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Einblicke in die Flüchtlingsunterkunft am Römerkastell

Ruhig ist es in der Notunterkunft für Flüchtlinge am Römerkastell - unerwartet ruhig. Es ist kurz nach 11 Uhr. Nur hier und da schlafen einige Flüchtlinge auf den Feldbetten in den drei Turnhallen, im Ess- und Aufenthaltssaal sitzen einige kleine Gruppen zusammen, trinken Tee und unterhalten sich. Draußen vor der Notunterkunft habe ich auf meinem Weg zur Einrichtung einige Kinder schaukeln gesehen, im Flur sind ein paar Kinder mit Bobbycars unterwegs.
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In einer der Schlafhallen sehe ich zwei Männer, die sich dabei abwechseln, mit einem Wischmopp der Boden zu säubern. „Das Aufräumen und Saubermachen in den Schlafhallen gehört zu den Aufgaben, die von den Flüchtlingen selbst übernommen werden, und das klappt sehr gut“, erzählt mir Günther Betzer. Hier sind tatsächlich 200 Flüchtlinge untergebracht? „Ja“, antwortet der 54-Jährige, „bei voller Belegung leben hier 200 Menschen. Zurzeit sind es aber 165, denn jüngst sind 35 Flüchtlinge in andere Kommunen weitergereist.“ Dass es in der Notunterkunft, die seit der Eröffnung vor einigen Wochen vom Malteser Hilfsdienst geführt wird, momentan so ruhig ist, liegt unter anderem am ersten offiziellen Sprachkurs, der aktuell angelaufen ist und an dem etliche Flüchtlinge teilnehmen. Das ehrenamtliche und offizielle Angebot, Deutsch zu lernen, wird sehr gut angenommen. „Die Leute wollen unsere Sprache lernen“, so die Erfahrung des Diplom-Sozialarbeiters, der vor kurzem die Leitung der Notunterkunft von Stefan Kugler übernommen hat. Eine Einschätzung, die von Farah Wollmann bestätigt wird. „Es ist zum Beispiel toll zu sehen, wie sich die Bewohner gegenseitig deutsche Vokabeln abhören“, erzählt die Krankenschwester, die als ehrenamtliche Dolmetscherin die Arbeit der Malteser in der Notunterkunft unterstützt.

Rund-um-die-Uhr-Betreuung auch mit Hilfe von Ehrenamtlichen

Um die die vielen ehrenamtlichen Helfer zu entlasten, die in der Anfangszeit die Rund-um-die-Uhr-Betreuung der Flüchtlinge übernommen hatten, wurden von den Maltesern inzwischen sieben Mitarbeiter fest eingestellt. Sie sorgen unter der Führung des neuen hauptamtlichen Einrichtungsleiters Günther Betzer werktags für die Bewohner, kümmern sich um die Essensausgabe, koordinieren Arzttermine und Fahrdienste, stehen für alle Fragen und Gespräche zur Verfügung. „Das Ehrenamt ist aber nicht wegzudenken und eine enorme Stütze“, betont Thomas Biewen von der Diözesangeschäftsstelle der Malteser im Bistum Trier. So übernehmen unter andere 50 ehrenamtliche Helfer der Malteser und der DLRG den kompletten Wochenenddienst in der Notunterkunft. „Es ist schon Wahnsinn, was die Helfer hier leisten. Unter der Woche gehen sie ihrer normalen Arbeit nach und kommen dann am Freitagabend in die Notunterkunft, um zu helfen“, ist Biewen vom Einsatz der Ehrenämtler begeistert. Aber auch während der Woche ist die Unterstützung durch das Ehrenamt groß, wie Einrichtungsleiter Betzer hervorhebt: „Wir haben hier nicht nur sehr gute Räumlichkeiten und sind organisatorisch gut aufgestellt, unser großes Plus ist auch das enorme ehrenamtliche Engagement.“ Die gebürtige Iranerin Farah Wollmann, die seit der Einrichtungseröffnung als ehrenamtliche Dolmetscherin wertvolle Arbeit leistet, ist dafür nur ein Beispiel. Ein anderes sind die Ärzte und Helfer aus der Kreuznacher Diakonie, die mit Unterstützung von niedergelassenen Allgemeinmedizinern dreimal in der Woche eine Arztsprechstunde in der Notunterkunft anbieten. Oder die Schülerinnen und Schüler aus dem benachbarten Röka-Gymnasium und der IGS, die den Flüchtlingen helfen, Deutsch zu lernen oder zusammen mit Lehrkräften täglich in die Notunterkunft kommen, um hier mit den Kindern zu spielen. Auch ein Sportangebot gibt es: Mitglieder der DLRG nehmen junge Flüchtlinge mit zu ihrem regelmäßigen Training.

Über 30 Kinder wohnen in der Notunterkunft

Rund 35 Kinder wohnen momentan in der Notunterkunft am Römerkastell, der größte Teil der Flüchtlinge kommt aus Syrien. „Eine Halle ist bei uns der Schlafbereich für die Syrer, in der zweiten Schlafen die Flüchtlinge aus Afghanistan, Iran und Irak, die dritte Halle ist speziell für Familien vorgesehen“, erläutert Günther Betzer das Belegungskonzept. Es gibt einen Raum mit Waschmaschinen und Trockner, in dem die Flüchtlinge eigenständig ihre Wäsche reinigen können, einen speziellen Wickelraum für die Familien mit Babys, eine kleine Kleiderkammer mit Anziehsachen für Kinder und Jugendliche und einen Gemeinschaftsraum zum Essen, Teetrinken und für den Aufenthalt, in dem die Malteser sogar einen öffentlichen Wireless-Lan-Zugangspunkt zum Internet eingerichtet haben. Der jüngste Flüchtling ist null Jahre alt, der älteste 70, die meisten sind zwischen 19 und 25 Jahre alt und männlich. „Wir haben hier eine große XXL-Familie, bei der es immer etwas zu organisiere gibt“, beschreibt der Einrichtungsleiter die Situation. Wie in jeder Familie gibt es hier und da auch einmal Meinungsverschiedenheiten, aber „alles in allem geht es bei uns sehr friedlich zu“, freut sich der 54-Jährige. Auch zwischen den Geschlechtern habe es bislang keine Spannungen gegeben, alle akzeptierten die aufgestellten Regeln des Zusammenlebens. „Und wenn unsere gute Fee in der Küche darauf hinweist, dass zum Beispiel noch benutztes Geschirr abzuräumen ist, dann halten sich sofort alle daran, auch die Männer“, so Betzer.

Klare Regeln, die für alle gelten

Klare Richtlinien, die für das Zusammenleben aufgestellt wurden und deutlich kommuniziert werden, ein offenes Ohr für die Nöte und Bedürfnisse der Flüchtlinge und das breite ehrenamtlichen Engagement aus der Bevölkerung, dies sind meiner Einschätzung nach die drei wesentlichen Pfeiler, auf denen das Fundament der Notunterkunft sicher ruht. Mein Eindruck ist: Wer als Flüchtling in der Notunterkunft am Römerkastell in Bad Kreuznach gestrandet ist, hat im Vergleich zu anderen Erstaufnahmeeinrichtungen nicht das schlechteste Los gezogen. Die Menschen haben hier einen überschaubaren sicheren Hafen gefunden, in dem sie erst einmal an- und zur Ruhe kommen können. Ebenso klar ist aber auch, dass dies für alle weiterhin eine schwierige Ausnahmesituation ist. „Jetzt, wo nach der Ankunftsphase mehr und mehr Ruhe eingekehrt ist, erleben wir es zum Beispiel häufiger, dass die traumatischen Erlebnisse bei den Leuten hochkommen“, erzählt Betzer. Das stellt neue Anforderungen an das Team der Notunterkunft, das inzwischen für eine ehrenamtliche psychologische Betreuung gesorgt hat. Zudem gibt es einen Bereich, in dem die Malteser momentan zielgerichtet Unterstützung durch Spenden erbeten. „Wir haben einen großen Bedarf an Unterwäsche und Socken. Während wir bei Oberbekleidung auf die vielen Kleiderspenden zurückgreifen, kaufen wir die Unterwäsche aus hygienischen Gründen neu“, so Karolina Kasprzyk, Pressereferentin der Malteser Regionalgeschäfsstelle Limburg. „Wir freuen uns über jeden noch so kleinen Spendenbetrag!“ Das Spendenkonto: Malteser Hilfstdienst IBAN DE71370601933000433011 Pax Bank eG Verwendungszweck: Flüchtlingshilfe