Landflucht ? wo ist dein Schrecken?

Kreis Bitburg / Prüm. Im vierten Teil unserer Serie »verlassene Orte« besuchte der WochenSpiegel ein entlegenes Geisterdorf. In der regionalen und überregionalen Presse wurde der verlassene Ort Staudenhof als drohendes Beispiel für die Verwaisung von Kleinstgemeinden in der Westeifel herangezogen. Dass die Lage in solchen Gemeinden aber gar nicht so finster aussieht, wie die Presse dies häufig sieht, illustriert das Beispiel Hamm. Ein Dorf mit nur etwas mehr als 20 Einwohnern, nur wenige Kilometer von Staudenhof entfernt.

Einsam windet sich ein Weg durch tiefe Wälder hinunter in das Prümtal. Unvermittelt endet der Teer und fängt einige hundert Meter ebenso unvermittelt wieder an. Schließlich taucht ein in Brombeerhecken begrabenes Haus auf, das augenscheinlich seit vielen Jahren verlassen ist. Eine angrenzende Scheune ist eingestürzt. Unweit davon einige Schuppen, ein Stallgebäude und ein weiteres Wohnhaus.

 

Die Geschichte von Staudenhof

Diese Siedlung war in den 1960er Jahren einmal das kleinste Dorf Deutschlands: Der Staudenhof in der Nähe von Mauel ist nun schon seit vielen Jahren weitestgehend verlassen. Und obwohl die Eifel viele einsame Orte und Plätze kennt ? an die Abgeschiedenheit dieser Siedlung im Prümtal können sie nur schwer heranreichen.

Vermutlich aus einem Einzelgehöft ging Ende des 17. Jahrhunderts die Siedlung hervor, in der Arbeiter des neugegründeten Eisenwerks Merkeshausen lebten. Im Jahr 1818 wohnten in Staudenhof 128 Menschen. Mit dem Niedergang des Werkes im 19. Jahrhundert verließen auch die Menschen schnell den Ort, denn bereits damals war er besonders abgelegen. Zusätzlich hatte die Gemarkung nur eine geringe Größe, was die Entwicklungschancen stark einschränkte.

1960 lebte schließlich nur noch eine siebenköpfige Familie im Ort. Deren Wohnhaus und Wirtschaftsgebäude bilden heute das übersichtliche Ortsbild, Spuren der zahlreichen Arbeiterhäuser lassen sich nur noch ganz vereinzelt in unüberwindlichem Gestrüpp erahnen. In den 1990er Jahren verließen die letzten Bewohner den Ort.

Das vielbeschworene "Ende der Dörfer"

Nicht nur in der regionalen Tagespresse, sondern auch in einem Medienbericht aus dem Jahr 2009 wurde der Staudenhof als mahnendes Beispiel für kleine Dörfer in der Westeifel zitiert. Vom »Ende der Dörfer« ist die Rede, das Leben in der Region wird als ein Leben an der Grenze zur Zivilisation beschrieben.

Gegenstand desselben Artikels war auch der Ort Hamm im Bitburger Land, wenige Kilometer vom Staudenhof entfernt. Mit ortsunkundigem Blick wurde hier aufwendig ein geradezu apokalyptisches Bild des Niedergangs der Eifel insgesamt gezeichnet.

Totgesagte leben länger

Bürgermeister von Hamm ist seit 2009 Schlossbesitzer Ferdinand Graf von und zu Westerholt und Gysenberg, der an dem tendenziösen Medienbericht kein Gutes Haar lässt: »Das Todesurteil für unseren Ort stand von vornherein fest. Ursprünglich sollte eine Gemeinde in Ostdeutschland dafür herhalten, bis man eben auf uns in der Westeifel stieß.« Von und zu Westerholt und Gysenberg stellt aber auch freudig fest: »Totgesagte leben länger.«

Zählte Hamm im Jahr 2006 lediglich 17 Einwohner, so waren es 2011 laut Zensus bereits wieder 27. Erst kürzlich zog eine junge Familie mit Kind in den Ort unterhalb des stattlichen Schlosses.

Durch diese architektonische Attraktion wie auch wegen der Nähe zum Biersdorfer Stausee ist der Ort auch für Touristen interessant, zwei Ferienwohnungen gibt es. Auf der Burg kann standesamtlich und sogar kirchlich geheiratet werden. Was die eigene Infrastruktur nicht hergibt, etwa ein Gasthaus, findet man zwei Straßenkurven entfernt im Nachbarort Echtershausen, mit dem Hamm, etwa durch die gemeinsame Feuerwehr, eng verbunden ist.

Gegenbewegungen zur Landflucht

Aber auch andere Kleinstdörfer im Kreis Bitburg-Prüm halten sich, wie die Ergebnisse des Zensus 2011 demonstrieren, erstaunlich gut. Und das häufig anscheinend ohne Wissen der Gemeinden. Ammeldingen/Our etwa hatte tatsächlich 130 Prozent mehr Einwohner als es laut amtlicher Festschreibung haben sollte  (der WochenSpiegel berichtete).

Dem allgegenwärtig zitierten »demografischen Wandel« und der tatsächlichen zunehmenden Ausdünnung der Infrastruktur auf dem Land, wie etwa bei der Ärzte-Versorgung besonders dramatisch, stehen auch positive, gegenläufige Bewegungen gegenüber, die zu selten Beachtung finden. Von und zu Westerholt und Gysenberg führt etwa die steigende Zahl von Menschen an, die in Luxemburg arbeiten, aber im deutschen Grenzgebiet leben.

Insbesondere in der Verbandsgemeinde Prüm lässt sich in den letzten Jahren beobachten, dass sich hier viele Niederländer und Belgier niederlassen. Auch zieht es viele Familien vermehrt aus der Stadt in den ländlichen Raum.Der Staudenhof bleibt mit seiner besonderen Ortsgeschichte und durch seine sehr abgeschiedene Lage wohl glücklicherweise ein Sonderfall in der Region. wb

Fotos: W. Busch

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