Mario Zender

Wer verantwortet diese Schlamperei?

WochenSpiegel exklusiv: Eine Frau wird durch einen Unglücksfall querschnittgelähmt. Jetzt kommt raus, das der Unfall hätte verhindert werden können.

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Ein Fluchtweg übers Dach in sieben Metern Höhe und alles ohne Geländer oder Absturzsicherung: So ist die Situation an der alten Schule in Ernst, in der der Jugendraum im Dachgeschoss ist. Von dort stürzte eine 20-jährige Frau ab und erlitt schwerste Verletzungen. Sie bleibt vermutlich querschnittsgelähmt.

Ein Fluchtweg übers Dach in sieben Metern Höhe und alles ohne Geländer oder Absturzsicherung: So ist die Situation an der alten Schule in Ernst, in der der Jugendraum im Dachgeschoss ist. Von dort stürzte eine 20-jährige Frau ab und erlitt schwerste Verletzungen. Sie bleibt vermutlich querschnittsgelähmt.

Foto: Mario Zender

Am Rande einer Geburtstagsfeier im Jugendraum fällt eine junge Frau vom Dach der alten Schule in Ernst. Die 20-Jährige wird schwer verletzt, vermutlich bleibt sie querschnittsgelähmt. Wochenspiegel-Recherchen bringen schockierende Details von offenkundigem Behördenversagen ans Licht. Der Notausgang, von dem die Frau gefallen ist, wurde offenbar illegal errichtet und hatte kein Absturzgitter oder Geländer. Die Staatsanwaltschaft Koblenz ermittelt.

Von Mario Zender

ERNST/COCHEM. Es ist 1.06 Uhr in der Nacht zum 1. November, als der Notruf bei der Rettungsleitstelle eingeht. Als die Einsatzkräfte an den Unfallort in Ernst kommen, finden sie ein schwer verletzte junge Frau, die im Hof vor der Alten Schule liegt. Sie hat schwerste Verletzungen und muss sofort ins Koblenzer Krankenhaus "Evangelisches Stift" gebracht werden. Dort stellen die Ärzte kurze Zeit später fest, dass die 20-Jährige, die aus einer Eifelgemeinde stammt, Frakturen im Wirbelsäulen- und Brustbereich hat. Die schockierende Diagnose: vermutlich bleibt die 20-jährige Frau querschnittsgelähmt. Zuerst war gemutmaßt worden, dass die Frau, die an einer Geburtstagsfeier im örtlichen Jugendraum teilgenommen hatte, in Partystimmung aus dem Fenster aufs Dach geklettert sei. Von dort war sie erst rund vier Meter auf das Dach der Feuerwehr gestürzt und dann weitere rund drei Meter tiefer im Hof vor der alten Schule aufgeschlagen. Die Frage kam auf: Warum klettert die junge Frau aufs Dach? Jetzt, drei Wochen später, bekommt der Fall eine dramatische Wende. Stürzte die junge Frau ab, weil bei der Absicherung des Notausgangs sicherheitsrelevante Vorgaben beim Bau missachtet wurden? Dieser Frage gehen, so WochenSpiegel-Informationen, derzeit auch Polizei und Staatsanwaltschaft Koblenz nach. "Es ist zutreffend, dass im Zusammenhang mit dem Unfallgeschehen ein derzeit gegen Unbekannt gerichtetes Ermittlungsverfahren zur Klärung des in Betracht kommenden Anfangsverdachts einer - möglicherweise durch Unterlassen begangenen - fahrlässigen Körperverletzung eingeleitet worden ist", so Oberstaatsanwalt Thomas Büttinghaus gegenüber dem Cochemer WochenSpiegel. Für die Ermittlungen gibt es einen stichhaltigen Grund. Nach Recherchen unserer Zeitung, wurde das Gebäude der ehemaligen Schule in den Jahren 2008 und 2009 umfangreich saniert. Dabei wurde aufgrund des integrierten Jugendraumes im Dachgeschoss auch, aus Brandschutzgründen, ein zweiter Fluchtweg aus dem Dachgeschoss gefordert. Dieser wurde auch hergestellt. Vom gegenüber des Jugendraumes gelegenen Fenster aus kann man über eine Holzkonstruktion durch ein Fenster aufs Dach steigen, von dort über eine Leiter auf das darunterliegende Dach klettern. Und hier fängt das Problem an. Trotz einer Höhe von mehr als sieben Metern sind keinerlei Geländer oder andere Sicherungsmaßnahmen vor einem Absturz an dem Dachausstieg errichtet worden. Besonders pikant: Nach Recherchen des WochenSpiegel wurde dieser Notausgang offenbar ohne Baugenehmigung errichtet. Auch eine offizielle Abnahme der Baumaßnahme durch die Bauabteilung der Kreisverwaltung Cochem-Zell gab es nach Informationen des WochenSpiegel nicht. Obwohl der Umbau beziehungsweise die Sanierung mit erheblichen öffentlichen Mittel bezuschusst wurde. Bericht folgt!

KOMMENTAR

Transparenz erwartet

Von Mario Zender

Ein Fall, der fassungslos macht: Eine junge Frau hätte mutmaßlich nicht für ihr gesamte Leben behindert bleiben müssen, wenn Behörden nur ordentlich ihren Job gemacht hätten. Wichtig ist nun Transparenz. Wo und von wem wurde geschlampt? Die Kreisverwaltung Cochem-Zell "mauert" in diesem Zusammenhang. Konkrete Anfragen werden mit Hinweis auf "laufende Verfahren" verwehrt. Erst die Forderung mit Fristsetzung wirkte und die Behörde räumte ein, dass für den Umbau keine Baugenehmigung vorlag. Unfassbar!

Mail an den Autor: mzender@weiss-verlag.de


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