Robert Syska

Einkaufen fast rund um die Uhr: Der Tante Emma-Laden des 21. Jahrhunderts

Kreis Bad Kreuznach. In Hallgarten wird derzeit ein einzigartiges Projekt umgesetzt, das die Nahversorgung verbessern soll. Der Name: "Tante M."

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von unserem Mitarbeiter Norbert Krupp

Die rund 800 Einwohner von Hallgarten und die Bürgerinnen und Bürger in ihren Nachbargemeinden dürfen sich freuen: Noch in diesem Jahr soll in dem seit Jahren verwaisten Lebensmittelgeschäft in der Schulstraße 25, das einst von Albert Montigny betrieben wurde, ein Tante-M-Laden eröffnet werden. Das Besondere an diesem kleinen Ladengeschäft: Mithilfe moderner Technologie können die Bürger in einem "Tante M"-Geschäft fast rund um die Uhr einkaufen. Die Einkäufe werden selbst zusammen gesucht und abkassiert. Eine Überwachungssystem stellt sicher, dass sich niemand bedient, ohne zu bezahlen.

Ratsmitglied Timo Elsässer ist von der Idee, einen Tante-M-Laden nach Hallgarten zu holen, total begeistert, seitdem er einen SWR-Bericht über diese neue Art von Dorfläden gesehen hat. In Hallgarten gibt es schon seit über zehn Jahren keine Einkaufmöglichkeit mehr. Für den Kauf von Lebensmitteln und anderen Dingen des täglichen Bedarfs müssen die "Helljerter" in Nachbargemeinden fahren. Deshalb lud Elsässer jüngst den Gründer der Tante-M-Kette, Christian Maresch, ein, seine Geschäftsidee dem Ortsbürgermeister Johann Klein, einigen Mitgliedern des Gemeinderates und Landrätin Bettina Dickes vorzustellen; ein Konzept, das auch für andere Dörfer im Landkreis interessant sein kann. Der schwäbische Unternehmer kam gerade von der Ahr, wo demnächst ebenfalls ein Tante-M-Laden eröffnet werden soll, genauso wie im Westerwald.

Wie ein begehbarer Einkaufsautomat

Maresch beschrieb die von ihm konzipierten Tante-M-Läden als "begehbare Automaten". Die Kunden könnten die gesuchten Waren aus einem Sortiment von 1100 vorrätigen Artikeln auswählen, insgesamt seien sogar 4600 Artikel verfügbar. Zum Vergleich: Ein Discounter hat Maresch zufolge im Durchschnitt rund 1600 Artikel im Angebot. Das in einem Tante-M-Ladern angebotene Sortiment orientiert sich am alltäglichen Bedarf der Kunden, aber auch Sonderwünsche und Produkte regionaler Erzeuger und Anbietet können aufgenommen werden. Die Preise orientieren sich am Preisniveau von Edeka. Diese Gruppe und andere bundesweit tätige Lebensmittelgroßhändler sind auch die Lieferanten von Tante-M. Falls gewünscht, können auch Randsortimente wie Schreibwaren oder auch eine Postfiliale in den Laden integriert werden. Acht bis zwölf Hochleistungskameras zeichnen alle Bewegungen im Geschäft auf. Die Tante-M-Zentrale kann dadurch frühzeitig erkennen, welche Produkte nachbestellt werden müssen. Die Kunden müssen die Barcodes der gewünschten Produkte selbst an der Kasse einscannen. Der Gesamtpreis kann dann in bar passend in einen Kassenautomaten eingezahlt werden, aber auch durch eine Bank- oder Kreditkarte sowie eine Tante-M-Guthabenkarte beglichen werden. Ladendiebstahl ist auch in Tante-M-Läden nicht ausgeschlossen: Die Diebstahlquote liegt hier - wie in konventionell geführten Geschäften - bei 4,5 Prozent des Umsatzes. Allerdings gewährleistet die Video-Aufzeichnung eine sehr hohe Aufklärungsquote. Und falls mal Jugendliche ausprobieren sollten, ob man hier auch ohne Bezahlen einkaufen kann, reicht hinterher meist ein aufklärendes Gespräch. Übrigens: Der Jugendschutz wird bei Tante M dadurch gewährleistet, dass weder Alkohol noch Tabak im Angebot sind.

Bereits 20 Läden in Betrieb

"Tante-M war zuerst nur eine Idee, die aber schnell bewiesen hat, dass sie funktioniert", erzählt Maresch. Die Kette betreibte bereits 20 Läden mit dem Ziel, die "Versorgung des ländlichen Raumes wieder herzustellen". Im diesem Jahr sollen 30 weitere Läden eröffnet werden. "Wir bekommen fast jeden Tag eine neue Standort-Anfrage", beschrieb er das rege Interesse. Es gebe im ländlichen Bereich, aber auch in Städten, bislang wenig Vorstöße in die Richtung "automatisiertes Einkaufen" oder "24/7-Shopping". Die Zahlenkombination "24/7" bedeutet, dass es technisch möglich wäre, die Läden an sieben Tagen pro Woche rund um die Uhr offen zu halten. Die Tante-M-Läden beschränken sich jedoch darauf, von morgens um 5 Uhr bis nachts um 23 Uhr zum Einkauf genutzt werden zu können, an 365 Tagen im Jahr. Die Ladenlokale von Tante-M sollten mindestens 50 bis maximal 120 Quadratmeter groß sein und möglichst in Gemeinden mit mehr als 1000 Einwohnern liegen. "30 bis 35 Kunden pro Tag reichen erfahrungsgemäß aus, um einen Laden rentabel zu betreiben", so Maresch. An Sonntagen kämen mitunter 250 Kunden in Geschäft, das könne dann schwächere Tage ausgleichen. Zur Betreuung des Ladens wird die Tante-M-Gruppe einen oder zwei Minijobber einstellen, die Regale auffüllen und auch mal den Boden wischen. Jede Woche werden drei verschiedene Service-Zeiten angeboten, zu denen sich das Personal im Ladens aufhält, um Kunden bei Bedarf mit der Technik vertraut zu machen. Landrätin Bettina Dickes zeigte sich von dem Konzept beeindruckt. Auch viele junge Leute sehnten sich heute danach, in ihren Heimatgemeinden einkaufen zu können. Sie empfänden es als Luxus, Süßigkeiten, Eis oder Getränke auch im Heimatdorf kaufen zu können. Dickes sagte zu, dass das Bauamt der Kreisverwaltung das Projekt wohlwollend unterstützen werde.

Start im September?

Klaus Becker, der Eigentümer des Ladenlokals in Hallgarten, ist zuversichtlich, dass er die baulichen und technischen Voraussetzungen rechtzeitig schaffen kann, damit das Tante-M-Team Anfang September das SB-Geschäft einrichten kann. Mobiliar und Technik schlagen mit insgesamt 40.000 Euro zu Buche. Weitere Info im Internet unter: https://tante-m.shop