1 Kommentar

"Ich dachte, ich habe zu lange gewartet"

VG Brohltal. "Der typische Dialysepatient liegt und sieht fern. Das liegt mir fern", scherzt Christian Paul aus Burgbrohl. Er nutzt seine Dialysezeiten lieber schreibend.

Aus den Schriften, des 45-jährige Christian Paul ist ein Buch entstanden: »5928 Stiche – Ein Leben mit der Dialyse«. Paul hat zurückgerechnet. 5928 Nadelstiche hatte er bei der Dialyse bereits ertragen, als er sich im Sommer 2016 für das Schrei­ben entschied.
»Ich bin morgens aufgewacht und habe meiner Frau gesagt, dass ich das Buch schreibe«, erinnert er sich. Am gleichen Tag machte er sich ans Werk. Auslöser waren die stets gleichen Fragen aus seinem Umfeld. »Irgendwann war ich genervt«, erklärt Christian Paul: »Meine Nieren funktionieren nicht mehr. Deshalb muss ich aufpassen, dass ich nicht zu viel trinke. Auf Partys fällt das natürlich auf und man wird schnell zum Thema.«
Paul brauchte lange, um seine Nierenkrankheit zu akzeptieren. Mit 19 Jahren erfuhre er von den Ärzten davon. Sie prognostizierten, dass er in fünf bis sieben Jahren zum Dialysepatient werde. Damals absolvierte er eine Ausbildung als Kunstschmied in Maria Laach. »Mein Traumberuf«, sagt Christian Paul.

»Ich habe es richtig krachen lassen«

Doch die Ärzte sagten, dass sich der Beruf negativ auf seine Gesundheit auswirken werde. »Ich war jung und wollte es nicht wahrhaben. Die Ärzte sagten fünf bis sieben Jahre – also hatte ich Zeit«, erinnert sich Paul, der das Problem vor sich her schob: »Ich habe es richtig krachen lassen.«
Dennoch suchte er sich eine Lehre als Musikalienhändler, die er 1996 beendete. »Ich habe selbst viel Musik gemacht, nebenbei als Lichttechniker gearbeitet und Konzerte organisiert«, sagt Christian Paul. Dies und seine Arbeit, die er bis vor zehn Jahren in Vollzeit ausübte, sei für das Selbstwertgefühl wichtig gewesen.
Nach seiner Ausbildung arbeitete er in Mayen in der Verwaltung einer großen Warenhauskette. Er ging regelmäßig zur Kontrolle der Körperwerte. »Anfangs waren die in Ordnung«, berichtet Paul.  Zweieinhalb Jahre vor Beginn der Dialyse wurden sie schlechter. »Aber körperlich habe ich nichts gemerkt und deshalb umso mehr auf den Putz gehauen«, erzählt er. Doch irgendwann kamen Krampfanfälle und Brechattacken. »Der Körper hat versucht, das Gift loszuwerden«, weiß Paul heute.
Es war ein Samstagmorgen im April 1998, der alles veränderte. Auf der Arbeit wurde Christian Paul übel. Den Weg zur Kantine, um sich dort mit einer Cola Besserung zu verschaffen, packte er nicht mehr. Der Giftstoff im Blut war inzwischen so hoch, dass seine Beine versagten und ihn zur Pause auf der Toilette zwangen. »Ich dachte, ich habe zu lange gewartet und das war es jetzt«, erinnert er sich.

13 Tage im künstlichen Koma

Nun war klar: Die Dialyse lässt sich nicht mehr aufschieben. Er startete zwar mit ihr, wirklich abfinden konnte er sich aber nicht damit. 2010 folgte der nächste Schlag. »Ich hatte einen Blinddarmdurchbruch und lag 13 Tage im künstlichen Koma mit einem höllischen Albtraum«, sagt er.
»Im Traum wurde ich von der Organmafia entführt und war mir sicher, meine Frau nie wiederzusehen. Vermutlich habe ich das Koma nur überlebt, weil sich mein Körper gegen diese Vorstellung gewehrt hat«, gibt Christian Paul preis: »Danach hat sich mein Weltbild geändert.«
Seine Frau Alex sei stets das »Benzin im Motor« gewesen. »Es hat sich immer gelohnt, für sie weiterzukämpfen.« Heute sagt Christian Paul: »Es gibt zwar schöneres als die Dialyse. Aber man kann trotzdem ein glückliches Leben führen.« Mehrfach wöchentlich muss er zur Dialyse.
Trotzdem macht er, was ihm Spaß macht: »Ich fand zum Beispiel Bogenschießen immer toll. Das erdet und gibt Ruhe.« Also legte er sich einen Bogen zu. Seine Dialysezeiten nutzte er unter anderem zum Schreiben, seiner neuen Passion.
»Es gibt viel Literatur über Dialyse, aber da wird viel schwarz gemalt. Ich möchte mit meinem Buch Mut machen.« Zahlreiche Rückmeldungen bestätigen dem Autor, dass ihm das gelingt. Inzwischen hat Christian Paul ein zweites Buch mit amüsanten Kurzgeschichten aus dem Alltag seiner Mitmenschen veröffentlicht. Zwei weitere Bücher sind gerade in Arbeit.

www.christian-paul.info

Artikel kommentieren

Kommentar von Claudia
Respekt!!! Genau DAS hatte ich vor über 30 Jahren auch vor.. aber .... leider.
Deshalb MUSS ich dieses Buch haben!!!????
Ich wünsche Ihnen alles alles gute!!!!