muss mit einer Waffe schon sehr vertraut sein, wenn man sie vernünftig einsetzen will«, sagte Wendt.

Verwechslungsgefahr

Eine weitere Gefahrensituation könnte sich einstellen, wenn derjenige in eine Polizeikontrolle gerät. Heute gängige Gasdruckpistolen sehen ‚scharfen‘ Pistolen oft zum Verwechseln ähnlich, sodass eine klare Einordnung auf den ersten Blick auch für den Fachmann schwerfällt.«








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Kommentar von Michael Rennhack


Ihre Frage „Soll sich jeder bewaffnen?“ und der Kommentar Ihres Mitarbeiters Tim Nolden („Besorgniserregend“) scheinen mir das Problem nichts ganz zu treffen. Natürlich soll sich nicht jeder bewaffnen, hat auch niemand gefordert und ist sicherlich angesichts der im nebenstehenden Artikel veröffentlichten Zahlen auch nicht annähernd zu erwarten. Auch die Besorgnis von Tim Nolden, angesichts des berichteten Trends im Kreis Ahrweiler demnächst Amokläufe a la USA befürchten zu müssen, geht wohl etwas an der Realität vorbei. Mit Pfefferspray und Schreckschusspistolen durchgeführte Amokläufe sind jedenfalls noch nicht berichtet worden und auch nicht zu erwarten. Für scharfe Waffen gelten bei uns – zum Glück! - ganz andere Regeln und Antragszahlen!

Aber warum ist das ganze plötzlich ein Thema? Das Empfinden der Bürger über das Risiko, einem Verbrechen zum Opfer zu fallen, hat sich in letzter Zeit offensichtlich und teilweise im Gegensatz zu den veröffentlichten Zahlen drastisch verändert. Über die Relevanz der Statistiken zum Thema will ich hier wirklich nicht diskutieren, aber das Bild öffentlicher Orte in den meisten Städten und mittlerweile auch gelegentlich auf dem Land spricht eine deutliche Sprache. Nur so viel: Noch vor 15 Jahren konnten wir die Fahrräder unserer Kinder problemlos tagelang vor der Haustür stehen lassen, auch blieb das Auto in der offenen Garage üblicherweise unverschlossen, die Haustür war nie abgeschlossen, so lange jemand im Haus war. Heute absolut undenkbar, ja verantwortungslos. Vor 10 Jahren dann wurde bei uns eingebrochen und alles durchwühlt – wir lagen damit in einem seitdem immer weiter steigenden Trend. Der direkte Schaden war gering, der Folgeschaden immens: Wir fühlen uns seitdem tags und nachts im Haus nicht mehr sicher, es wird alles ab- und weggeschlossen und wir haben für mehrere tausend Euro Sicherheitstechnik im Haus nachgerüstet.

Nebenbei: Wir haben keine „Waffe“ und werden auch keine beantragen, aber wir haben großes Verständnis für die Antragsteller bei der Kreisverwaltung, vor allem, wenn sie gelegentlich alleine und vielleicht noch nachts unterwegs oder im Haus sein müssen.

Und bevor der Gedanke aufkommt, dafür der Polizei die Schuld zu geben: Dem würden wir uns keinesfalls anschließen, tut sie erkennbar doch, was sie im Rahmen der zugestandenen Möglichkeiten kann. Die Schere jedoch zwischen einerseits immer weiter beschnittenen Mitteln und andererseits unangemessener Rechtsprechung und politisch geduldeter Eröffnung immer weiterer krimineller Aktivitätsfelder kann die Polizei alleine nicht mehr schließen. Das sehen die Bürger überdeutlich und ziehen ihre persönlichen Konsequenzen, von Pfefferspray bis Bürgerwehr.