Die Cervisia kam aus Mogontiacum

Nettersheim. Eine verkehrsgünstige Anbindung an die Autobahn, florierende Industrie und Handel, großzügige Naturerholungsräume und unverkennbarer Wohlstand - und das alles mitten in der Eifel. Unmöglich in einer vermeintlich strukturschwachen Region? Das mag vielleicht auf die heutige Zeit zutreffen. Vor rund zweitausend Jahren sah das allerdings ganz anders aus.

»Hier haben bestimmt keine armen Leute gewohnt« - diese Erkenntnis hat mittlerweile Dr. Salvatore Ortisi vom Archäologischen Institut der Universität Köln gewonnen. Er leitete erneut ein Grabungscamp, das sich mit den Relikten einer Römerstadt beschäftigte, die 2009 in der Nähe von Nettersheim gefunden wurde und getrost als archäologischer Sensationsfund bezeichnet werden darf. »Nettersheim ist ein wirklich spannender Ort«, so Dr. Ortisi und meint damit nicht nur die Funde, die er und sein Team zutage fördern konnten. Sondern auch die Menschen, die bei sengender Hitze auf freier Wiese mit kleinsten Schaufeln und Haken bestens erhaltene römische Funde freilegen.

Denn neben den 16 Studenten mit profunden archäologischen Kenntnissen wühlen sich auch Laien durch das Erdreich, ganze 26 an der Zahl. Sie hatten sich, wie übrigens auch der Nettersheimer Ortsvorsteher Karl Reuter, freiwillig für das Grabungscamp gemeldet. Diese Zusammensetzung eines Grabungsteams ist auch für Dr. Ortisi neu: »Das gibt es nur in Nettersheim. So etwas habe ich noch bei keiner Grabung erlebt.« Wobei er mit der Qualität der Hobby-Archäologen sehr zufrieden ist.

 

»Einige würde ich sofort in mein Stammteam übernehmen«, schmunzelt der erfahrene Archäologe. Mit dem Verlauf der diesjährigen Grabung ist Dr. Ortisi sehr zufrieden. Man habe wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Fest stehe mittlerweile, dass die Eifel nicht nur wegen ihres Wassers bei den Römern sehr hohes Ansehen genoss. Die kleine Römerstadt nahe Nettersheim - sehr wahrscheinlich handelt es sich um das legendäre Marcomagus - besaß offensichtlich eine große Bedeutung. Die Stadt lag an der acht Meter breiten Via Agrippa mitten zwischen den Metropolen Trier und Köln.

Die Freilegung der Steinmauern von einigen Streifenhäusern, die zur Römerzeit in Fachwerkbauweise errichtet waren, zeigten deutliche Anzeichen für florierenden Handel und Gewerbe. So wurde etwa eine Amphore gefunden, in der sich einst Cervisia (Bier) aus Mogontiacum (Mainz) befand. Auch Keramiken aus Gallien (heutiges Frankreich) gehören zu den Fundstücken.

Zudem wurde in dem Vicus bei Nettersheim bereits Eisen verhütet - alles Hinweise auf nicht unbedeutenden Wohlstand. Immerhin war die Stadt, die rund 500 Einwohner gezählt haben dürfte, fast 400 Jahre besiedelt - und zwar ab den Jahr 40 bis in die Jahre 430-450 hinein. Unter anderem konnten Münzenfunde diese Annahmen untermauern. Der Nettersheimer Bürgermeister Wilfried Pracht freut sich nun auf den Archäologischen Park, der dort entstehen soll. 

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