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Schicksal der Familie Geisel erforscht

Bullayerin bei Geschichtswettbewerb ausgezeichnet

Bullay. Fritz Geisel, Metzger in Pünderich, verließ 1939 unter steigendem Druck der Nazis seine Heimat. Über England emigrierte er in die USA. Er musste seine Mutter Helene zurücklassen, die 1942 im Vernichtungslager ums Leben kam.

Die Nachfahren der Geisels waren im vergangenen Jahr - anlässlich der Stolperstein-Verlegung im Landkreis Cochem-Zell - zum ersten Mal in Deutschland. Dort lernten sie auch die Bullayer Schülerin Judith Esser kennen. Die junge Frau hatte sich mit dem Schicksal der jüdischen Familie Harf beschäftigt und bei der Verlegung von Stolpersteinen in Bullay deren geschichtlichen Hintergrund mit aufgezeichnet. In den Tagen an der Mosel kamen die Gymnasiastin und die Geisels in Gespräch. Eine Initialzündung für Judith Esser, die beschloss, eine Facharbeit über die Pündericher Familie zu schreiben. Ein Projekt, das auch bei den Geisels in den USA viel Neues ans Tageslicht brachte. "Wir sind über E-Mails in Kontakt geblieben", erzählt die Bullayerin, die in Archiven - auch online - einiges über das Familienschicksal entdeckte.

Auf dem Judenfriedhof in Bullay konnte sie das Grab von Leopold Geisel besuchen. Eine Hälfte des Grabsteins war für seine Frau reserviert, die dort aber nicht ihre letzte Ruhestätte finden konnte. Helene Geisel war die Frau des Pündericher Metzgers Leopold Geisel. Das Paar hatte vier Kinder - Else, Fritz, Käthe und Ernst. Als Leopold Geisel 1935 starb, übernahm sein Sohn Fritz das Geschäft. 1936 schlossen Nazis die Metzgerei. Im »Nationalblatt« begründeten sie diesen Schritt damit, dass Fritz Geisel die Preise für Kuhfleisch überschritten habe. Doch für den jungen Metzger kam es noch schlimmer: Nach der Pogromnacht, die durch den Einsatz der Pündericher Nachbarn die Geisels verschonte, wurde Fritz für einen Monat ins KZ nach Dachau deportiert. Ebenso, wie seinen Schwestern, gelang ihm später jedoch die Flucht in die USA. Über die Zeit im KZ sprach er Zeit seines Lebens nicht, seine Tochter bekam dies später nur durch Zufall heraus. Bruder Ernst starb 1938 nach kurzer, schwerer Krankheit. Mutter Helene blieb in Pünderich zurück. Im Juli 1939 zog sie nach Köln. Von dort wurde sie 1941 nach Lodz deportiert. Im Mai 1942 kam sie ins Vernichtungslager Kulmhof, wo sie vermutlich direkt nach ihrer Ankunft ermordet wurde.

Mit ihrer Facharbeit "Kaddisch für eine Tote. Jüdisches Leben in Pünderich zur NS-Zeit am Beispiel der Familie Geisel. Erinnerungskultur als Brücke in die Gegenwart" wurde sie eine von 15 Landessiegern der Körber-Stiftung, des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten. Weitere Informationen im Internet: www.koerber-stiftung.de

Fotos: Pauly (2) / Hommes

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