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Zur Woche des Sehens: Und plötzlich ist alles dunkel ...

Trier. Zwölfeinhalb Jahre sind vergangen seit dem Tag, an dem Kerstin Müller-Klein die Augen aufmachte – und nichts sah. Die gelernte Floristin aus dem nördlichen Saarland brauchte eine Weile, bis sie die Dunkelheit um sich herum akzeptieren konnte. Zur Woche des Sehens hat sie uns ihre Geschichte erzählt.

Bis zum Tag X, der ihr ganzes Leben verändern sollte, hatte Kerstin Müller-Klein ein schönes Leben, sagt sie: »Ich war selbstständige Floristin, besaß einen eigenen Blumenladen, war mit Mann, Kind, Hund und Haus ein glücklicher Mensch. Alles prima!«

Den Anfang zur Dunkelheit machte eine starke Grippe
Begonnen hatte alles mit einer starken Grippe, die sie aufgrund ihrer Selbstständigkeit nicht auskuriert hatte. Die Beschwerden wurden einfach nicht besser, immer wieder plagten sie heftige Kopfschmerzen und sie wurde Stammkundin in der Apotheke. Wochen später ging es ihr so schlecht, dass sie ihrer Angestellten mitteilte, sie müsse ein paar Tage zu Hause bleiben.

Diagnose: Sinus-Venen-Thrombose und Hirnblutungen
Und dann nahm das Drama seinen Lauf: vom HNO-Arzt zum Orthopäden und niemand konnte ihr helfen. Der Druck in ihrem Kopf wurde immer schlimmer. Nach einer 14-tägigen Ärzte-Odyssee sei sie dann endlich ins Krankenhaus gefahren. »Während der Fahrt ins Krankenhaus sagte ich zu meinem Schwiegerpapa, dass das Wetter heute ja ganz schön schlecht sei und er antwortete mir: »Nee, Kerstin, die Sonne scheint am schönen blauen Himmel.«

Ein Sarg mit weißen Callas und roten Rosen
Ihr seien dann die Tränen in die Augen gestiegen und sie habe sich gefragt, was denn bloß mit ihren Augen los sei, erinnert sich Kerstin an jenen schicksalsvollen Tag im März 2005. Kerstin wurde stationär aufgenommen. Es folgten neurologische Untersuchungen. Schnell stand die Diagnose fest: Sinus-Venen-Thrombose und Hirnblutungen. Ihr Mann Oliver habe an ihrem Bett gesessen, sie habe ihn aber nur verschwommen sehen können. »Ich bat ihn, einen Sarg zu bestellen, auf dem ich mir weiße Callas und rote Rosen wünschte«, erinnert sie sich an den schlimmsten Tag in ihrem Leben: »Eines Morgens kam ein Pfleger ins Krankenzimmer, riss den Fenstervorhang fröhlich auf und wünschte uns Mädels einen guten Morgen. Ich öffnete meine Augen und alles, was ich sah, war Schwarz«, erzählt Kerstin vom ersten Tag ihrer Blindheit. Zuerst glaubte sie an einen schlechten Scherz, aber schnell wurde klar: Das ist alles real. Sie war vollkommen erblindet. »Tausend Gedanken schossen mir durch den Kopf: Wie geht es jetzt weiter mit meinem Leben? Was soll ich noch auf dieser Welt? Ich kann nicht mehr sehen, oh mein Gott!« Das alles ist inzwischen zwölfeinhalb Jahre her.

Kerstin betreibt einen eigenen Blog im Internet
Neben vielen traurigen Momenten gibt es im Leben der fröhlichen Saarländerin auch viele Glücksmomente – sei es als Karnevalsprinzessin oder auch als Inspirationsquelle von Buchautor Andreas Pflüger, für den sie sich in die Rolle einer blinden Kommissarin hineinversetzte, oder aber auch beim Dekorieren des sehr geschmackvoll eingerichteten Zuhauses, in dem jedes einzelne Teil seinen Platz hat, damit Kerstin sich gut zurechtfindet. Mann und Tochter haben sich an diese penible Ordnung gewöhnt. »Uns fällt gar nicht mehr auf, dass sie nichts sieht«, betonen Oliver und Franzi unisono.

Mit dem Langstock kann Kerstin sich bis heute nicht anfreunden. Nur, wenn es gar nicht anders geht, hat sie ihn dabei. So zum Beispiel, wenn sie mal wieder ganz alleine mit der Bahn verreist, was sie inzwischen zweimal getan hat. Kerstin findet es wichtig, dass sich das Bild blinder Menschen in der Gesellschaft verändert. Und wenn das jemand schafft, dann ist es die junge Frau aus Limbach.

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