Stufe für Stufe auf das Matterhorn

Kreis Euskirchen. Wenn Sie demnächst zufällig in einem Hochhaus auf zwei Männer treffen, die in einem Affenzahn die Treppen rauf und runter sprinten, dann müssen Sie sich keinen Kopf machen. Vor allem, wenn es sich dabei um ein - größentechnisch - eher ungleiches Pärchen handelt, einen 2,07 Meter großen Hünen und einen 1,76 Meter kleinen, drahtigen Kerl. Denn bei den beiden Treppenhaussprintern handelt es sich mit Sicherheit um Holger Niessen und Volker Nietmann. Die beiden Münstereifeler wollen hoch hinaus, und zwar nicht nur im Hochhaus. 2015 wollen die beiden den schönsten Berg der Alpen besteigen, das 4478 hohe Matterhorn. Und dafür muss man viel trainieren, auch in Treppenhäusern.

»Daran haben wir bisher keinen Gedanken verschwendet«, gibt Holger Niessen unumwunden zu. Aber seit einem Kletterkurs in den Bergen bei Garmisch-Partenkirchen sind die beiden ein gutes Stück schlauer. Ihr Bergführer hat ihnen diesen Geheimtipp gegeben. Mountainbikefahren und »Klettertouren im Treppenhaus«: Das sei optimal für den Konditionsaufbau.

Die Fitness ist schon ganz ordentlich, wie sich jetzt in den Alpen gezeigt hat. »Das Wochenende war hart, aber wir haben auch viel gelernt«, sagt Volker Nietmann, wenn er auf den Kletterkurs zurückblickt. Ein ganzes Wochenende waren die Münstereifeler in der Vertikalen unterwegs, »und das war eine ganze neue Erfahrung«, so Holger Niessen. Ihre ersten Kletterversuche hatten die beiden in den Wochen zuvor in der Mimi-Renno-Halle in Bad Münstereifel gemacht, wo die hiesige Alpenvereins-Sektion eine Kletterwand betreibt. »Aber mit dem Klettern im Fels ist das ganz und gar nicht zu vergleichen.«

Drei Tage lang war das Duo im Kreuzeckhaus stationiert, von wo aus die benachbarten Gipfel in Angriff genommen wurden. Nach einem Theoriekurs ging es mit Bergführer etwa in einen ambitionierten Kletterparcours am Fuße der Alpspitze, später auf den Aschengrat-Klettersteig. Die steilen Passagen waren für unsere beiden »Flachlandtiroler« schon einer Herausforderung. Bis sie schließlich glücklich das Gipfelkreuz erreichten, musste so manches Hindernis überwunden und so mancher typische Anfängerfehler begangen werden. So hat Holger Niessen in einer Steilpassage glatt vergessen, sich zu sichern. Das »Free Climbing« hätte unsanft enden können.

 

Höhepunkt des Wochenendes war die Besteigung des Bernadeinkopfes (2143 Meter). Die ursprünglich geplante Alpspitze ließ sich aufgrund des schlechten Wetters nicht realisieren. Aber der benachbarte Berg hatte es auch in sich. Und als die beiden dann nach der mehrstündigen Tour endlich auf dem Gipfel waren, »war das schon ein überwältigendes Glücksgefühl«, so Holger Niessen.

Fazit des alpinen Wochenendes: »Wir sind auf einem guten Weg«, sagt Volker Nietmann. Und Holger Niessen ergänzt: »Das war Nervenkitzel pur und eine große Herausforderung. Aber wir haben es geschafft - auch wenn ich konditionell an die Grenze gehen musste.« Beide wissen: Das Matterhorn ist noch einmal eine ganze andere Liga.

Dass die Freunde Niessen/Nietmann diesen Berg überhaupt in Angriff nehmen, hat eine besondere Vorgeschichte (der WochenSpiegel berichtete). Beide Männer waren vor Kurzem noch medizinische Notfälle. Volker Nietmann (43) hat im Jahre 2007 einen Herzinfarkt erlitten, bei dem er dem Tod erst im allerletzten Moment »von der Schippe gesprungen ist«. Und Holger Niessen (39) hat auch eine dicke Patientenakte, denn er kann mittlerweile auf fünf Bandscheibenvorfälle zurückblicken, zweimal wurde er operiert.

Mit dem »Projekt Matterhorn« wollen beide beweisen, dass man sich auch mit »Handicaps« ambitionierte Ziele setzen und sie unter ärztlicher Kontrolle auch angehen darf. »Damit möchten wir auch anderen Mut machen, ihre Träume zu verwirklichen«, betont Holger Niessen.

Bis die beiden sich ihren Traum erfüllen und auf dem Gipfel des Matterhorns stehen, ist noch Zeit. Bis dahin stehen u.a. noch ein Kurs »Alpine Hochtouren« und die Besteigung der Watzmann-Ostwand auf dem Plan. Und natürlich viele Treppenläufe. Also, wenn Sie die beiden irgendwo in einem Treppenhaus treffen, nicht wundern. Hat alles seinen Sinn...

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