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Gewalt-Exzesse beim G20-Gipfel

Cochemer Polizist hat so etwas noch nicht erlebt

Cochem. 476 verletzte Polizeibeamte, Millionenschäden und eine Aggressivität, die fassungslos macht: Als sich vergangene Woche in Hamburg die mächtigsten Staats- und Regierungschefs zusammen gefunden hatten, waren es nicht die Bilder des Gipfeltreffens, die die Schlagzeilen weltweit dominierten, sondern die unfassbare Gewalt von skrupellosen Demonstranten.

Brennende Autos, geplünderte Geschäfte und immer wieder Angriffe auf Polizeibeamte. 40 Jahre ist der Cochemer Michael Reismann bereits im Polizeidienst. Was er bei seinem Einsatz vergangene Woche in Hamburg erlebt hat, überstieg die Vorstellungskraft  des  Kriminalhauptkommissars.  Dabei hat der 57-Jährige, wie er im Gespräch erzählt, schon viele sogenannte »Einsatzlagen« erlebt. Ob es die Proteste um die Startbahn West in Frankfurt oder rechte Demonstrationen in Remagen waren. »Aber solche Gewaltexzesse wie letzte Woche in Hamburg habe ich noch nie gesehen. Wir waren selbst alle schockiert«, so Reismann.

Der 57-Jährige war seit Mittwoch gemeinsam mit fünf Kolleginnen und Kollegen der Einheit »Taktische Kommunikation« in  Hamburg im Einsatz. Seit 2010 gibt es diese Einheit beim Polizeipräsidium Koblenz und der Cochemer, der im »normalen Dienst« als Kripobeamter Cochem-Zeller Ganoven zur Strecke bringt, ist ihr Koordinator. »Sämtliche Mitglieder der Einheit sind speziell für Großereignisse und Demonstrationen ausgebildet. Sinn und Zweck ist die Deeskalation.« Die Polizisten müssen fit im Demonstrationsrecht sein, aber auch besondere psychologische Kenntnisse aufweisen. Eingesetzt werden die Beamten der »Taktischen Kommunikation« immer an »vorderster Front«. Reismann: »Das funktioniert nur face to face. Wir kümmern uns um die Sorgen und Nöte der friedlichen Demonstrationsteilnehmer und kommen mit Anwohnern ins Gespräch.«  Wenn dann aber erste Gewaltakte erkennbar sind, ziehen sich die Beamten sofort zurück. »Taktische Kommunikation hört da auf, wo Gewalt einsetzt.«

Am  Samstag  mussten sich Reismann und sein Team mehrfach in St. Pauli in Sicherheit bringen, als die Lage eskalierte.  Und das hat einen guten Grund: »Wir sind nicht so ausgerüstet wie die Kräfte, die gegen Gewalttäter vorgehen.« Besonders hat er noch die Drohungen einzelner Gewalttäter im Ohr. »Als wir bei der Aufstellung eines Demonstrationszuges mit rund 70.000 Teilnehmer angepöbelt wurden, und uns angedroht wurde, dass wir die »Blauen« (Reismann und sein Team tragen blaue Warnwesten; die Redaktion) auch noch bekommen, dann wird es einem schon mulmig.«

Die schrecklichen Bilder von Übergriffen auf Polizeibeamte haben auch Freunde, Kollegen und Verwandte von Reismann besorgt.  »Ich bekam viele Nachrichten per Whats-App, in denen sich erkundigt wurde, wie es mir ging.« Als Reismann am vergangenen Sonntag die Heimfahrt von Hamburg antrat, gingen ihm immer noch die Bilder durch den Kopf.  Von Kolleginnen und Kollegen die verletzt wurden, vor Erschöpfung zusammenbrachen oder mit Pflastersteinen beworfen wurden.

Der 57-jährige Beamte hat trotz der schrecklichen Bilder auch tolle Erfahrungen gemacht. So etwa die große Anzahl an Hamburger Bürgerinnen und Bürger die sich gegenüber Polizeiamten und Sicherheitskräfte dankbar zeigten. Ganz besonders ist ihm ein kleiner Junge in Erinnerung. »Er nahm mit seinen Eltern an der friedlichen Demonstration teil und kam zu uns und gab jedem Beamten eine kleine gelbe Blume. Einfach eine tolle Geste«, so Reismann. Alles in allem ist Reismann mit dem Einsatz seiner Einheit zufrieden.

Seine Erfahrungen kann er auch an angehende Polizeibeamte weitergeben. Zweimal im Jahr hält er an der Landespolizeischule ein Referat zur »Taktischen Kommunikation«. Dort benutzt er nach eigenen Angaben immer zu Beginn ein Zitat von Nelson Mandela. Der Friedensnobelpreisträger hat sich einmal mit den Worten geäußert, dass das »Wort die stärkste Waffe ist«. Vermutlich wären in Hamburg noch mehr Verletzte zu beklagen, wenn nicht die Einheiten der »Taktischen Kommunikation« für die eine oder andere Deeskalation gesorgt hätten.

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