Klaus Desinger

Welt-Chef Stefan Aust im WochenSpiegel-Gespräch

Journalist stellte sein Buch "Hitlers erster Feind" vor

VG Bad Sobernheim. Der Nahewein mundet ihm, er plaudert locker flockig über Politik, investigativen Journalismus und signiert seine Bücher.

tefan Aust, Herausgeber der Welt und langjähriger Chefredakteur des Spiegel, stellte sein Buch »Hitlers erster Feind« im Kaisersaal vor. Auf Einladung des Kulturvereins und  auf dem Podium moderiert von MdL Dr. Denis Alt erörterte Aust Entstehung und Inhalt seiner Biografie über Konrad Heiden. Heiden begleitete als junger Redakteur der damals renommierten Frankfurter Zeitung den Aufstieg Hitlers und prophezeite die Machtergreifung der Nationalsozialisten und die späteren Gräueltaten. Als sozialdemokratischer Jude berichtete er tagesaktuell über die Nazis und pflegte dennoch eine zumindest räumliche Nähe zu Hitler, der auf Propaganda in den Medien angewiesen war, auch wenn es eine kritische Berichterstattung gab. Das änderte sich freilich bald, Heiden musste ins Exil, über das damals unabhängige Saarland, Paris, in die Schweiz und schließlich nach Amerika, wo er verarmt starb.

WochenSpiegel-Interview

Er war der Erfinder und das Gesicht von Spiegel TV und langjähriger Chefredakteur des Spiegel. Heute ist er Herausgeber der Welt und Welt am Sonntag: Stefan Aust. Der WochenSpiegel unterhielt sich mit dem Journalisten über sein Buch »Hitlers erster Feind« (siehe auch Titelseite) und seine neuen Projekte.

Herr Aust, was hat sie veranlasst, diesem fast vergessenen Chronisten Konrad Heiden ein Buch zu widmen?

Ich habe zum 60. Geburtstag von einem Kollegen, mit dem ich viele Filme über das 3. Reich gemacht habe, ein Buch aus dem Jahr 1936 geschenkt bekommen. Aber wie es mit Geschenken  schon mal so ist, habe ich es ins Regal gestellt und vergessen. Fünf Jahre später war ich auf dem Land und habe angefangen darin zu lesen - und nicht mehr aufgehört. Ich war erstaunt, dass der Autor fast unbekannt war und habe dann eine Mischung aus Biografie und Best of daraus gemacht.

Wie erklären Sie sich die gewisse Nähe zwischen Heiden und Hitler, wo doch die Unterschiede nicht hätten größer sein können?

Es gab eine räumliche Nähe. Heiden war ja Journalist und ist sehr dicht rangegangen. Er hatte offenbar Quellen in der Nähe von Hitler, wusste gut Bescheid, was sich dort abspielt. Er hat über Hitlers Aufstieg tagesaktuell aus München berichtet für die Frankfurter Zeitung, zum Beispiel war er beim Prozess des Putschversuches im Bürgerbräukeller dabei. All das hat er in verschiedenen Büchern zusammengefasst.

Brauchte Hitler Heiden in gewisser Weise, nach dem Motto »Bad news are good news?

Das stand im Nachruf auf Heiden in der New York Times. Ich gehe davon aus, dass sich die Leute das nicht ausgedacht haben. Aber ich kann es mir vorstellen, weil die Nazis Propaganda brauchten, sie brauchten Öffentlichkeitsarbeit. Gerade negative Berichterstattung machte sie bekannter. Auch schlechte Berichterstattung bringt Aufmerksamkeit.

Aber nur bis zu einer gewissen Zeit . . .

Spätestens bis sich die politische Arbeit der Nazis nach Berlin verlagerte. Da war er zu weit weg, hatte aber dennoch mindestens einen Kontakt aus dem inneren Nazikreis, den er nachweislich in Berlin getroffen hat.

Heiden war zweifellos ein Vordenker, da er den Ablauf von Hitlers Machtergreifung vorausgesagt hat, ebenso die Gräueltaten.

Das finde ich mit das Faszinierendste daran, er hat unvoreingenommen sich das angeguckt, ohne Wunschdenken, er hat seine Quellen gut studiert und als einer der wenigen ‚Mein Kampf‘ freiwillig gelesen. Er hat sich das nicht weggewünscht, sondern gesagt, wenn die das jetzt tatsächlich umsetzen, dann wird es so furchtbar. Es kommt einem der Gedanke, warum hat der das gesehen, warum die anderen eigentlich nicht?

Keine Fußnoten, die ein oder andere Mutmaßung, Übernahme längerer Textpassagen aus Heidens Hitlerbiografie - Kritiker werfen Ihnen Ungenauigkeiten bei Ihrem Buch vor. Was entgegnen sie ihnen?

Das ist relativ einfach. Dann haben sie erkannt, was ich wollte. Ich wollte ja nicht ein Buch über Heiden schreiben, sondern mit Heiden. Wenn ich wie ein Historiker geschrieben hätte, wäre das Buch unleserlich geworden mit all den Fußnoten. Aber ich habe Heiden fast auf jeder Seite zitiert. Natürlich weiß man an manchen Stellen nicht ganz genau, ob das auch so stimmt. Wenn jemand sagt, dann liest er lieber direkt Heiden, dann hat mein Buch seinen Zweck erfüllt. Aber dann muss er mindestens fünf Bücher lesen und sich die Frankfurter Zeitung in allen Ausgaben besorgen, dazu die Akten des Auswärtigen Amtes und der Gestapo.

Welche neuen Projekte planen Sie derzeit?

Ich bin Herausgeber der Welt und Welt am Sonntag und von N24, da schreibe ich eine ganze Menge, habe viele Titelgeschichten und Kommentare geschrieben in der letzten Zeit. Dann bin ich dabei, mein altes Buch »Der Baader-Meinhof-Komplex« nochmal ein Stück zu erweitern, über das, was ich neu recherchiert habe und darüber, wo ich wann wie nah dran war, das bekommt so ein paar autobiografische Züge.

Das Gespräch führte
Klaus D. Desinger


(Stefan Aust: Hitlers erster Feind - Der Kampf des Konrad Heiden, Rowohlt Verlag, 384 Seiten).

Artikel kommentieren

Bisher gibt es noch keinen Kommentar zu diesem Artikel.