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Menschen auf der Suche nach Halt

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Wen wählen? Die Verunsicherung der Menschen spielt Populisten in die Hände.  Foto: Fotolia/ DDRockstar

Wen wählen? Die Verunsicherung der Menschen spielt Populisten in die Hände. Foto: Fotolia/ DDRockstar

Populismus gibt es nicht nur in den USA, er greift auch in Europa um sich. In einem Jahr ist Bundestagswahl. Welche Lehre ziehen die etablierten Parteien aus Trumps Wahlsieg?
Vielen Menschen in unserem Land dienen populistische Angebote als »Stuhlgang der Seele«. So beschreibt Dirk Richter, der Ehrenvorsitzende des FDP Kreisverbands Bernkastel-Wittlich, was gerade gesellschaftlich um sich greift. Und er prognostiziert: »Die AfD hat ihren Zenit noch nicht überschritten.« Die Ursache für das immer bessere Abschneiden populistischer Parteien wie der AfD  sieht er in den einfachen Antworten, die beim unzufriedenen Wähler gut ankommen.
Das sieht auch der Trierer Politikwissenschaftler Professor Dr. Uwe Jun so. Seine Erklärung: »Die Welt ist komplexer geworden. Stichwort Globalisierung. In den komplexen Strukturen suchen Menschen Halt. Da kommen einfache Antworten gut an. Eine Antwort der Populisten ist die nationale Identität, die Rückbesinnung auf den Nationalstaat. Verbunden ist das mit dem Blick rückwärts. Man denkt, dass die Vergangenheit glorreicher ist als die Zukunft. Die zweite einfache Antwort der Populisten ist, die politischen Eliten als Sündenböcke auszurufen.«
Das ist nicht schwer. Denn die etablierten Parteien müssen die Probleme auch lösen, nicht nur darüber reden. Und die  Komplexität der Probleme schließt einfache Lösungen aus. »Wer Verantwortung übernimmt, ist schneller entzaubert«, sagt Jun. So läuft das zwischen Wähler und Wahlsieger.
Auftrieb für die AfD oder Weckruf?
Bis sich das auch beim Phänomen Trump zeigt, wird Donald senior den Populisten in Deutschland in die Hand spielen. Juns Einschätzung: »Trumps Wahlsieg gibt der AfD sicher Auftrieb.«
Beate Härig-Dickersbach, Vorstandsmitglied des AfD-Kreisverbandes Vulkaneifel,  bezweifelt, dass die US-Wahl ihrer Partei nützt.  Aber sie setze ein Zeichen, so Härig-Dickersbach.  »Viele Bürger fühlen sich nicht mehr angesprochen vom parteipolitischen Establishment. Die Parteien sollten endlich aufwachen.«
Jun hält es für möglich, dass die Wahl als Weckruf für Politik und Gesellschaft  wirkt. Angst hat der Politikwissenschaftler keine, wenn er auf die Bundestagswahl vorausschaut. »Wir haben ein wesentlich stabileres Parteiensystem als die USA. Man muss ja sagen, Trump hat die Republikaner gekapert.« Trotzdem müsse sich etwas ändern, um wieder mehr Nähe zwischen den Bürgern und den Regierenden zu schaffen. Jun kennt zwei Mittel:  »Politik muss versuchen, authentisch zu sein. Das ist allerdings nicht leicht, weil im Politikalltag professionelle Anforderungen vorherrschen.  Zweitens muss Politik immer Alternativen anbieten. In beiden Bereichen hat die Politik in Deutschland Defizite.«
Dirk Richter schlägt vor: praktische Alltagslösungen statt Utopien und ein Ende der »Regelungswut«. Er wird konkret: Private Altersvorsorge, EEG-Umlage und Maut seien Themen, bei denen Menschen sich unfair behandelt fühlten. David Koch, Kreisvorsitzender der Linken in Bernkastel-Wittlich, setzt auf  »bessere Erklärungen und deutlicheres Auftreten« seitens seiner Partei. Im Fokus seien  »Veränderungen, die den Reichen die Macht nehmen«. Jeder trägt Verantwortung
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Patrick Schnieder vertraut dem  persönlichen Dialog. »Wer mit mir sprechen will, erreicht mich.«  Ängste wahrnehmen, Lösungen umsetzen, Zuversicht verbreiten, das sollte Politik. Aber nicht Vorurteile bedienen.  Politiker müssten dem Volk aufs Maul schauen, aber nicht nach dem Mund reden.  Ulrike Höfken (MdL) zieht die Konsequenz, Politik wieder stärker vor Ort zu machen. »Wir Grüne werden uns gerade hier in der Grenzregion verstärkt für den Zusammenhalt Europas mit unseren Nachbarn, für Offenheit, Toleranz, Freiheit und sozialen Zusammenhalt einsetzen und die Notwendigkeit für unsere regionale Entwicklung betonen.«
Der Landtagsabgeordnete Nico Steinbach (SPD) kündigt an, die »Alltagssorgen (...) noch stärker in den Fokus zu stellen.« DAS Thema sei die Rente. Steinbach richtet sich direkt an die Bürger: »Ich fordere aber auch unsere Mitmenschen auf, sich nicht auf Menschenfänger einzulassen, welche mit flotten Sprüchen die scheinbaren Probleme unserer Zeit anprangern. Unsere repräsentative Demokratie ist der Garant für unseren Wohlstand und Frieden, dies zu bewahren liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen.« bil