Eifel Kurz Krimi 1: Wenn alte Liebe rostet

Kreis Euskirchen. Wiewohl er mit Familiennamen Merk hieß, hatte Franz das Unheil, das sich über ihm zusammen braute, nicht bemerkt. Im Gegenteil, er glaubte, je mehr seine Frau Klara sich mit dem Internet beschäftigte, umso mehr Zeit für seine eigenen Aktivitäten zu haben. Dazu gehörte Stallarbeit, wie sie nun einmal auf einem der letzten beiden Vollerwerbshöfe im Dorf anfiel.

Daneben trank Franz gerne ein Bier in geselliger Runde und er liebte den sonntäglichen Frühschoppen im Dorfkrug. Der schloss sich gleich an das Hochamt an. Und von der Kirche bis zum Dorfkrug waren es nur ein paar Schritte. Es störte ihn wenig, wenn Klara dann mit dem Mittagessen auf ihn wartete, selbst wenn er ihr versprochen hatte, dieses Mal pünktlich zu sein.

Versprochen hatte er ihr viel im Leben. Sie hatten jung geheiratet, mit 21. Damit war man damals erst volljährig. Klara hatte sich in Franz verliebt, weil er groß und stattlich war. Beim Tanzen auf der Kirmes waren sie sich näher gekommen. Franz versprach ihr eine Hochzeitsreise nach Paris. Wie mit all seinen anderen Versprechungen war es dabei geblieben.

Jetzt waren sie mehr als 35 Jahre verheiratet und Paris lag für Klara immer noch in weiter Ferne. Oft hatte sie an Scheidung gedacht. Aber das war aus etlichen Erwägungen, nicht zuletzt aus finanziellen Überlegungen heraus, nahezu undurchführbar. Dann war sie auf das Internet gestoßen.

Franz hatte nichts dagegen, als sie einen internetfähigen Laptop kaufte. Er selbst hatte für so einen neumodischen Schnickschnack nichts übrig. Für ihn gehörte die neue Bindemaschine zum Höhepunkt der Technik. Oder fast jedenfalls. Wichtiger waren allenfalls noch die Melkmaschine und der Mähdrescher.

Er duldete es auch, dass sie im Netz immer wieder Dinge bestellte. Hin und wieder waren auch kleinere Geschenke für ihn darunter. Wie dieses neuartige Parfum, das sie ihm zum Valentinstag geschenkt hatte. Weil sie sich selbst auch etwas gegönnt hatte, fiel es für ihn gar nicht ins Gewicht, dass er dieses Fest genauso vergessen hatte wie den Hochzeitstag oder ihren Geburtstag.Klara hatte sich die Auswirkungen des neuen Parfums immer wieder ausgemalt. Vor dem Spiegel hatte sie tagelang geübt. Ein überraschtes Gesicht für den Augenblick, in dem ihr die schreckliche Nachricht überbracht wurde; einen anschließenden Weinkrampf, gefolgt von einem hemmungslosen Schluchzen am offenen Grab. Dann hatte sie trainiert, die Freude über die fällige Versicherungspolice zu beherrschen. Niemand sollte ihr auf die Schliche kommen.

Das neue Parfum hatte sie in den Ausguss gekippt und den Inhalt des Flakons gegen ein wirkliches Wunderwerk der Technik ausgetauscht. Pheromone, Botenstoffe, die stimulierend auf Stiere wirken sollen. Eigentlich sollten damit die Kühe eingerieben werden, für den Fall, dass der Stier überhaupt nicht in Stimmung zu bringen ist.

Klara war davon überzeugt, dass ihr Stier auf Franz losgehen würde, wenn er mit einer tüchtigen Portion aus dem Flakon in den Stall ginge. Am Sonntag würde sie es wieder versuchen. Vor dem Kirchgang würde Franz das Parfum benutzen, sie würde ihm Komplimente machen und ihn dazu bringen, noch mehr Parfum aufzulegen, weil er dann während und selbst nach der Stallarbeit noch angenehm riechen würde.

Sonntag war der perfekte Tag für den perfekten Mord.

 

Harry Verhufen

 

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