Thomas Förster

Ein Lauf durch Tausend und eine Nacht

Konzen. Der Toubkal, der diesem Extremlauf den Namen gibt, ist der höchste Berg des Hohen Atlas Gebirge in Marokko. Diesen galt es zwar nicht zu besteigen, aber in seinem Schatten mussten 105 km mit 6.500 Höhenmetern im An- und Abstieg bewältigt werden. Dazu ging es mehrmals über 3000 m und sogar auf über 3.600 m. Holger Lapp aus Konzen stellte sich dieser extremen Herausforderung...

Die Anreise über Marrakesch und weiter nach Oukaïmeden, was eigentlich ein Ort in einem Skigebiet ist, denn auch wenn man es nicht vermuten mag, gibt es genau hier einen Skilift und Wintersport, war problemlos möglich. Aber bereits bei der Ankunft am Startort auf 2700 m wurde Holger klar, dass dieser Lauf etwas ganz anderes werden würde. Kurzatmig durch die dünne Luft und einem extrem trockenen und stürmigen Wind ausgesetzt, ließen in ihm weitere Zweifel an ein Gelingen aufkommen.

Extra für dieses Wochenende hatte der Veranstalter eine Zeltstadt in die karge Felsenlandschaft gebaut. Zwei Versorgungszelte sowie ein Zeltdorf für die Übernachtungen standen flatternd im Wind.

In einem dieser Zelte wurden gegen das Vorzeigen der Pflichtausrüstung die Startnummer ausgehändigt. Auf den Punkt Pflichtausrüstung wurde besonderen Wert gelegt, da dieser Lauf als autonomer Lauf ausgeschrieben war. Das bedeutet, der Veranstalter stellt nur ein ganz geringes Maß an Verpflegung bereit, alles andere muss von jedem getragen werden. So kamen diesmal bei Holger rund 6 kg Gepäck, bestehende aus 2,5 l Wasser, 3000 kcal Essen, langer Überbekleidung, Erste-Hilfe-Set, Regenkleidung usw. zusammen. Weiterhin musste jeder Wasseraufbereitungstabletten nachweisen, damit man sich im Notfall an Wasserläufen versorgen konnte.

Wenn man im Nachhinein sieht, dass Holger zwischen der ersten und der zweiten Verpflegungsstelle 8 h unterwegs war, ist das alles mehr als berechtigt.

Nach einer stürmischen und unruhigen Nacht erfolgte der Startschuss am 02.10.2014 um 6 Uhr morgens. Noch bei Dunkelheit machten sich die rund 150 Läufer für die 105 km Strecke auf den Weg in ihr Abenteuer. Schon vom Start weg hatte Holger immer wieder der trockenem Luft zu kämpfen. Immer wieder das Gefühl zu haben etwas trinken zu müssen, aber nicht genau zu wissen, wie lange man zur nächsten Wasserstelle braucht, ist nicht einfach. Kurz nach dem Start erfolgte der Anstieg auf knapp über 3000 m gefolgt von einem Bergab ins Flusstal. Da mittlerweile auch die Sonne aufgegangen war, stiegen auch die Temperaturen an, aber zum Glück nicht ganz so wie erwartet. Der Wind brachte etwas Abkühlung, sorgte aber auch für Staub und trockene Lippen.

Die erste Verpflegungspunkt kam und die Flüssigkeitsreserven wurden aufgefüllt. Wie schon die letzten Stunden ging es zusammen mit seinen Mitläufern Oliver Binz und Oliver Karst weiter in den langen Anstieg von 1800 m auf wieder über 3000 m, Wobei es aber ein ständiges Auf und Ab  war. Durch abgelegene Berberdörfer  trafen die Top-ausgerüsteten Läufer auf die sehr einfach lebende Bergbevölkerung. Keine Straßen, nur schmale Pfade dienen hier zu Versorgung. Und dienen Esel bei uns eher als Haustiere, sind sie hier das Transportmittel schlecht hin.

Erst bei rund der Hälfte der Strecke und nach 9 h ging es in einem steilen Anstieg auf über 3000 m. Ab hier folgte Holger alleine dem Weg.  Nach einem Abstieg ging es am Fluss entlang zur zweiten Verpflegung bei km 68. Da laut Höhenprofil jetzt erst ein erneuter Anstieg auf 3200 m und danach von 2800 m auf satte 3660 m anstand, nutzte Holger die Gelegenheit, sich an dieser Stelle ausgiebig mit Suppe, Obst und Nüssen zu versorgen. Bis hierher ging es ihm gut. Das Terrain war zwar mehr als schwierig zu laufen, Steine, Schotter und loses Geröll zusammen mit der Höhenluft ließen die Strecke aber ziemlich in die Länge ziehen.

Der Anstieg auf den höchsten Punkt der Strecke wurde zäh und immer wieder kam Holger an Mitläufern vorbei, die vor Erschöpfung am Wegesrand saßen. Ein Abbruch des Laufes und ein Transport ins Ziel, so wie man es von anderen Veranstaltungen her kennt, war hier nicht möglich. Wer nicht mehr kann, muss trotzdem weiter. "Also nicht drüber nachdenken und weiter" meinte Holger.

Die einsetzende Dunkelheit machte es auch nicht einfacher. "Oben angekommen gab es aber endlich Handyempfang und ich konnte mich endlich bei meiner Ina melden und ihr mitteilen, dass alles OK ist." berichtet Holger. Denn seine Frau wollte ihn auch bei diesem Lauf so gut es ging unterstützen und war mitgereist, wartete aber im Zielbereich auf eine Nachricht.

"Nach dem Auf kam das Ab und in diesem Fall hieß das, mit müden Beinen und nach 80 km ein Abstieg von 1600 m auf nur 4 km keine leichte Sache" so Holger. Der Sturz nach der Hälfte diese Abstieges ging nochmal gut aus und Holger büßte nur einen seiner Trekkingstöcke ein. Nach diesem kräfteraubenden Abstieg war nach insgesamt 89 km die letzte Verpflegungsstelle erreicht. Nur 16 km bis zum Ende denkt man jetzt, aber da nochmals zwei Anstiege zu bewältigen waren, keine einfache Übung, für die Holger nochmals 5 Stunden kalkulierte. Und die sollten es auch werden.

Um 5:22 Uhr, also nach 23 Stunden und 22 Minuten wurde Holger von seiner Ina im Ziel empfangen und lief als erster Deutscher und als 34. von 110 Finishern in Oukaïmeden ein. "Der Sternenhimmel an diesem Morgen war besonders schön!" so Holger.

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.