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»Der Tod ist etwas Essenzielles«

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Mit 23 Jahren ist Nadine Kreuser die jüngste Hospizbegleiterin, die sich im Hospiz-Verein Rhein-Ahr engagiert. Zum Welthospiztag am Samstag, 12 Oktober, stellt der Verein ab 15 Uhr seine Arbeit im Hospiz im Ahrtal vor.

Mit 23 Jahren stecken viele Menschen im Studium oder sind gerade gut im Beruf angekommen. Es ist die Zeit, in der viele ihre Freiheit genießen, sich aber auch langfristige Ziele setzen. Der Tod spielt da selten eine Rolle. Nadine Kreuser aus Ahrweiler hat sich ganz bewusst für den Tod in ihrem Leben entschieden – und das mit viel Lebensfreude. Im Hospiz-Verein Rhein-Ahr nimmt sie sich als ehrenamtliche Hospizbegleiterin viel Zeit, um Menschen am Ende ihres Lebensweges zu begleiten. In ihrem Alter ist sie eine Ausnahme. Mit dem Palliativbereich kam sie erstmals als junges Mädchen in Berührung, als ihr Opa dort seine letzte Lebenszeit verbrachte. »Die Familie ist damit sehr offen umgegangen«, sagt Nadine Kreuser. Oft sähen Erwachsene im Tod ein Tabuthema für Kinder. Dass es bei ihr nicht so gewesen sei, habe geholfen.

Das Interesse an der Sterbebegleitung weckte der Religionsunterricht am Thomas-Morus-Gymnasium in Daun. Lehrer Michael Milbert hatte dem Kurs verschiedene Bücher zur Auswahl gegeben, der Kurs entschied sich für »Selbst bestimmt sterben« von Gian Domenico Borasio. »Der Lehrer hat den Unterricht sehr anschaulich gestaltet«, erinnert sich Nadine Kreuser. Das Thema hat sie so interessiert, dass sie 2015 sogar eine freiwillige mündliche Abiturprüfung dazu ablegte. Ihr Interesse daran war auch einer der Gründe, sich neben dem Jura- auch für ein Theologiestudium an der Uni Bonn einzuschreiben. 2015 zog sie nach Ahrweiler und las dort eine Annonce des Hospiz-Vereins Rhein-Ahr. »Ich habe mich beworben, aber mir wegen meines Alters keine Chancen ausgerechnet«, erzählt sie. Doch damit lag sie falsch. 2016 begann sie den ersten von zwei Kursen, in denen der Hospiz-Verein die künftigen Begleiter für ihre Aufgaben schult.

Natürlich erlebe sie in ihrem Umfeld manchmal auch Skepsis, weil sie sich in jungen Jahren mit dem Sterben beschäftigt. »Aber ich rede gerne darüber, weil es etwas Essenzielles ist«, erklärt Nadine Kreuser: »Durch den Umgang damit wird man reflektierter und schaut darauf, was einem selbst guttut. Ich achte zum Beispiel darauf, dass ich bei Begegnungen mit Freunden ganz in diesem Moment da bin.« Ihr mit ihrem eigenen Lebensende geht sie offen um. „Ich habe eine Patientenverfügung und auch meine Beerdigung ist geplant,“ sagt sie lächelnd: „Aber ohne den Kurs zur Hospizbegleitung hätte ich mir darüber keine Gedanken gemacht.“

Nadine Kreuser hat bereits zahlreiche Menschen sowohl ambulant als auch stationär im Bad Neuenahrer Hospiz in ihrer letzten Lebenszeit begleitet. Die Koordinatorin des Hospiz-Verein und die Hospizfachschwester schauen im Vorfeld sorgfältig, welcher Hospizbegleiter zu welchem Gast passen könnte. Während die Begleiter in der stationären Betreuung meist wechseln, kümmert sich in der ambulanten Betreuung immer der gleiche Begleiter um einen Menschen. Auch wenn klar ist, dass die Gäste des Hospizes sterben werden, herrscht dort mitnichten schwermütige Stimmung, wie Nadine Kreuser betont: »Es ist hell und freundlich, wir lachen viel, es herrscht eine gute Stimmung und der Sensenmann steht auch nicht dort.

Wenn Nadine Kreuser mit den Menschen, die sie begleitet, erstmals in Kontakt kommt, weiß sie nicht mehr als den Namen, das Alter und manchmal den Wohnort. Die Krankheit des Menschen wird ihr nicht mitgeteilt. „Man muss seine Neugier abstellen. Sie kann den Weg zu dem Menschen verstellen“, sagt sie. Oft erzählt auch die Begleitete nichts über seine Krankheit. Überhaupt ist der Tod selten ein Thema. »Viele Menschen haben Ziele, die sie sich noch gesteckt haben. Selbst wenn klar ist, dass sie sie nicht erreichen können, ist es nicht unsere Aufgabe, sie sozusagen auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen. Ich bin da für die persönliche Wirklichkeit des Menschen«, sagt sie. Oft sei es für die Menschen eine Entlastung, mit jemand außerhalb des familiären Umfeldes reden zu können. »Denn ihr größte Problem ist oft, für ihre Angehörigen da zu sein, für die sie topfit sein wollen«, weiß Nadine Kreuser. Schließlich ist den totkranken Menschen oft bewusst, wie schwer das Bewusstsein um den kommenden Tod auf ihren Angehörigen lastet.

Als Belastung hat Nadine Kreuser den Umgang mit den Menschen nie empfunden. Ihr helfen zum Beispiel Rituale dabei. »Dieser Zeitabschnitt, wenn ich dort bin, ist immer wie eine kleine Blase«, sagt sie. Natürlich gibt es auch Tage, an denen ein Gast nicht gut drauf ist, mit seinem Schicksal hadert und manchmal aggressiv wirkt. „Man muss sich bewusst sein, dass das nie gegen einen selbst geht, sondern immer gegen die Krankheit“, weiß sie. Dennoch besteht natürlich auch für die Hospizbegleiter selbst immer die Möglichkeit zu Gesprächen.

Ein Großteil der ehrenamtlichen Hospizbegleiterinnen sind ältere Damen. „Manche hat vielleicht ihren Mann verloren, hat daher Kontakt zum Hospiz-Verein und sucht ein Ehrenamt. Manche haben die Ausbildung gemacht, aber erst nach der Berufstätigkeit Zeit dazu“, so Nadine Kreuser: „Ich glaube, manchmal ist einfach Angst dabei, sich mit diesem Thema auseinanderzusetzen. Aber man muss nur einen kleinen ersten Schritt machen.“ Sie wünscht sich, dass dieses Ehrenamt auch mehr junge Menschen ausüben. Deshalb arbeitet sie auf Bundesebene mit zwölf jungen Menschen an einem Projekt, das vom Familienministerium und dem Deutschen Hospiz- und Palliativverband unterstützt wird. Die Gruppe erarbeitet Wege, wie man junge Leute und Berufstätige für dieses Ehrenamt gewinnen kann. Für ihr Engagement in der Hospiz-Arbeit wurde Nadine Kreuser vor Kurzem von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey in Berlin als einzige Rheinland-Pfälzerin mit einer Anerkennungsurkunde ausgezeichnet. Insgesamt sind im Bundesland nur sechs Menschen unter 30 Jahre ehrenamtlich in der Hospizbewegung tätig.

Im Hospiz-Verein kann sich auch engagieren, wer nicht unmittelbar in der Sterbebegleitung aktiv sein möchte. Auch Hausmeistertätigkeiten, Backen oder andere Tätigkeiten stehen offen. Zum Welthospiztag am Samstag, 12. Oktober, stellt der Hospiz-Verein sich und seine Arbeit um 15 Uhr im stationären Hospiz im Ahrtal, Dorotheenweg 6, oberhalb des Bad Neuenahrer Krankenhauses. Es gibt Kaffee und Kuchen, der Hospizchor singt, und mit anderen Ehrenamtlern in der Hospizarbeit berichtet Nadine Kreuser über ihre Motivation, ihre Erfahrungen und Erlebnisse. Ansonsten erteilt Sabine Schonschek unter Tel. 0160-4003643 oder E-Mail an koordination@hospiz-rhein-ahr.de Auskünfte.

www.hospiz-rhein-ahr.de

 

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Kommentar von Eva
Der Artikel gefällt mir, weil er junge Leute dazu animiert, sich mit dem Thema Hospizarbeit auseinander zu setzen.
Ich habe in diesem Hospiz jedoch andere Erfahrungen gemacht. Mein Vater ist im Juli dort verstorben. An der Wand hingen Fotos von etlichen Ehrenamtlern, gesehen haben wir jedoch kaum jemanden. Auf den Fluren und in den Räumen war es auch immer still, das beschriebene lachen und die fröhliche Atmosphäre waren nicht präsent.
Ebenso wurde mein Vater nicht "in seiner Welt gelassen", sondern es wurde oft betont "Sie wissen doch dass Sie sterben müssen" wenn er Pläne schmiedete.
Als ich zu Besuch war, empfand ich dort eher eine bedrückende Stille.
Ich bin sehr dankbar dass mein Vater dort sein durfte, ihm Schmerzen genommen wurde und alle wirklich ausnahmslos freundlich und zugewandt waren.
Aber bestimmte Inhalte aus dem Artikel haben wir anders erlebt.