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»Das ist Protzarchitektur«

Bitburg. Neu ist nicht immer besser: Der modernisierte Petersplatz in Bitburg sorgt für einige Kritik.

Sie liest viel und gern: Nadia van Boxem betreibt mit ihrem Mann Volker van Boxem ein Brillengeschäft in der Innenstadt von Bitburg - direkt am Petersplatz. Dass es hier einen Bücherschrank gibt, der von den Bitburger Buchpaten organisiert worden ist, hat sie bisher immer gefreut: "Ich bin ein Fan der Lesevilla und nutze sie selbst." Bisher stand diese in Form einer Telefonzelle auf dem Platz in der Füßgängerzone und lud dazu ein, alte Bücher abzugeben und sich andere mitzunehmen.

Im Jahr 2018 beschlossen Stadtrat und Bauausschuss die Neugestaltung rund um den Petersplatz für 1,3 Millionen Euro. Im Zuge der Umbaumaßnahmen wurden der Mittelteil mit der Grünanlage entfernt, der Gäßestrepperbrunnen versetzt sowie Mastleuchten installiert. Die lila-grüne Lesevilla wurde durch einen grauen Kasten ersetzt. Dieser - nun deutlich größere Schrank - steht näher an dem Laden der van Boxems und versperrt ihrer Ansicht nach den Kunden die Sicht auf das Geschäft.

Kein Durchkommen

Der "hässliche große graue Kasten", wie ihn Nadia van Boxem nennt, ist nicht nur optisch ein Problem. Er behindere die Ausfahrt aus dem Hinterhof. Da es dort keine Wendemöglichkeit gibt, müsse man rückwärts rausfahren. Durch die ungünstige Lage des Bücherschranks sowie der Mastleuchten sei das eine Herausforderung. Die Kritik der van Boxems wird von der Stadt zurückgewiesen. Man habe den Standort bereits während der Bauarbeiten nach ihren Beschwerden versetzt, obwohl der Projektplan lange vorher öffentlich einsehbar war. Für van Boxem kein Argument: "Ein eingezeichnetes Rechteck für den Schrank hätte uns kein realistisches Bild über das Endergebnis gegeben." Selbst Beigeordneter Josef Heuzeroth schien über den neuen Schrank nicht informiert gewesen zu sein. Gegenüber Nadia van Boxem erwähnte er angeblich, dass er gedacht habe, die alte Lesevilla werde wieder aufgestellt.

Platz für Jung und ...

Kritik gibt es nicht nur für den Schrank: "Ältere Menschen mit Einschränkungen können sich hier nicht hinsetzen, da die neuen Sitze zu niedrig sind", sagt Nadia van Boxem. Gemeint sind die Bänke aus Basalt, die um einen Baum herum aufgestellt wurden. "Sie bieten keine Haltegriffe oder Lehnen. Als ob man Senioren nicht hier haben will", sagt sie weiter. Die Stadt hingegen betont, dass die Platzbank, die sich gegenüber befindet, höhere Sitze hat und noch Rückenlehnen erhält. Ihre Kritik wird laut Heuzeroth aber weitergeleitet.

Protz und Plattenbau

Diese kommt nicht nur von ihr. Jutta Klaes-Berg, Mitarbeiterin in der Buchhandlung am Platz, stört die Leuchte vor dem Geschäft. "Sie steht so, dass sie das Firmenschild verdeckt". Während einige ihrer Kunden den Platz mögen, erzählt sie, sprächen andere schlecht über ihn, weil er grau und kalt wirke. Ein solcher Kritiker ist Bernhard Thiex, der an diesem Tag in Bitburg unterwegs ist. Für ihn ist es "Protzarchitektur", die Bitburg aussehen lassen solle wie eine moderne Großstadt. Er und eine weitere Passantin bedauern besonders das Fehlen von Pflanzen, wodurch der Platz leblos wirke. In Zeiten von Klima- und Umweltschutz für sie unbegreiflich: "Warum bauen die so einen Schrott?", fragt Bernhard Thiex sichtlich enttäuscht.

(ju).

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Kommentar von Francisco Engler-Scheuern
Bücherbox und Mastleuchten hin oder her, dies sind Probleme, denen man bei rechtzeitiger Intervention der Betroffenen sicherlich hätte abhelfen können.

Was mich in Zeiten von Insektensterben und Starkregenereignissen, welche die Kanalisationen an den Rand ihrer Aufnahmefähigkeit und darüber hinaus bringt, jedoch irritiert ist das völlige Fehlen von Blumen (Nahrungsangebot für Insekten) und die vollständige Versiegelung von Fläche.

Mag der Platz auch multifunktional sein, ein wirklicher einladender Raum ist er nicht. Schade um das viele Steuergeld.