Menschen akzeptieren, wie sie sind

Themenreihe Demenz

Kreis Bernkastel-Wittlich. Einfühlungsvermögen, Akzeptanz, Wissen: Wie gelingt eine gute Kommunikation mit demenzkranken Menschen? Zum Thema sprachen wir mit Emmerich Berg, der sich seit 20 Jahren mit Demenz beschäftigt.

Wochenspiegel: Wie muss man sich die Gedanken- und Lebenswelt demenzkranker Menschen vorstellen?

Emmerich Berg:  »Ich möchte diese Frage mit einem Zitat von Gabriel Garcia Marquez, beginnen: ‚Das Leben ist nicht das, was man gelebt hat, sondern das, woran man sich erinnert und wie man sich daran erinnert – um davon zu erzählen‘.
Nun, zunächst einmal muss man differenzieren, es gibt nicht den Menschen mit Demenz, sondern Menschen, die an Demenz erkrankt sind und sich dabei in einem der drei Stadien befinden (leicht, mittel und schwer). 
Was alle drei Stadien gemeinsam haben ist, dass die alltägliche Wirklichkeit der Betroffenen zeitweise bis hin zur Kontinuität in der Vergangenheit stattfindet. Wir jedoch leben in der Gegenwart und planen die Zukunft. Das letztere ist für Menschen mit Demenz vollkommen abstrakt. Sie können Zeitreisen in die Vergangenheit antreten und dort gar über Stunden verbleiben.«


Demenz-Patienten lassen sich oft nicht mehr in die Realität zurückholen. Das bedeutet,  dass unsere Kommunikationsstrategie eine ganz andere sein muss. Mediziner und Wissenschaftler nennen hier die Stichworte Empathie,  Authentizität,  Akzeptanz und Validation. Was genau müssen wir uns darunter vorstellen und wie gelingt die Kommunikation mit Demenzkranken am besten?
»Nun, man sollte den Betroffenen als den sehen, der er/sie einst war, den Vater/Großvater, die Mutter/Großmutter, etc. Menschen mit Demenz haben folgende Bedürfnisse: Bindung, Trost, Einbeziehung, Beschäftigung und Identität. Diese sind identisch mit unseren Bedürfnissen. All diese Aspekte können problemlos gelernt und in allen drei Stadien angewendet werden.
‚Man kann nicht nicht kommunizieren!‘, dieses Zitat von Paul Watzlawik schließt alle Menschen ein, somit auch die Menschen mit Demenz. Der zunehmende Verlust des Wortschatzes wird durch Elemente der Körpersprache ersetzt. Das bedeutet, wir müssen unsere Kommunikation diesbezüglich ändern. Auch das Sprechtempo, die Lautstärke und die Artikulation müssen angepasst werden. Ich möchte gerne diese Frage mit einem Zitat von Marshall Rosenberg abschließen:
‚Jede Handlung ist der mehr oder weniger geglückte Versuch, ein Bedürfnis zu erfüllen.‘ Es ist an uns, das jeweilige Bedürfnis zu ermitteln und es im Idealfall zu befriedigen.«


Gibt es Dinge, die man im »Umgang« mit an Demenz erkrankten Menschen vermeiden sollte?
»Wir sind nur Menschen in der Beziehung zu anderen Menschen, dazu gehört auch die Wertschätzung der an Demenz erkrankten. Alle Menschen sind wertvoll, auch alle desorientierten Menschen.
Akzeptieren Sie desorientierte sehr alte Menschen, wie sie sind. Das Verhalten sehr alter Menschen hat einen Grund. Daher sollte man sie wie Erwachsene behandeln und ihnen eine sinnstiftende Alltagstruktur anbieten und gewährleisten. Dabei ist loben immer besser als tadeln und korrigieren. Ferner sollte man ihnen weder physische noch psychische Gewalt antun.«
Für Betroffene und ihre Familien ist die Krankheit mit vielen schwierigen Situationen verbunden.  Gibt es »typische« Probleme? Welche Tipps geben Sie Angehörigen für eine gute Gestaltung des Alltags?
»Die Symptome der Erkrankung lassen sich in drei Bereiche gliedern. So gibt es Probleme bei Denk- und Gedächtnisleistungen, des Weiteren Schwierigkeiten in der Alltagskompetenz (Anziehen, essen und trinken, Umgang mit Geld, etc.) und schlussendlich die Veränderungen der Persönlichkeit (Angst, Apathie, etc.). Was die Tipps betrifft, so finde ich Rituale sehr wichtig, um den Betroffenen eine Alltagsnormalität und somit ein Daheimgefühl zu vermitteln.«
 
Das Risiko an einer Demenz zu erkranken erhöht sich mit zunehmendem Alter und der Begriff ist inzwischen ja auch in der »Öffentlichkeit« präsent. Ich habe aber den Eindruck, dass Betroffene und Angehörige immer noch oft mit verschiedenen Formen der Stigmatisierung konfrontiert werden. Ist dem so? Welche Botschaft haben Sie in diesem Zusammenhang an die Gesellschaft?
»Ja, es gibt Stigmatisierungen, in der Form, als dass viele Menschen glauben, dass die Kommunikation von Menschen mit Demenz völlig sinnentleert sei. Dies ist absolut nicht der Fall! Die Kommunikation der Betroffenen ist nicht immer leicht zu verstehen. Aber mit dem Schlüssel der Biografiearbeit lässt sich nahezu jedes kommunikative Rätsel auflösen. Die Menschen mit Demenz gehören zu uns, wie die Menschen mit Behinderung auch. Wir können ihnen nur mit Echtheit, Empathie und Respekt begegnen. Wir sollten unsere Vorurteile und Urteile über sie kritisch überdenken. Wir müssen zuhören und sollten überdies Stille aushalten können. Außerdem sollten wir lernen mit Überraschungen zu leben. Schlussendlich müssen wir uns ihnen anpassen, sie können sich nicht mehr uns anpassen. Das benötigt eine enorme Entschleunigung, ohne die es meines Erachtens nicht geht. Schließen möchte ich mit einem Zitat von Schopenhauer: »Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt. Und das gilt für alle ...«

Interview: Stephanie Baumann

 

Wochenspiegel-Serie »Demenz«

  • »Gelungene Kommunikation mit Demenzkranken« heißt ein zweitägiges, kostenloses Seminar am 15./16. Dezember im Verbundkrankenhaus. Referent ist Emmerich Berg. Anmeldung/Info: Tel. 06571/150. www.verbund-krankenhaus.de



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