Thema Integration: »Kleine Dinge können viel verändern«

Altrich. Integration ? ein seit Jahren viel zitiertes Wort mit vielen Facetten. Es meint das Zusammenleben ohne Angst und Vorbehalte vor dem Unterschied. Ein solches Zusammenleben funktioniert durch Offenheit und Toleranz. Familie Scheider aus Altrich lebt Integration. Ein Jahr lang - zusammen mit der 16-jährigen Agnes aus Brasilien.

»Die müssen verrückt sein«, dachte Agnes, als sie hörte, dass ihre Gastfamilie in Deutschland vier eigene Kinder hat. Eigentlich sind es sogar fünf, denn neben den Zwillingen Marie und Hanna (11), Michael (15) und Mathis (12) hat Helmut Scheider noch eine Tochter aus erster Ehe. Seit zwei Wochen lebt die 16-jährige Agnes aus Brasilien bei den Scheiders. Und auch wenn sie sich nach so kurzer Zeit noch einleben muss, sie fühlt sich sichtlich wohl, bewegt sich ganz frei innerhalb der Familie. »Von der ist sie nun ein Teil«, betonen die Gasteltern Helmut und Martina Scheider, eine Bevorzugung gebe es auch nicht.

Durch Zufall haben sie im Internet einen Bericht über die Austauschprogramme von Experiment e.V. gelesen, einem gemeinnützigen Verein aus Hermesdorf bei Bitburg. Im persönlichen Kontaktaustausch sieht der Verein den Schlüssel  für ein gegenseitiges Verständnis der Kulturen und möchte so zu mehr Toleranz und Offenheit beitragen. Die Scheiders haben sich informiert und waren überzeugt: »Ein Kind mehr geht bei uns immer«, und ganz selbstverständlich ergänzt die elfjährige Hanna: »Es war halt noch ein Stuhl am Tisch frei.«

Wie ihre Gastfamilie scheint auch Agnes Herausforderungen angstfrei und offen zu begegnen. Deutsch  sei eine schwere Sprache, aber wundervoll. »Man sollte in das Land gehen, dessen Sprache man lernen möchte.« Und das Wetter sei einer der anderen Gründe, weshalb sie nach Deutschland wollte. Wegen der vier Jahreszeiten. »In Brasilien ist es immer gleich.« Heimweh verspüre sie noch nicht. »Ich fühle mich hier willkommen und wohl.« Besonders behandelt werden möchte Agnes nicht. Auch nicht von den Lehrern in der Schule, wo sie bereits Freunde gefunden hat. Manches sei hier zwar anders, wie z.B. das  Schulsystem,  aber das sei gut so, betont die 16-Jährige. »So kann ich lernen, wie die Dinge so weit weg von zuhause und den Eltern funktionieren.« Funktionieren tut auch die Kommunikation zwischen Agnes und ihrer Gastfamilie. Noch überwiegend in Englisch. Doch das wird sich bald ändern. Dafür sorgen die Zwillinge Hanna und Marie, die überall in der Wohnung kleine Zettel angebracht haben. Darauf kann Agnes lesen, wie die Gegenstände auf deutsch heißen. Und Agnes schreibt dann den portugiesischen Begriff dazu.

»Unser Lohn ist die gegenseitige Bereicherung« sagt Gastmutter Martina. Die geht auch gerne mal durch den Magen. »Pão de queijo« fanden alle lecker. Und die deutschen Süßigkeiten stehen bei Agnes hoch im Kurs. Überhaupt mag sie das deutsche Essen. »Merkwürdig finde ich nur, dass hier so wenig Fleisch gegessen wird. In Brasilien esse ich jeden Tag Rindfleisch.« Ungewohnt aber schön sei für die junge Brasilianerin auch das enge Familienleben. Und so erzählt sie begeistert von einer Radtour mit ihrer Gastmutter und Hanna, von einem Ausflug mit ihrem Gastvater und einem der Jungs nach Trier.

«Viele unserer Freunde haben uns gefragt, warum wir ein fremdes Mädchen für ein Jahr lang aufnehmen. Doch mittlerweile sind viele auch neugierig geworden, wollen Agnes kennen lernen«, sagt Martina Scheider. Diese eher von Neugier und Interesse geprägte Annäherung ist der erste Schritt hin zu mehr gegenseitigem Verständnis, dem Anliegen von Experiment e.V. Und Karin Junk vom Verein weiß aus Erfahrung: »In den Familien passiert eine ganze Menge an Veränderung, ganz schleichend. Am Ende sind sie ganz offen und unglaublich angstfrei gegenüber anderen Nationalitäten.«  Und Helmut Scheider ergänzt: »Wir müssen uns anderen Nationen auch öffnen. Es sind kleine Dinge, die man tun kann, die aber viel verändern können.«  af

Das Bild oben zeigt Agnes (2. v. li.) inmitten ihrer Gastfamilie, die sie vor zwei Wochen in einer Jugendherberge in Heidelberg abgeholt hat; v. li. Martina und Helmut Scheider, Marie, Michael, Mathis und Hanna. Foto: privat

»Das geht uns alle an!«:  Mit einer Millionenauflage widmen sich die im Bundesverband Deutscher Anzeigenzeitungen (BVDA) organisierten Titel in dieser Woche zeitgleich dem Thema Integration in all seinen Facetten. 

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