Renaissance der Redekunst

Nattenheim. Bunte Kinderwillkommensfeste, tröstliche Trauerfeiern und fröhliche Hochzeiten. Das versprechen Freie Redner. Sie kommen immer mehr in Mode als Ergänzung zur standesamtlichen Trauung oder als nicht-religiöse Alternative zu kirchlicher Trauung, Kindstaufe und Trauerfeier.

In der Antike entstand die Rhetorik als Kunst der Rede. Damals verfolgte diese Disziplin vor allem das Ziel, Menschen politisch zu überzeugen. Der gekonnte Umgang mit Worten spielt auch in anderen Bereichen eine wichtige Rolle. So, wenn Menschen besondere Ereignisse in ihrem Leben unvergesslich machen oder geliebte Menschen würdig verabschieden wollen. Dann schlägt die Stunde der Freien Redner. Was manch einer in der Kirche, auf dem Friedhof oder im Standesamt vermisst, das suchen immer mehr Menschen bei ihnen: individuelle und ganz persönliche Worte, die Geschichten zu den Menschen erzählen, um die es an diesem besonderen Tag geht. Keine Standard-Zitate und Poesiealbum-Sprüche, kein religiöses Pathos.

"Freie Trauredner sind total im Kommen", stellt Hochzeitsplanerin Annika Hahn-Hillen aus Prüm fest. Kirchliche Trauungen würden immer weniger, weil sich die Hochzeitspaare einen persönlicheren Rahmen wünschen, in dem es um sie und ihre Liebesgeschichte geht. "Bei der Freien Trauung wird die Liebe gefeiert", erklärt Annika Hahn-Hillen den Trend.

»Trauredner sind extrem stark gefragt«

Beatrix Tilkes aus Nattenheim hat sich 2018 als Freie Traurednerin selbstständig gemacht. Auch sie spürt den Trend: "Trauredner sind extrem stark gefragt und gebucht. Anfragen und Buchungen erhalten wir schon eineinhalb bis zwei Jahre im Voraus - die Tendenz ist steigend." Wichtig sei, dass die Chemie zwischen Paar und Redner stimme. "In den persönlichen Gesprächen und während der Vorbereitung verbringt man sehr viel Zeit mit dem Brautpaar. Hier entstehen durch die individuellen Persönlichkeiten und Interessen sowie die Geschichte des Paares schon die ersten Ideen in meinem Kopf, die genau zum Brautpaar passen." Bei den Treffen achte sie besonders auf das Miteinander und die Gefühle des Paares und versuche Gemeinsamkeiten und Gegensätze zu erkennen. "Besonders wichtig ist gutes Zuhören!" Das Ergebnis muss berühren: "Die Paare suchen eine persönliche, emotionale, lustige, individuelle aber vor allem eine besondere, unvergessliche Trauung", erzählt Beatrix Tilkes. Darin steckt einige Vorbereitung für die Traurednerin: "Sie erstreckt sich über eine Kennenlernphase, eine Erarbeitungsphase mit Sammeln von Informationen, ein intensives Traugespräch, die Planung des Tagesablaufs, Absprachen mit anderen Dienstleistern, Besorgungen für die Zeremonie, der größte Zeitfaktor ist das Schreiben der Rede und dann endlich der große Tag und die Nachbearbeitung."


Nicht nur die Traurede ist auf das Brautpaar zugeschnitten. Bei der Freien Trauung ist das Hochzeitspaar auch frei in der Wahl des Ortes - die Trauung lässt sich am Strand, im heimischen Garten, auf einem Schloss, im Heißluftballon, im Stadion oder irgendeinem anderen Lieblingsort feiern. Die Zeremonie ist ganz auf die Wünsche des Paares ausgerichtet. Religionszugehörigkeit spielt hier keine Rolle. Weißes Brautkleid geht auch ohne Kirche. Allerdings gilt, wer verheiratet sein möchte, muss nach wie vor erst zum Standesamt.

Auch Bestattungen werden persönlicher

Auch Bestatter stellen fest, dass freie Reden immer häufiger die Worte des Pastors ersetzen. Niklas Leuschen, Bestatter in Prüm: "Grund ist der Wunsch nach mehr Individualität und die zunehmende Zahl von Kirchenaustritten." Er selbst hat während seiner Fortbildung zum Bestattermeister Trauerrhetorik trainiert und hält seit 2017 Trauerreden. Dabei stellt der 29-Jährige den Verstorbenen in den Mittelpunkt. "Was hat ihn ausgemacht? Wie war er? Es kann auch eine Anekdote einfließen, ruhig etwas zum Schmunzeln", erzählt er. Denn das macht den Menschen unverwechselbar.

 

Sybille Schönhofen

 

 

www.wortzauberei.com

www.herzensfeier.de

www.liebevolleworte.de

www.freieredner.com

www.leuschen.de

 

Info

Für den Beruf des Freien Redners gibt es bisher keine geregelte Ausbildung. Beispielsweise bieten Industrie- und Handelskammern Zertifikatslehrgänge an.

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