Was ein Schiri in einer Kirche macht

Herbert Fandel über "Entscheidungen unter Druck"

Klausen. Die Fußballfans fiebern schon dem Start der Europameisterschaft entgegen. Bevor Herbert Fandel in seiner Rolle als Funktionär der UEFA Schiedsrichter-Kommission den Weg nach Frankreich antritt, macht er noch einen Stopp im Wallfahrtsort Klausen. Im Rahmen der besonderen Veranstaltungen der Wallfahrtskirche wird der Chef der deutschen Fußball-Schiedsrichter am Montag, 23. Mai, einen Benefizvortrag halten. Das spannende Thema: »Sichere Entscheidungen unter Druck – Wege zum Erfolg«.

Man muss nicht zwingend Fußball interessiert sein, damit der Vortrag interessant ist. Herbert Fandel: »Ich werde an dem Abend meine Sicht aus der 30-jährigen Schiedsrichtertätigkeit offenlegen. Vieles aus meinem Schiedsrichterleben hat sich zu einem Ganzen zusammengefügt und einige Stationen haben mich als Person stark beeinflusst und mir geholfen, mich weiterzuentwickeln. Mir macht es Spaß über meine Erfahrungen zum Thema Entscheidungen zu reden und ich weiß, dass es Menschen auch Spaß macht mir zuzuhören. Ich freue mich auf den Vortrag in der Wallfahrtskirche und bin gespannt auf die Reaktionen«. Nach dem Vortrag wird Herbert Fandel auch noch die Fragen der Zuschauer beantworten.

Schon mit elf an der Orgel gesessen

Einen Vortrag in einer Kirche hat Herbert Fandel noch nicht gehalten, begrüßt aber, dass die Wallfahrtskirche in Klausen sich so weltoffen präsentiert und so ein reichhaltiges Programm anbietet. Aus diesem Grund ist der Erlös dieses Benefizvortrags für das Kulturprogramm in der Kirche mit Schwerpunkt auf das geplante Jubiläumskonzert zur zehnjährigen Einweihung der Klausener Rieger-Orgel bestimmt. Zur Kirchenorgel hat Fandel einen ganz besonderen Bezug. An Ostern 1975,  im Alter von elf Jahren, stieg er im Eifelort Utscheid zum ersten Mal auf die Orgel, da der Küster verstorben war.  Diesen Dienst übernahm er dann für zehn Jahre, bevor er später Konzertpianist wurde. »Da war eine große Begeisterung für Kirche in ihren Facetten. . .«, erinnert sich Herbert Fandel begeistert.

Karten für diesen unterhaltsamen Abend sind bereits stark gefragt und können noch für elf Euro (Abendkasse 15 Euro) im Dorfladen Klausen, im Pfarrbüro Klausen, unter der Ticket-hotline Tel. 0651 / 9 79 07 77 bei allen Vorverkaufsstellen von Ticket Regional und im Internet unter www.ticket-regional.de erworben werden.

Fandel im Interview

Tobias Marenberg, Presse- und Veranstalterskoordinator in Klausen, hat mit Herbert Fandel gesprochen. Nachfolgend das Komplett-Interview mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck:


In 247 Fußball-Bundesliga Begegnungen zeigten Sie als Schiedsrichter 1041 Mal Gelb, 47 Mal Gelb-Rot und 26 mal Rot. Was war für Sie im Nachhinein die schwerste Entscheidung als Schiedsrichter, bei der Sie dennoch sicher entschieden haben?

Herbert Fandel: "Da gab es zu viele Entscheidungen, um eine herauszugreifen. Es gab aber Spiele, die von enormer Bedeutung waren. Unter anderem erinnere ich mich da an das Spiel Irland gegen Frankreich, das die Franzosen am Ende mit 1:0 gewannen, was bedeutete, dass die Franzosen zur Europameisterschaft fuhren und die Iren nicht. Außerdem war da noch 2007 das Spiel Dänemark gegen Schweden: Das musste ich eine Minute vor Schluss abbrechen, weil ich von einem angetrunkenem Fan körperlich attakiert wurde, nachdem ich in der letzten Minute des Spiels einen Strafstoß für Schweden geben musste. Damit war auch entschieden, wer zur Europameisterschaft fahren durfte -  Eine schwerwiegende Entscheidung, die am Ende korrekt war. Das waren so Situationen, die nicht üblich sind für einen Schiedsrichter aber im Nachhinein nachhaltig sind."  

Was war in Ihrer internationalen Laufbahn als Schiedsrichter auf oder neben dem Platz ihr ganz persönliches Highlight?

Herbert Fandel: "Wenn man wie ich seinerzeit den sportlichen Erfolg als Schiedsrichter sucht, dann sind das sicherlich die Endspiele. Das Champions League Finale, das UEFA Cup Finale und die zwei DFB Pokalendspiele sowie die Teilnahme an der Europameisterschaft 2008 waren da sicherlich die sportlichen Highlights für mich. Aber neben den sportlichen Höhepunkten gab es  andere Momente die gleichwertig sind. Das sind zum Beispiel die kulturellen Begegnungen. Ich war bei dem Meridian Süd-Afrika Cup und auch bei den Olympischen Spielen in Australien. Dort bin ich im Prinzip mit Schiedsrichtern aus aller Welt zusammen gekommen. Das ist für mich etwas Unvergessliches, da man verschiedene Kulturen zusammenbringt  und trotzdem in der Schiedsrichterei in der gleichen Denke zusammenfindet."

Im Fußball und im Zusammenhang mit dem Unparteiischen gibt es immer wieder neue Ideen, wie z.B. die Diskussion Anfang 2015 mit der Einführung der weißen Karten als Zeitstrafe oder jetzt aktuell mit einer möglichen Testphase über den Videobeweis. Sind solche Ideen und Reformen notwendig? Welche Entwicklungen erwarten Sie in der Zukunft?

Herbert Fandel: "Es muss auch eine Entwicklung in diesem Bereich geben. Der Fußball darf sich nicht ganz verschliessen. Wir sind im Fußball sehr traditionell aufgestellt – vielleicht traditioneller als in anderen Sportarten. Da müssen wir aufpassen, dass wir modern und kompatibel bleiben. Deshalb darf man sich nicht verschließen. Es wird den Videobeweis vielleicht geben. Wir werden ihn jetzt in Deutschland testen. Da sind wir an der Spitze der Bewegung, da ich es für notwendig halte dass wir dies tun. Und dann muss man abwarten. Man muss sehen, was will die Öffentlichkeit, was will der Fußball. Die Medien haben nicht nur in Deutschland einen enormen Einfluss auch auf das Fußballgeschäft. Da kann man sich nicht allem verschließen und muss gewisse Dinge, die Sinn machen mit hinnehmen. Ich glaube, dass wir nicht am Ende der Fahnenstange angelangt sind, indem wir den Videobeweis zulassen."

Als Mitglied der UEFA Kommission sind Sie auch bei der Europameisterschaft in Frankreich vor Ort. Was wird da Ihre Rolle sein?

Herbert Fandel: "Ich werde dort im Hintergrund agieren und mithelfen vernünftige Rahmenbedingungen für die Schiedsrichter zu schaffen. Ich bringe da gerne auch meine Erfahrungen ein, um den jüngeren Schiedsrichtern Stabilität und Sicherheit in ihren schwierigen Aufgaben zu geben. Bei der Europameisterschaft bin ich einer dieser Menschen, die unseren Schiedsrichtern helfen wollen, die sie unterstützen wollen, die ihnen Ratschläge geben und auch gemeinsam die Spiele besuchen. Die Schiedsrichter leiten die Spiele; ich werde sie begleiten und versuchen ihnen Tipps zu geben und mit ihnen ihre Spielleitung zu analysieren. Das wird meine Aufgabe sein und der werde ich während der Europameisterschaft stellen."

Als Konzertpianist muss man sich auch an die musikalischen Regeln halten. Welche Parallelen sehen Sie zum Schiedsrichter-Job?

Herbert Fandel: "Das sind zwei Bereiche, die viel näher zusammen gehören, als man im ersten Moment denkt. In der Musik gibt es klare feste Regeln: Sie können den Notentext nicht umgehen, er ist Gesetz. Sie können als Schiedsrichter den Gesetzestext nicht umgehen – die FIFA Fußballregeln. Sie können Dinge auslegen/ interpretieren – wie in der Musik auch – aber mehr auch nicht. Es gibt einen festgelegten Rahmen, auf dem Sie als Schiedsrichter und Musiker stehen und vertreten diesen und können ihn auch nicht verlassen. Das ist das Entscheidende. Die Führungskraft Schiedsrichter und der moderne Pianist nutzt diesen Rahmen und legt diesen so aus, dass es interessant, modern und kompatibel ist. Dass es die Menschen mögen und sich mitgenommen fühlen.  Das macht den ausgezeichneten Schiedsrichter im Unterschied zu einem sehr guten Schiedsrichter."

Ihr Vortrag im Mai ist in der Wallfahrtskirche Klausen. Wie ist Ihre Verbindung zu Glaube und Religion?

Herbert Fandel: "Das ist auch eine Verbindung die nicht zu trennen ist. Ich bin im Neuerburger Raum aufgewachsen. Meine Eltern sind sehr fest verwurzelt mit der Kirche und waren sehr aktiv im Kirchenchor. Ich bin Ostern 1975 mit elf Jahren in der Gemeinde in Utscheid auf die Orgel gestiegen, da der Küster verstorben war. Ich habe diesen Dienst dann für zehn Jahre übernommen. Da war eine große Begeisterung für Kirche in allen ihren Facetten. Als junger Mensch war nicht alles schön, aber ich habe in diesen Jahren begreifen gelernt, was mir gut tut – auch heute noch - und auf mich wirken zu lassen. Was mir nicht gefallen hat, dass schiebe ich weg."

„Sichere Entscheidungen unter Druck“ heißt ihr Vortrag am 23. Mai 2016 in der Wallfahrtskirche Klausen. Was darf man von dem Vortrag erwarten und muss man für den Vortrag Fußball interessiert sein?

Herbert Fandel: "Man muss nicht zwingend Fußball interessiert sein, damit der Vortrag interessant ist.  Ich werde an dem Abend meine Sicht aus der 30-jährigen Schiedsrichtertätigkeit offenlegen. Vieles hat sich zu einem Ganzen zusammengefügt und einige Stationen haben mich als Person stark beeinflusst und mir geholfen, mich weiterzuentwickeln. Viele Dinge aus dem Sportbereich konnte ich auch in anderen Führungsämtern nutzen. Mir macht es Spaß darüber zu reden und ich weiß, dass es den Menschen auch Spaß macht, zuzuhören. Deshalb freue ich mich auf den Vortrag in der Wallfahrtskirche und bin gespannt wie die Reaktion in Klausen sein wird."     

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