pug

Siegerin im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten

Wittlich.  Judith Esser schrieb am Technischen Gymnasium Wittlich eine recherche-intensive Arbeit über die jüdische Familie Geisel

Das Schicksal der jüdischen Familie Geisel aus Pünderich hat die 18-jährige Judith Esser tief bewegt. Als im vergangenen Jahr Stolpersteine in Cochem-Zell verlegt wurden, besuchten die Nachkommen der Metzgersfamilie aus Pünderich die Heimat erstmals.

Wittlich / Bullay / Pünderich. Judith beschloss, eine Facharbeit über das Schicksal der Geisels zur Nazizeit zu schreiben. Sie besucht das Technische Gymnasium Wittlich. »Bei uns heißt das BLL: Besondere Lernleistung«, erklärt Judith. Damals bei der Stolpersteinverlegung habe man sich kennen gelernt. Schon Judiths Mutter engagiert sich in Sachen Gedenkarbeit. Der Tochter war die Thematik vertraut, sie arbeitete mit im Stolperstein-Team.

Mit den Schicksalen der Mitglieder der Familie Harf aus Bullay hatte Judith sich intensiv beschäftigt. Bei der Stolpersteinverlegung berichtete sie davon. Als dann die Geisel-Nachkommen sie darum baten, doch auch ihr Schicksal einmal zu recherchieren, entschied Judith, das zu tun - und die Facharbeit darüber zu verfassen. Der Titel: »Kaddisch für eine Tote. Jüdisches Leben in Pünderich zur NS-Zeit am Beispiel der Familie Geisel. Erinnerungen als Brücke in die Gegenwart.«

Stolze Landessiegerin

Dafür erntete Judith mehr als nur eine gute Note. Am vergangenen Donnerstag wurde sie als eine von 15 rheinland-pfälzischen Preisträgern im Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten ausgezeichnet, Thema 2017: »Gott und die Welt. Religion macht Geschichte«. Junge Menschen konnten Texte, Filme, Hörbücher einreichen. Judith schrieb einen Text, gegliedert in zwei Teile.

Im ersten erzählte sie die Geschichte der Geisels. Im zweiten begründet sie, warum es in ihren Augen unabdingbar ist, sich mit historischen Tatsachen zu beschäftigen: Nur so könne man für die Zukunft lernen. Und zum Beispiel rechtsradikalen Strömungen die Fakten entgegen halten. Diese Ansicht teilt die betreuende Gemeinschaftskundelehrerin Susanne Tibo. »Die Schüler sollen mit der BLL auch selbstständiges, wissenschaftliches Arbeiten erproben und erlernen«, sagt sie. »Das hat Judith hervorragend bewältigt.«

Internet, Archive, Zeitzeugen

Die Recherche begann im Herbst 2016 und war vielseitig, aufschlussreich und zeitintensiv. »Ich habe viel im Internet gearbeitet«, erzählt Judith. Auch im Landeshauptarchiv Koblenz hat sie gestöbert, Original-Dokumente gesichtet, Namen und Verbindungen gefunden. In Pünderich lebt eine engagierte Dame, die ihr sogar Zeitzeugen vermitteln konnte. »Ich konnte mit jemandem sprechen, der sich noch daran erinnert, wie es in der Metzgerei der Geisels in den 30er Jahren aussah.«

Unterstützung kam auch von René Richtscheid, dem Geschäftsführer des Wittlicher Emil Frank-Instituts. Fündig wurde Judith in den Listen der Ellis Island Foundation. »Der Tipp kam vom Landeshauptarchiv. Die Organisation kannte ich vorher überhaupt nicht.« Die Foundation verzeichnet alle Namen der Menschen, die von hier aus mit dem Schiff nach Amerika ausgewandert bzw. geflüchtet sind: auch dies notwendige Recherchearbeit.

Auf dem jüdischen Friedhof in Bullay existiert bis heute das Grab des 1935 verstorbenen Leopold Geisel. Die zweite Hälfte des Grabes blieb leer. Seine Frau Helene teilt das Schicksal vieler Glaubensbrüder und -schwestern. 1939 zog sie nach Köln, wurde 1941 nach Lodz deportiert, 1942 weiter ins Vernichtungslager Chelmo (Kulmhoff) und dort vermutlich sofort nach ihrer Ankunft ermordet.

Kenia, England, USA

Drei ihrer vier Kinder - Sohn Ernst starb jung - gelang die Flucht. Fritz, der vor 1936 schon in Dachau gelandet war, flüchtete über England, wo er sich irgendwie in den Kriegsjahren als Illegaler durchschlug, bis nach Amerika. Else und Käthe gingen mit ihren Familien in das mit England verbündete Kenia, wo sie auf Farmen arbeiteten und als Deutsche lange mit dem Risiko lebten, inhaftiert zu werden.

Auch sie gelangten später in die USA. Mit jener heute 99 Jahre alten Else hat Judith via Skype gesprochen. Zu manch anderen Nachkommen von Leopold und Helene Geisel ist über die Arbeit eine persönliche Beziehung entstanden: Judith darf sie besuchen. Fürs kommende Jahr hat sie eine Reise in die USA geplant.

Im November geht der Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten und der Körberstiftung in den Endspurt: Dann wird über die Sieger auf Bundesebene entschieden. Ob Judiths Arbeit in die engere Wahl kommt, stand bei Redaktionsschluss nicht fest. Hoffnungen darf sie sich aber machen. Nur drei der 15 Landessieger durften bei der Preisverleihung in Mainz ihre Arbeit in einem Vortrag vorstellen. Zu ihnen gehörte Judith.

Eine andere Anerkennung ist dem jungen Recherchetalent von der Mosel dagegen bereits sicher. Ganz unabhängig vom Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten meldete sich am Freitag die Rhenser Kaiser Ruprecht Bruderschaft: Sie belohnt Judiths Fleiß mit einem Sonderpreis in Geldform.    Petra Geisbüsch

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.