Andrea Wagner

Ein Gartentag mit Industriegeschichte

Bad Kreuznach. Bei den "Tagen der offenen Gärten" in Wöllstein am Sonntag, 18. Mai, sind auch die JUWÖ Poroton-Werke wieder mit dabei. Im Mittelpunkt steht ein ganz besonderes Jubiläum: die historische Dampflok im englischen Garten der Familie Jungk wird 100 Jahre alt.

Mit ihrem sehenswerten, 10 000 Quadratmeter großen Baumgarten, dem "Arboretum", beteiligen sich die JUWÖ Poroton-Werke Ernst Jungk & Sohn GmbH wieder an den "Tagen der offenen Gärten", zu denen in diesem Jahr jeweils für Sonntag, 18. Mai, sowie 15. Juni und 7. September eingeladen wird. Diesmal wird in Wöllstein ein ganz besonderes Jubiläum im Mittelpunkt stehen: Die von der Firma Henschel & Sohn in Kassel gebaute Denkmallok mit der Betriebs-Nummer 99 4701 feiert ihren 100. Geburtstag. Sie hat bereits Ende 1975 ihren letzten Standort im liebevoll gepflegten, englischen Garten hinter dem Wohnhaus von Familie Jungk gefunden.

Eine Lok mit Geschichte

Die historische Dampflok kann als Zeitzeuge einer wechselhaften Zeit der deutschen Eisenbahngeschichte dienen: 1914 verließ sie das Henschel-Werk. Als "Geburtsurkunde" dient der erste Eintrag in ihrem Kesselbuch, am 15. September 1914. Laut einer Bescheinigung vom 22. Oktober 1914 wurde sie dann an die Königlich-Bayrische Eisenbahn geliefert, von der sie am 1. Januar 1915 in Betrieb genommen wurde. Bei einem Betriebsdruck von zwölf bar Wasserdampf kam die 18,2 Tonnen schwere Dampflok damals auf gut 30 Kilometer pro Stunde.Den größten Teil ihres Arbeitslebens war die Lok bei der kurvenreichen Kleinbahn der Landkreise Ost- und Westprignitz in Brandenburg im Personennah- und Güterverkehr im Einsatz. 1963 bekam die alte Dame einen neuen Kessel, und ihr Führerhaus wurde vergrößert und modernisiert.

Vor der Verschrottung gerettet

In den 1970er-Jahren wurden viele alte Dampfloks verschrottet, weil ihr Betrieb im Vergleich zu Diesel- und Elektro-Lokomotiven nicht mehr wirtschaftlich erschien. Der Wöllsteiner Unternehmer Ernst K. Jungk (75) wollte zumindest eines dieser Denkmäler der vergangenen Dampflokomotivenzeit für die Nachwelt erhalten und konnte die "99 4701" für damals 7000 D-Mark (3500 Euro) der Deutschen Reichbahn abkaufen. Für den Transport bis zur Zonengrenze wurden weitere 3600 D-Mark fällig, die Fracht von Wolfsburg bis Wöllstein kostete nochmals 1830 D-Mark.

Letzte Heimat Wöllstein

In einer spektakulären Aktion wurde die alte Dampflok im November 1975 vom Bad Kreuznacher Güterbahnhof auf einem Straßenroller, auf dem ein so genannter Rungenwagen stand, auf dem dann die Lok befestigt war, zum JUWÖ-Firmengelände gebracht. Seitdem wurde sie schon zweimal optisch restauriert.Ernst K. Jungk, der die Lok vor dem Hochofen gerettet hat, bezeichnet sich als "Sammler für industrielle Archäologie" und verweist auf einen 20 Tonnen schweren Kollergang, der einst in der Ziegelproduktion zur Zerkleinerung von Rohstoffen eingesetzt wurde. Der Familienunternehmer will in Wöllstein ein Ziegelei-Museum einrichten, in dem von ihm gesammelte alte Maschinen, Werkzeuge, Pläne und Dokumente ausgestellt werden sollen.

Führungen durch die Gartenanlage

Bei allen "Tagen der offenen Gärten" bieten Familie Jungk und ihr Gartenbautechniker Peter Huth von 11 bis 17 Uhr stündlich Führungen durch das "Arboretum" sowie den englischen Garten an. Der stets der Öffentlichkeit zugängliche Baumgarten, beheimatet mehr als 600 seltene Gehölze aus aller Welt. Hier sind derzeit unter anderem 14 Sorten Zedern und 20 verschiedene Ginkgo-Bäume zu bewundern. "Ich möchte damit ausgleichen, dass wir auf der anderen Seite unseres Werkes in die Natur eingreifen müssen, um den Ton für unsere Ziegelproduktion abzubauen", erklärt  Ernst K. Jungk, der den Garten eigenhändig angelegt hat. Dem passionierten Baumfreund und -kenner ist diese Versöhnung von Technik und Natur sehr wichtig.

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