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Auf den Spuren der Großeltern

Amos Adler war im Ahrtal auf der Suche nach seinen Vorfahren

Dernau. Matthias Bertram ist Experte für die Geschichte der Juden aus dem Ahrtal. Seit er bei den Recherchen für sein Buch »…in einem anderen Land« in Israel Micha Adler kennen lernte, gibt es immer wieder Menschen, die aus der ganzen Welt zu Bertram ins Ahrtal kommen auf den Spuren ihrer Verwandten. Nun war ein Paar aus Tel Aviv im Ahrtal zu Gast und konnte die Geschichte der Großeltern zurückverfolgen.

»Das sind schon sehr emotionale Momente«, erzählt Bertram, der Amos und Ruth Adler entlang der Stationen der Geschichte von Amos Adlers Großeltern durch das Ahrtal führen konnte. Die Geschichte der Großeltern konnte Bertram für die Gäste dann auch rekapitulieren. Angefangen hat es mit einer Annonce im Jahr 1907. Abraham Bär, gebürtig aus Dernau, dann in Ahrweiler in der Ahrhut zu Hause und Vorsteher der jüdischen Gemeinde Ahrweiler sucht in der Zeitung „Der Israelit“ die Stelle eines Religionslehrers und Cantors in Ahrweiler zu besetzen. Bedingung dafür ist, dass er auch den Religionsunterricht in den benachbarten Gemeinden Remagen, Sinzig, und Niederzissen mit erteilt.

Tägliche Begegnung

Sicherlich, so würde man heute sagen, keine bequeme Aufgabe. Ein junger Mann aus Rüsselsheim, Jonas Adler, geb. 1880, der von 1898 bis 1901 die Bildungsanstalt für jüdische Lehrer in Hannover besucht hatte, bewarb sich. Jonas wohnte zu dieser Zeit in Frankfurt und musste, bevor er endgültig eingestellt wurde, auf Wunsch des Regierungspräsidenten in Koblenz noch ein Leumundszeugnis des Polizeipräsidiums in Frankfurt beibringen. Nach der Einstellung in Ahrweiler bezog er ein Zimmer in der Niederhutstr. 21 in Ahrweiler.

Der Fußweg von der Niederhutstr. 21 zur Synagoge Ahrweiler in der Altenbaustr. 12 war nicht weit und führte jeweils am Haus Niederhutstr. 46 vorbei. Im Haus Niederhutstr. 46 hatte die Unternehmerin (Modistin, Hutmacherin) Amalie (Malchen) Heymann eine Niederlassung eröffnet. Ihr Hauptgeschäft hatte die junge Frau (geb. 1884 in der Oberhut in Ahrweiler, als Tochter des in Dernau geborenen Leopold Heymann) einige Jahre zuvor in Bad Neuenahr eröffnet. So blieb es nicht aus, dass man sich des Öfteren sah und schätzen und lieben lernte. Malchen wird später in einem Gedicht schreiben, wie sie mit Jonas im Elternhaus in Neuenahr, Telegrafenstr. 6, Zärtlichkeiten austauschte: „ … und wo als Braut mich der Geliebte küsste. …“ Jonas und Malchen heirateten 1913. Später war die selbstbewusste Malchen Mitglied der kommunistischen Partei. Um 1932/1933, sie wohnte damals mit der Familie in Bad Mergentheim, hatte sie einen Artikel gegen die Nationalsozialisten geschrieben und veröffentlicht.

Frühe Flucht

Nach der Machtergreifung der NSDAP war sie als Kommunistin und Jüdin extrem gefährdet. Da sie Hitlers „Mein Kampf“ gelesen hatte, glaubte sie zu wissen, was nun kommen würde. Noch im Jahre 1933 macht sie sich mit ihren drei Kindern auf den Weg in die Schweiz. Die Grenze überquerten sie zu Fuß und illegal und kamen zunächst bei der Familie Brandes in Zürich unter. Später schafften sie es über Triest, allerdings zunächst nur mit einem Touristenvisum, nach Palästina zu kommen. Jonas, der als Lehrer noch einige Zeit in Bad Mergentheim/Edelfingen blieb, kam später nach.

Für Amos Adler war es eine emotionale Reise auf den Spuren von Oma und Opa. Er ging nicht nur dem Weg des Großvaters von der Niederhutstr. 21 zur Synagoge in der Altenbaustr. 12 nach, sondern hatte auch Gelegenheit die ehemaligen Häuser der Familie in der Telegrafenstr. 6 in Neuenahr und in der Teichgasse in Dernau zu sehen und die Gräber der Vorfahren in Neuenahr, Ahrweiler und Dernau zu besuchen. Amos Adler wohnt heute mit seiner Frau Ruth bei Tel Aviv in Israel. Den Kontakt zu Matthias Bertram bekam er über seinen Bruder Micha Adler, der als erstes aus Israel ins Ahrtal kam. »Das wurde dann innerhalb der Familie in den letzten zwei Jahren weiter erzählt«, erklärt Bertram, der schon mehrere Gäste aus aller Welt über ihre Familiengeschichte informiert hat.

Buchtipps:

Mehr historischen Hintergrund gibt es in den Werken von Matthias Bertram »… mit ihren eigenen Worten – Rheinische Juden erzählen aus ihrem Leben« (ISBN-13: 978-3956315718) und »… in einem anderen Land – Geschichte Leben und Lebenswege von Juden im Rheinland« (ISBN-13: 978-3956313332). Beide sind erschienen im Shaker-Verlag.

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