Eifel Kurz Krimi 4: Der Heimkehrer

Wolfgang Andres brachte die Geschichte sogar auf der Titelseite des Wochenspiegels. »Unverhofftes Wiedersehen« titelte er in Anlehnung an eine Kalendergeschichte von Johann Peter Hebel.

»So eine Geschichte kann nur das Leben schreiben«, hieß es straßauf, straßab im Dorf. »Fijuene Gretchen singe Schorsch ess wedder do!« sagten die Alten, die noch den lokalen Dialekt sprachen. Jeder im Dorf hatte die Geschichte der Frau schon gehört, deren Mann am ersten gemeinsamen Hochzeitstag zum letzten Mal zum Schmuggeln über die Grenze nach Belgien gehen wollte und dann nicht mehr zurück kam. Das war jetzt fast 60 Jahre her.

Aber Franz Purzeld, Alexander Wagner und Ferdinand Kaltenbrunner, die permanente Skatrunde im Dorfkrug, wärmte die Geschichte für jeden neuen Dorfbewohner wieder auf.

Niemand hatte ernsthaft damit gerechnet, dass der verschollene Schmuggler noch einmal auftauchen würde. Aber kurz vor Weiberfastnacht klingelte es an Gretchens Tür und als sie öffnete, stand da ein alter Mann vor ihr, der seine Arme breitete und sagte: »Hallo Gretchen, ich bin es, Dein Schorsch. Ich wollte endlich wieder nach Hause zu Dir.«

Gretchen hatte sich erst einmal setzen müssen. Danach tischte sie Kaffee und der Alte seine Geschichte auf. Sie war abenteuerlich. Auf seiner letzten Schmuggeltour hatten ihn die Zöllner in Belgien erwischt. Sie hatten ihm den Prozess gemacht und zu einer vergleichsweise geringen Haftstrafe verurteilt. Aus Schamgefühl habe er sich nicht gemeldet und sich nach Verbüßung der Haftstrafe zur Französischen Fremdenlegion verpflichtet. Er berichtete lebhaft von seinen Erlebnissen im Indochina-Krieg und wie es ihm sonst in den zurückliegenden 60 Jahren ergangen war. Leibwächter wollte er gewesen sein, Straßenhändler, Glücksspieler, Bettler, Alleinunterhalter und vieles mehr. Gretchen hörte nicht richtig zu. Ihr klopfte das Herz und das Blut rauschte in ihren Ohren.

In Windeseile war die Geschichte im Dorf rund. Dann meldeten sich auch schon die Medien.

Fijuene Gretchen, deren eigentlichen Namen Margarethe Heckenbach die meisten Dorfbewohner erst den Presseberichten entnahmen, ließ den Ansturm öffentlichen Interesses mit einer geradezu beeindruckenden Gelassenheit über sich ergehen. Immer wenn jemand sie mit »Gretchen, ist das nicht zu schön, um wahr zu sein?« ansprach, nickte sie bedächtig und antwortete: »Ja, zu schön.«

Sie wusste, dass die Geschichte nicht wahr war. Um nach 60 Jahren heimzukehren hätte Schorsch von den Toten auferstehen müssen. Er hatte sie betrogen, vor der Hochzeit, nach der Hochzeit und wie sie erfahren hatte, auch an ihrer Hochzeit. Servaes Lieschen hatte es ihr an ihrem ersten Hochzeitstag erzählt. Sie selbst war es gewesen, mit der Schorsch es an diesem Tag getrieben hatte.

Gretchen hatte keine Miene verzogen. Aber am Abend hatte sie Schorsch mit dem Nudelholz erschlagen, im Garten eine Grube ausgehoben, den Leichnam darin versenkt und den frischen Grabhügel mit Veilchen bepflanzt, in der Hoffnung, der Veilchenduft könnte den Verwesungsgeruch überdecken. Dieses Veilchenbeet hatte ihr ihren Spitznamen eingebracht. Dabei hasste sie Veilchen.

Und jetzt war aus dem Nichts der falsche Schorsch aufgetaucht. Seither beschäftigten sie zwei Fragen: Wie war er auf sie gekommen? Und wie würde sie ihn wieder los?

Harry Verhufen

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