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Beseelt vom Ruf der Wildnis

Hümmel. Zu seinem 30-jährigen Jubiläum als Tierfilmer gewährt Andreas Kieling in einem neuen Buch tiefe Einblicke in sein Leben.

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Schon als kleiner Junge entdeckte Andreas Kieling seine Leidenschaft für Tiere, beobachtete Eidechsen oder Hirsche und konnte stundenlang vor einem Ameisenhaufen sitzen. Ein handzahmer Maulwurf war »sein Freund« und als er mit sechs Jahren mit einem Plastikrohr einen Hirschruf imitierte und der Hirsch tatsächlich antwortete, hatte er Tränen in den Augen. Erste Tierfotos machte er als Achtjähriger von seinem Meerschweinchen und mit zwölf Jahren verdiente sich der gebürtige Thüringer sein erstes Honorar von vierzig Ostmark für ein Titelfoto von einem Mäusebussard im Magazin »Der Falke«. Romane von Mark Twain, so »Die Abenteuer des Huckleberry Finn«, verschlang er als Jugendlicher ebenso wie Jack Londons Bestseller »Der Seewolf« oder »Ruf der Wildnis«. Diesem »Ruf«, verbunden mit Abenteuer- und Reiselust, insbesondere aber der großen Leidenschaft für Tiere, folgte Andreas Kieling 1991, als er unter größten Strapazen mit einem Kanu rund 3.500 Kilometer den Yukon Fluss von seinen Quellen in Kanada und quer durch Alaska bis zur Mündung in die Beringsee paddelte. Danach beschloss Kieling, seine Leidenschaft für Tiere und die Natur zu seinem Beruf zu machen.

Als professioneller Tierfilmer ist er seit 30 Jahren in allen Erdteilen auf den Spuren von außergewöhnlichen Tieren unterwegs, beobachtet und filmt Grizzlys, Berggorillas, Wüstenelefanten, Schneeleoparden, Eisbären in Alaska oder auch heimische Tiere in der Eifel. Auch für Kieling sind die Tiere der Eifel inzwischen "Einheimische", denn seit 40 Jahren lebt er in seiner Wahlheimat Hümmel. Weltweite Popularität erlangte er durch seinen gemeinsamen »Tauchgang« mit einem Salzwasserkrokodil im Adelaide River in Australien, was bis heute keinem anderen gelang: »Danach hat mich sogar der als ‚Crocodile Hunter‘ weltweit bekannte Steve Irwin, der ja leider 2006 verstorben ist, angerufen«, erinnert sich Kieling, der es auch als Einziger schaffte, mit einem Grizzly zu tauchen. Viele seiner Erlebnisse hat er jetzt auf 288 Seiten in seinem beeindruckenden Buch »30 Jahre Tierfilm« festgehalten, in dem er viel von sich und seinem Leben preisgibt. Er beschreibt sein aufregendes Leben, mit Höhen und Tiefen, mit vielen Entbehrungen, Gefahren, Krankheiten aber überwiegend Glücksmomenten: »Die Leidenschaft für Tiere und die Natur hat sich durch mein ganzes Leben gezogen und treibt mich bis heute an. Rückblickend kann ich sagen, dass ich ein erfülltes Leben hatte und habe«, so Andreas Kieling im Gespräch mit dem WochenSpiegel. Sein Leben und das 30-jährige Jubiläum als Tierfilmer, Fotograf und Buchautor sieht er als großes Geschenk: »Ich war in Regionen, von denen ich als Jugendlicher nur geträumt habe. Ich denke gerne an all die Eindrücke und Begegnungen sowie an filmische Höhepunkte, die ja teilweise über den ‚National Graphik Channel‘ weltweit gesendet wurden«, erzählt Kieling, der seit Jahren auch für die ZDF Sendung »Terra X« unterwegs ist.

In dem jetzt erschienenen Buch »30 Jahre Tierfilm« bekennt er aber auch, dass alles auch seinen Preis hat: »Meine Haut wurde durch extreme Temperaturen in trockenen, heißen Gebieten oder eiskalten Temperaturen, etwa im winterlichen Alaska, in Mitleidenschaft gezogen. Meine Augen nahmen durch lange Aufenthalte in weißen Schneelandschaften Schaden. Oft kämpfte ich mit schneidender Kälte auf höchsten Gipfeln. Bei teilweise bis zu 57 Grad minus, fror dort sogar die Tränenflüssigkeit ein«, beschreibt Kieling jetzt Extremsituationen, Gefahren und Entbehrungen in seinem Buch. Hilfreich zur Seite stand ihm bei der Fotoauswahl auf den 288 Seiten der Hellenthaler Fotograf Helmut Schmidt, der rund 55.000 Fotos aus Andreas Kielings Fotoarchiv gesichtet hat: »Er hat zwei Monate lang mit frischem Blick daraus 280 zum Teil noch nie veröffentlichte Fotos ausgewählt«, freut sich Kieling. Die Texte im Buch basieren auf Erinnerungen und Notizen, die er in sechs Ordnern gesammelt hat: »Meine handgeschriebenen Notizen, die ein Außenstehender kaum lesen kann, habe ich als Audiodateien gesprochen, die dann eins zu eins abgetippt wurden. Meine Co-Autorin Sabine Wünsch rief mich danach an und meinte, das wäre aber 80 Seiten zu lang. Sie hat das Ganze dann mit viel Arbeit wunderbar auf den Punkt gebracht und im Buch umgesetzt, dafür bin ich ihr sehr dankbar«, freut sich Buchautor Kieling. Rund neun Monate im Jahr ist er immer noch weltweit für seine Leidenschaft Tiere und Natur unterwegs.

Wo er noch nicht war? Die Frage beantwortet der Wahl-Hümmeler schmunzelnd: »Ich war noch nie auf Mallorca und den Galapagosinseln«. Letztere will er aber unbedingt noch bereisen. Das jetzt veröffentlichte Buch ist für den 62-Jährigen aber nicht nur eine Retrospektive auf sein Lebenswerk als Tierfilmer, sondern eine echte Herzensangelegenheit. »Meine Leidenschaft für Tiere und die Natur ist nie verblasst, auch mit zunehmendem Alter nicht, ganz im Gegenteil«, sagt Andreas Kieling, als er in seinem Haus in Hümmel wieder einmal dabei ist, für die nächste Entdeckungsreise in die weite Welt die Kameraausrüstung zu checken und seine Koffer zu packen.


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