Wolfgang Andres

Gedenktafel zu Ehren des "letzten Judenältesten"

Kreis Euskirchen. Der 16. Mai 2013 wird ein großer Tag für Flamersheim. An diesem Donnerstag wird zu Ehren von Jupp Weiss eine Straße nach dem ehemaligen Judenältesten benannt. Dazu werden dessen Familienangehörige aus Israel und England erwartet. Am 16. Mai 2013 wäre Jupp Weiss 120 Jahre alt geworden.

Vor knapp 30 Jahren stand die Dorfgemeinde Flamersheim schon einmal wegen ihrer Erinnerungsarbeit im Blickpunkt der Öffentlichkeit. Man hatte die ehemaligen jüdischen Mitbürger, die rechtzeitig geflüchtet waren oder den Holocaust überlebt hatten, zu einem viertägigen Wiedersehensfest eingeladen. Das WDR-Fernsehen war stets dabei und strahlte im September 1984 einen 45-minütigen Film über dieses Treffen aus. Unvergessen blieben allen Beteiligten die vielen Veranstaltungen und persönlichen Begegnungen, aber auch der Empfang beim Bundespräsidenten Prof. Karl Carstens in der damaligen Bundeshauptstadt Bonn.

Jupp-Weiss-Straße

Am 16. Mai stehen die Flamersheimer nun erneut im Rampenlicht. Nachdem der Euskirchener Historiker Hans-Dieter Arntz vor einigen Monaten die 710 Seiten starke Biographie von Josef Weiss in Verbindung mit einer inzwischen international stark beachteten Dokumentation über Bergen-Belsen publiziert hat, wird der am 16. Mai den in Flamersheim geborenen »Jupp« Weiss  geehrt und besonders gewürdigt. An diesem Tag wäre er 120 Jahre alt geworden. In Anwesenheit von sieben Familienangehörigen, die zu den Feierlichkeiten aus Israel und England anreisen, werden die Ortsvereine abends eine Gedenktafel am Geburtshaus, Pützgasse Nr. 16, enthüllen. Im Anschluss daran soll auch das Straßenschild der neuen »Jupp-Weiss-Straße« von Atara Zachor, der Enkelin des berühmten Großvaters, eingeweiht werden. Die renommierte WDR-Radiosendung »Zeitzeichen«  gedenkt in zwei Sendungen am selben Tag des »letzten Judenältesten von Bergen-Belsen«. Hans-Dieter Arntz, der Autor des umfangreichen Buches »Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen. Josef Weiss ? würdig in einer unwürdigen Umgebung«, wiederholt am Donnerstag, 25. April, im Ev. Gemeindesaal seinen vorbereitenden Vortrag und zeigt erneut den Farbfilm »Juden in Flamersheim«. Gleichzeitig stellt er den Inhalt  der Biografie/Dokumentation vor, über die auch schon in den USA, Italien und in Israel berichtet wurde.

Das Buch

Was genau ist bzw. war ein Judenältester? Wie hat es Jupp Weiss geschafft, »würdig in einer unwürdigen Umgebung zu bleiben«?In der Befehlskette des deutschen NS-Terrors war ein »Judenältester« ein Funktionshäftling, der als exponierte Persönlichkeit einerseits williger Befehlsempfänger, aber andererseits auch Repräsentant eines »Judenrates« und Helfer der unzähligen, für den Holocaust vorgesehenen jüdischen Opfer sein sollte. Aus dieser Problematik heraus entstand ein Balanceakt, der nie ganz frei vom Vorwurf der Kollaboration und Korruption war. Insofern ist die vorliegende Dokumentation nicht nur eine Biografie über Josef Weiss, sondern auch der exemplarische Beginn einer bisher in Deutschland kaum angelaufenen Forschung. Die Reputation der »Judenältesten« ist bis heute durch viele Vorwürfe schwer belastet.

 

Der Name Bergen-Belsen wurde zu einem Synonym für Terror, Gräuel und verhungerte Menschen im NS - Konzentrationslagersystem. Dass in einem solchen Inferno ein Jude aus der Voreifel zum Vorbild und zur Hoffnung vieler gequälter Menschen werden konnte und als »letzter Judenältester« schließlich zur charismatischen Persönlichkeit wurde, widerspricht der grundsätzlichen Diskriminierung aller Funktionshäftlinge. Das vorgelegte Material ergibt aber dennoch einen eindringlichen Überblick über die eigentlich unbeschreibbaren Verbrechen im Konzentrationslager Bergen-Belsen (1944/45). Hans-Dieter Arntz: Der letzte Judenälteste von Bergen-Belsen. Josef Weiss ? würdig in einer unwürdigen Umgebung. Helios Verlag, Aachen 2012. ISBN 978-3-86933-082-2,  710 Seiten mit 100 Fotos und Dokumenten, Preis: 38 €.

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