Svenja Pees

Dorette Polnauer: Sie fühlt sich zeitweilig "gehemd"

Zemmer. Im althochdeutschen Sprachgebrauch bezeichnet das Wort "Hemedi" die Haut, Ursprung des heutigen "Hemd". Für Dorette Polnauer ist es mehr als eine zweite Haut. Es stellt den Mittelpunkt ihrer Reihe "Farbhäutung" dar. Hemden in abwechslungsreichen Farbtönen und beflügelnden Umsetzungen, nicht nur in Acryl. So hingen auch bereits ihre außergewöhnlichen Hemden aus einer Art feinem Aluminiumgewebe über den kleinen Wasserfall am "Amüseum" in Saarburg gespannt. Ein halbes Jahr lang, allerdings nicht zum Trocknen.

Mittlerweile zieren die bunten von der Witterung geprägten Hemden am Drahtseil den endlos hoch erscheinenden Innengiebel des "Arte4", des ungefähr 80 Quadratmeter großen Ateliers mit angebundener Wohnung. Hinter dem mächtigen blauen Tor lebt Dorette Polnauer mit ihrem Lebensgefährten, einem Bildhauer. Aus dem gepflegten Garten schnattern drei Enten vergnügt und laufen aufgeregt umher, sobald sich die beiden Katzen nähern. Ihre Haustiere dienten des Öfteren schon als Modelle diverser Gemeinschaftsarbeiten. Polnauers Partner hielt sie in Holz oder Stein fest und die Künstlerin erweckte die Skulpturen mit Farben zum Leben. 

Zwischen den Pigmenten lesen

"Die wahrgenommenen Farben symbolisieren für mich eine gewisse Stimmung und Befindlichkeit. Sie drücken ein Lebensgefühl aus", sagt die studierte Grafikerin. Anders als der spanische Maler Pablo Picasso, der in seiner blauen Periode einen "Blues" in Blau verarbeitete, erlebte Polnauer diese Farbe. "Während einer Reise nach Neuseeland erfuhr ich meine blaue Phase", erinnert sich die 58-Jährige. "Die Luft dort war so klar und rein." Polnauers Blau stand in dieser Zeit vor allem für eines: für die Klarheit. Diese Umsetzung war der Künstlerin immens wichtig. Möglicherweise als eine Auseinandersetzung mit sich selbst. "Manchmal störte mich sogar das Meeresrauschen beim Malen und ich musste das Fenster schließen", schmunzelt die Künstlerin heute rückblickend. Ein Bild ist weitaus mehr als die Summe seiner Pigmente.

Wie Sand am Meer

Gefühle sind ein ungreifbares Paradoxon. Von einem unkontrollierbaren Medley der Sinneseindrücke in Bewegung gebracht, überfahren sie oftmals mit ihrer Wucht, zerschellen wie eine gnadenlose Welle an der Mole des Lebens oder äußern sich in gelassener Form des Siechtums eines sumpfigen Tümpels. Um sich einige Eindrücke ihrer Reisen auch zu Hause zu bewahren, hat Polnauer stets eine leere Flasche im Gepäck, um sie mit Sand oder Erde zu füllen. Diese mischt sie dann unter die gewünschten Farbpigmente, ein spezielles Bindemittel sorgt für die Festigkeit. So verleiht sie ihren Werken eine ganz persönliche Note. Eine beträchtliche Sammlung von verschiedensten Tönen feinkörniger Substanzen lädt zum Emotionsausdruck in kreativer Weise ein. "Die durchlebten Phasen stehen nie still und kehren häufig wieder. Ob nun auf Gefühls- oder Farbebene", weiß die gebürtige Recklinghäuserin aus Erfahrung.

 

Farben fühlen

Gefühle bezüglich der Farblehre sind auch ein Thema ihrer Betreuungs- und Unterrichtsstunden. Ob mit Kindern, Erwachsenen oder Bewohnern eines Seniorenheims ? Polnauer versucht das Gespür zu sensibilisieren. "Es ist schier unmöglich, mit geschlossenen Augen und ohne ein Absetzen des Stifts einen Kreis exakt nachzuzeichnen. Es entstehen spiralförmige Figuren", sagt die Künstlerin. Inspiriert durch die Unendlichkeit des Kreises und die suggestive Rotation dieser gedrehten Linie, entstand ihre Reihe "Spiral". Dorette Polnauers Spirale dreht sich immerfort in Richtung der vielfältigen Möglichkeiten von Kunst.

Infos

Dorette Polnauer öffnet nach Anmeldung gerne das beeindruckende blaue Tor zu ihrer Kunstwelt und freut sich über interessierte und neugierige Besucher des Ateliers. Mehr unter www.dorette-polnauer.de RP

Fotos: Pick/FF

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