"Wir haben hier optimale Bedingungen"

Wittlich: Wirtschaftspower im Herzen Europas

Wittlich. Joachim Rodenkirch ist seit 2009 Bürgermeister einer Stadt, die mehr Arbeitsplätze als Einwohner hat. Wochenspiegel-Redaktionsleiterin Stephanie Baumann sprach mit dem 57-Jährigen über die Gründe für das »Wittlicher Wirtschaftswunder«, die Herausforderungen der Zukunft und Visionen:

WochenSpiegel: Die Entwicklung der Säubrennerstadt in den letzten 40 Jahren ist mehr als beeindruckend. Ein Novum: Rund 21.000 Arbeitsplätze stehen 20.000 Einwohnern gegenüber. Was ist die Stärke des Wirtschafts- Standortes und worauf sind Sie besonders stolz?

Joachim Rodenkirch:
 »Hauptgrund ist sicher die strategisch gute Verkehrslage, die prädestiniert für eine gute Entwicklung ist. Schon die Römerstraße und die alte Poststraße führten früher durch Wittlich. Später entstanden entsprechende Verkehrswege. Ob das der Bau der Autobahn war, oder jetzt die B50 neu und der Hochmoselübergang. Wir haben eine tolle Anbindung. Übrigens nicht nur in die Industrieregionen oder das benachbarte Ausland. Auch im kleineren Maßstab haben wir hier optimale Bedingungen. Das ging natürlich bereits in den 60er Jahren mit den weitsichtigen Entscheidungen einher, größere Industriegebiete auszuweisen, sodass sich internationale Firmen ansiedeln konnten. Ich denke zum Beispiel an das flächenmäßig größte Industriegebiet II - der Bereich,  in dem etwa Dunlop oder Franklin Elektrik entstanden sind. Jahrzehnte lang haben die Verantwortlichen der Stadt versucht, vorausschauend zu planen und die richtigen Antworten auf wechselnde Herausforderungen zu geben. Das führte zu dieser Positionierung, die sich dann auch heute auch so manifestiert.«

Wer über Wittlichs Status Quo spricht, muss fairerweise auch die Schwächen beleuchten. Gibt es welche?


»Ich würde es eher so formulieren, dass uns aufgrund unserer topografischen Lage Grenzen gesetzt sind und wir uns nicht mehr unendlich weit ausdehnen können. Die Zeit, in der wir leben, birgt zudem ganz neue Herausforderungen. Wir müssen uns mit den Megatrends Globalisierung, Digitalisierung, Migration, Demografie und Klimawandel beschäftigen. Der Klimaschutz zum Beispiel erfordert in Zukunft ganz neue Strategien. Auch bei uns sehen wir zunehmend Naturkatastrophen wie Dürre oder Starkregen. Diesen Themen müssen wir uns zunehmend widmen. Das setzt voraus, dass wir manche Dinge auch anders denken und für besondere Problemstellungen auch andere Lösungen finden müssen. Vielleicht erleben wir auch in den Wirtschaftsbetrieben einen Strukturwandel und es könnte sein, dass wir uns von der reinen Produktion auch mehr an den Bereichen Forschung und Entwicklung ausrichten müssen. Die Frage lautet: Wo wollen wir hin?«

Stichwort Wandel: Hat die Corona-Krise bei den Wittlicher Unternehmen Spuren hinterlassen?

»Zumindest bei der Gewerbesteuer haben wir ganz massive Einbrüche erlebt, wesentlich höhere übrigens als in den Nachbarkommunen oder anderen Städten. Da wir sehr stark international aufgestellt sind, sind die größeren Firmen auf ihren Zielmärkten Corona bedingt überall auf Probleme gestoßen. Das schlägt sich dann natürlich auch in den Firmenbilanzen nieder. Die Materialknappheit in vielen Branchen wirkte als zusätzlicher Bremsklotz. Wir müssen jetzt abwarten, wie sich die Situation weiterentwickelt.«

Wittlichs Wirtschaftsförderung zeichnet sich durch einen kurzen Draht in die Verwaltung und eine gute Kommunikation mit den Unternehmen aus. Sie sind oft in den Betrieben unterwegs. Gibt es eine Firma, über die kaum Jemand etwas weiß, die aber total spannend ist?


»Wenn man jemand explizit erwähnt, hat man jemand anderes vielleicht vergessen. Ich bin aber stolz auf den wirklich interessanten Firmenmix an unserem Standort. Ein Mix, der sich auch weiter positiv entwickelt, sonst würde die Zahl der Arbeitnehmer nicht so steigen, wie wir das dokumentieren können. Es gibt natürlich einige kleine Unternehmen, die nicht unmittelbar im Fokus sind. »Handwai« zum Beispiel. Ein ganz junges Startup,  das sich mit der Digitalisierung von Handwerksbetrieben beschäftigt. Aber auch unsere Global Player stellen sich ständig neu auf, beschäftigen sich mit Innovationen und versuchen zum Beispiel ihre Produktionsprozesse nachhaltig zu gestalten. Das ist ein kontinuierlicher Prozess, den ich bei vielen Firmen beobachte. `50 NRTH` Dr. Oetker oder Arend Prozessautomation sind da sicher ganz vorne mit dabei, um nur einige zu nennen.«

Sehen Sie die Gefahr, dass bei der Digitalisierung der »Faktor Mensch« auf der Strecke bleibt?
»Ich glaube nicht, dass der Faktor Mensch in unseren Unternehmen eine leere Worthülse ist, sondern gelebte Realität. Die Betriebe wissen, dass ihr wertvollstes Kapital der Mensch ist, der für ihn arbeitet. Viele unserer Produktionshallen  – ob in  Industrie oder Handwerk – strotzen nur so vor Kompetenz. Es erfüllt mich mit Stolz und fasziniert mich immer wieder neu, wenn ich sehe, wie viele kreative und kompetente Menschen in allen möglichen Bereichen unserer Stadt arbeiten.«

Wittlichs Gewerbeflächen werden knapp. Wie kommt die Stadt mit der Erschließung des Industriegebietes III Nord voran?

»Durch das sehr nasse Jahr liegen wir etwas hinter dem Zeitplan. Mit der Fertigstellung rechnen wir Ende 2022. Eine ca. 12,5 Hektar große Restfläche gibt es auch noch in Wengerohr Süd. Wir sind gerade dabei, Grundstücke anzukaufen.«

Was erwartet ansiedlungswillige Betriebe im Gebiet III Nord?

»Insgesamt 18,7 Hektar Gewerbeflächen werden hier zusätzlich entstehen. Die Straßen dienen nicht nur zur Erschließung des Gebietes, sondern schaffen auch noch mal einen ganz neuen Zugang in die Stadt,  zum Beispiel ins Industriegebiet II, wo gerade der neue Globus entsteht. Der Markt wird für den Standort Wittlich eine weitere Wertsteigerung darstellen. Wir haben auch darauf geachtet, dass die Erschließung von Radfahrmöglichkeiten begleitet wird. Das Fahrrad gewinnt im Nahverkehr zunehmend an Bedeutung. Wir leben in einer Zeit des Wandels und müssen auch Mobilität ein Stück weit anders denken. . ."

Hat Wittlich damit die Grenzen des Wachstums erreicht? Welche Branchen wünscht sich Bürgermeister Joachim Rodenkirch noch für seine Stadt und wie bewertet er die Perspektiven für den Einzelhandel? Lesen Sie dazu das ausführliche Interview in der aktuellen WochenSpiegel-Ausgabe. Auf Sonderseiten stellen wir zudem Industrie- und Gewerbe aus der Region vor.

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