Sybille Schönhofen (bil)

500 Jahre Reformation: Vergnügte Grundeinstellung zum Leben

Kreis Bitburg / Prüm. 500 Jahre Reformation: Das bedeutet Erinnerung an Martin Luthers Thesenanschlag im Jahr 1517. Das Jubiläum gibt Anlass, nachzufragen, welche Bedeutung Evangelische eigentlich in der katholisch geprägten Region haben.

1517 in einem Land, das später einmal Deutschland werden wird: Die Gesellschaft steht vor großen Umwälzungen. Leitfigur dieser Umwälzungen wird Martin Luther, der vor 500 Jahren seine 95 Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen hat. Es folgte ein erbitterter Krieg um den »wahren« Glauben. Noch zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts waren in der Eifel über 99 Prozent der Einwohner katholisch. Wie feindlich sich die Konfessionen damals noch gegenüberstanden, zeigt das Beispiel des bekannten Dichters Peter Zirbes aus Niederkail, der 1900 zum Protestantismus konvertierte. In einem Dorf lebend, in dem sonst nur Katholiken wohnten, erlebte er, dass eine aufgebrachte, fanatische Dorfjugend ihm das Dach über dem Kopf anzündete. Und ein paar Jahre zuvor war die evangelische Kirche in Bitburg mit Kot beschmutzt und Fensterscheiben mit Steinen eingeworfen worden.

In der Region Trier sind Protestanten bis heute eine Minderheit geblieben

In Trier, wo die Konfessionalisierung in der Region vor 200 Jahren begann,  leben heute 11.000  Gemeindemitglieder.  Nach Trier (1817) bildete sich rund zehn Jahre später – 1828 – in Prüm eine evangelische Gemeinde als erste in der Eifel. Die Gemeinde erstreckte sich über die Kreise Prüm, Bitburg und Daun. Erst nach der Jahrhundertmitte (1858) bildeten sich in den Kreisstädten Daun, Bitburg (die erste evangelische Kirche wurde hier 1875 eingeweiht) und Wittlich eigene Gemeinden. Bis zur Gründung der Kirchengemeinde in Wittlich dauerte es nach dem Thesenanschlag mehr als 340 Jahre. Vor knapp 160 Jahren war es dann im Jahr 1858 soweit. Im gesamten Landkreis Bernkastel-Wittlich sind aktuell 12.600 Gemeindemitglieder verzeichnet, etwa doppelt so viele wie im Eifelkreis Bitburg-Prüm.  


Hier leben heute  rund 6100 Evangelische (Gemeindemitglieder Bitburg: 4354, Prüm: 1752). Wie in Bitburg und Prüm ist auch die evangelische Kirchengemeinde Wittlich mit zehn Prozent evangelischen Gemeindegliedern bezogen auf die Gesamtbevölkerung eine großflächige Diasporagemeinde (ca. 5.000 Gemeindeglieder).  Zum Vergleich: im Dekanat Wittlich leben 40.433 Katholiken und im Dekanat Bitburg sind es fast 43.000.

 

»Der weitere Weg ist ökumenisch«


Den vergleichsweise wenigen evangelischen Christen sind ihre Kirchengemeinden »kirchliche Heimat«, so Superintendent Jörg Weber. »Sie bieten vielfältige Veranstaltungen und Gottesdienste an und sorgen dafür, dass Menschen an bedeutsamen Schnittpunkten des Lebens wie Taufe, Konfirmation, Trauung oder Beerdigung begleitet werden. »
Mittlerweile bestimmen sich die Konfessionen nicht mehr durch Abgrenzung, sondern stehen im ökumenischen Dialog. »Die ökumenische Zusammenarbeit mit den katholischen Christen hat einen hohen Stellenwert für unsere Gemeinden«, betont Superintendent Jörg Weber. Und dennoch: »Es gibt immer noch viele Menschen, die mit dem Begriff `evangelisch´ nichts oder nicht das Richtige anfangen können. Für manche sind wir eine Sekte«, erzählt Pfarrer Clemens Rühl aus Prüm.


Für Rühl ist die Reformation »kein Thema, das die evangelische Kirche gebunkert hat«, sagt er. »Wir glauben, dass der weitere Reformationsweg ein ökumenischer ist.« Bewegung in diese Richtung ist deutlich wahrzunehmen. Rühl berichtet von Fortschritten, die vor Jahrzehnten noch undenkbar waren: »Wir genießen die erfreuliche Möglichkeit, in allen katholischen Kirchen auch evangelischen Gottesdienst feiern zu können, um weiter entfernt wohnenden Menschen entgegenzukommen. Hierbei nehmen auch regelmäßig katholische Christen an unseren Gottesdiensten teil.«
Welche Bedeutung hat die Reformation aktuell noch? Superintendent Jörg Weber:  »500 Jahre Reformation sind ist für mich nicht nur die Erinnerung an den berühmten Anschlag der 95 Thesen (...). Mit der Reformation verbinde ich die Erfahrung, dass der gute Gott mich als Mensch so liebt, wie ich bin. Mit allen meinen Stärken und Schwächen. Ich bin nicht die Summe meiner Taten oder Leistungen. Ich bin als Mensch wichtig. Ich glaube, dass mich Gott so befreit und erlöst hat. Deshalb habe ich eine vergnügte Grundeinstellung zum Leben.« bil

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