Anja Wilden

»20.000 Karnevalsorden für Alaska«

Kreis Euskirchen. »Ich muss um die zehn Jahre alt gewesen sein, als erstmalig der Wunsch entstanden ist, Nordamerika zu bereisen. Besonders zogen mich die Geschichten Jack Londons in ihren Bann und prägten meine Vorstellungen, dort als Trapper und Holzfäller zu leben. Die Träume eines kleinen Jungen eben, der vor der kalten Wirklichkeit flüchtet, um in der noch viel kälteren nordischen Welt zu bestehen«, erzählt Klaus Lüttgen aus Blankenheim. Vor etwas mehr als einem Jahr verwirklichte der 54-Jährige aus Blankenheim seinen Traum. Doch steckt hinter den Beweggründen für seine Reise eine tragische Geschichte über eine problematische Vater-Sohn-Beziehung und die Suche nach dem inneren Frieden ...

Mit 18  Jahren entschied sich Klaus Lüttgen, endgültig die Wohnung seines Vaters zu verlassen. »Nach dem frühen Tod meiner Mutter 1963 kam ich erst ins Kinderheim, mit 15 Jahren dann zurück zu meinem Vater nach Köln.« Die Beziehung zwischen Vater und Sohn war nie besonders gut. »Mittlerweile bin ich älter geworden und verstehe mehr um die problematische Beziehung zu meinem Vater. Ich bedauere es sehr, dass wir uns vor seinem Tod 2008 nicht mehr aussprechen konnten«, sagt Klaus Lüttgen. »Doch da die Kölner ja bekanntlich alle ein wenig jeck sind, hinterließ mir mein Vater rund 20.000 Karnevalsorden«, schmunzelt Lüttgen. Sie brachten ihn letztendlich auch auf die Idee, seine Tour »20.000 Orden für Alaska«  zu starten. Mit einem 30 Jahre alten Damen-Hollandrad, »aufgemotzt mit einer 14-Gang-Rohloff-Schaltung, neuem Lenker und Reifen von Gazelle« sowie einem Anhänger verabschiedete er sich von seiner Lebensgefährtin Heidi und beschloss, sich mit dieser Tour von seinem Vater zu verabschieden und ihm diese zu widmen. »Mit einer völlig überladenen Karre, die ein Gesamtgewicht von 165 Kilogramm inklusive 250 Orden  auf die Waage brachte, stand ich dann in Vancouver, dem Ausgangspunkt meiner Reise«. Finanziert hat sich Klaus Lüttgen die Reise durch Verkäufe der Orden. »Außerdem habe ich mein geliebtes Oldtimer-Motorrad, eine alte schwarze Yamaha, geopfert.«3017 Kilometer waren es von Vancouver bis zur Stadt Whitehorse. »Allein auf dieser Strecke begegneten mir 19 von insgesamt rund 50 Schwarzbären«, erinnert sich Lüttgen. »Eine Nacht stand sogar ein Schwarzbär vor meinem Zelt. Ich wurde wach von lautem Bärengebrüll und unglücklicherweise lag mein Bärenspray sicher im Anhänger. Ich hatte wirklich Schiss«, berichtet Klaus Lüttgen. Mit dem Leben noch einmal davon gekommen reiste der 54-Jährige weiter über Yukon nach Fairbanks in Alaska. »Wo immer ich mit meinem Karnevalszug aufkreuzte, sorgte ich für Aufsehen. Alle wollten wissen, was es denn mit meinem ungewöhnlichen Gefährt auf sich hat. Ich begegnete vielen netten Menschen auf meiner langen Reise nach Alaska. Einige gewährten mir Asyl, gaben mir Trinkwasser und Nahrung.« All diesen freundlichen Menschen hat Klaus Lüttgen einen Karnevalsorden geschenkt.

 

»Die Zeit rannte an mir vorbei und die Wälder leuchteten bereits in ihren prächtigsten Farben. Doch ich wusste, ich muss schnell weiter reisen, denn die Temperaturen sanken stetig. Nachts wurden es bis zu minus 5 Grad und oft musste ich im Zelt oder in Holzschuppen schlafen - Schneefall hätte für mich den Tod bedeuten können.« Während der fast dreimonatigen Reise auf denen der ehemaliger Rennradfahrer rund 7.000 Kilometer zurück gelegt hat, sprach er oft zu seinem Vater und hatte ausreichend Zeit um über alles nachzudenken. »Die Zeit war einfach reif, ich wäre ohne diese Tour nicht mehr glücklich geworden«. Lüttgen weiter: »Auf meinem letzten Routenabschnitt von Vancouver-Island bis Vancouver dachte ich: jetzt will mir mein Vater noch etwas heimzahlen. An keinem Tag zuvor war der Regen so stark und der Wind so heftig. Ich verlor mein Licht am Rad und suchte verzweifelt,  dauernd im Zwiegespräch mit meinem Vater, am Straßenrand danach, bis ein Autofahrer anhielt, mir leuchtete und mir ein letztes Mal vor meiner Heimreise Unterkunft anbot.« Ein Film über Klaus Lüttgens abenteuerliche Reise ist am Sonntag, 3. Februar, um 16.45 Uhr im Saarländischen Rundfunk zu sehen. Mehr über »20.000 Orden für Alaska« im

@ Internet www.rocktheroads.de 

 

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.