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Pendler zwischen den Welten

Anfang des 14. Jahrhunderts haben sich zehn jüdische Familien in Beilstein niedergelassen. Um 1310 soll hier die erste Synagoge im Landkreis Cochem-Zell gebaut worden sein. Heute wird sie von Karl-Heinz Wiebach mit dem Rabbinerhaus als Kunstgalerie und Wohnhaus genutzt.
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Wenn in Deutschland der Frühling kommt, wechselt Karl-Heinz Wiebach seinen Wohnort - von Mexico-City nach Beilstein. Dort wohnt er mit seiner mexikanischen Frau. Das Paar hat vier Kinder. Eine "internationale Familie" wie er sagt. Der 88-jährige Architekt ist irgendwie auch ein Kosmopolit. Aufgewachsen in Koblenz, Studium unter anderem in Brasilien, gearbeitet für Walt Disney beim Bau von Disneyland, die Warner Brothers als Film-Architekt in Hollywood und in seiner alten Heimat Galerist in Beilstein. Anfang der 90er Jahre kaufte er das Anwesen im Moselort und hat es nach und nach ausgebaut. Mehr als 200 Quadratmeter stehen ihm als Fläche zur Verfügung. Wohnen und arbeiten in einem Denkmal ist nicht das Einzige was für ihn Lebensqualität bedeutet. "Schauen Sie nur auf die Mosel", sagt er und lässt den Blick von der Terasse des Hauses schweifen. Aber auch im Haus fühlt sich der Mann, der einst beim weltberühmten Architekten Oscar Niemeyer lernte, sichtlich wohl. Neben einem Verkaufsraum - hier bietet er unter anderem indianische Kunst an - hat er im ehemaligen Synagogenraum ein kleines Museum, das die Geschichte von Beilstein beleuchtet und auch als Galerie für Ausstellungen genutzt werden kann. Gäste aus vielen Ländern kehren bei ihm ein und da er mehrere Sprachen spricht, ist er nur selten um eine Antwort verlegen. Das vergangene Vierteljahrhundert hat ihn zu einem Experten der Beilsteiner Geschichte werden lassen. "Es macht mir einfach Spaß. Meine Frau sagt immer: ,Wenn keine Leute kommen, werde ich verrückt.‘ Das passiert hier nicht", lacht Wiebach. Dass er vor mehr als 25 Jahren überhaupt nach Deutschland zurückkehrte, war dem Umstand geschuldet, dass seine Mutter, die 100 Jahre alt wurde, keine Angehörigen mehr hatte und er sich um sie kümmern wollte. Wer Karl-Heinz Wiebach von seinem Leben erzählen hört, der traut ihm die 100 auch zu. Fotos:Pauly