Flieger, such uns die Hirsche

Nettersheim. Wenn in Kürze ein Flieger über den Eifelwäldern aufsteigt, wird er vielleicht die Sonne grüßen, sich aber in erster Linie auf die Pirsch nach Rotwild machen. »Bewaffnet« ist die Luftflotte dabei mit einer Wärmebildkamera, die permanent Fotos vom Wild im Wald schießen soll. Konzipiert ist diese ungewöhnliche Aktion als Kombination einer Luft- und Bodenoffensive. Denn auch von der Erde aus soll in nicht einsehbaren Gebieten mit der Kamera horizontal ins Dickicht geschossen werden.

»Wir sind«, erläuterte der Bad Münstereifeler Bürgermeister Alexander Büttner, »als eine konzertierte Aktion unterwegs.« Mit wir meinte er damit die sechs Bürgermeister der Kommunen Hellenthal, Nettersheim, Blankenheim, Dahlem, Kall und Bad Münstereifel sowie Vertreter des Landesbetriebs Wald und Holz, die sich allesamt im Naturzentrum Nettersheim eingefunden hatten. Wenn sechs Bürgermeister an einem Ort zusammen kommen, muss der Anlass ernst sein. Und das ist nach Ansicht der Verwaltungschefs sowie des Landesbetriebs Wald und Holz der Fall. »In unseren Wäldern«, so Alexander Büttner, »ist zu viel Rotwild unterwegs. Die Tiere verursachen im Forst ganz erhebliche Schäden.« Sein Dahlemer Kollege Reinhold Müller nickt zustimmend: »So schlimm wie im Moment war es noch nie.« Das Rotwild beschränke sich dabei nicht alleine auf das Abschälen der Baumrinde, sondern knabbere auch mit Vorliebe junge Baumsetzlinge an. »Selbst eine natürliche Aufforstung ist aufgrund des hohen Rotwildbestandes kaum mehr möglich«, so der Hellenthaler Bürgermeister Rudolf Westerburg. Das führe bei den Kommunen und auch den Waldbesitzern zu hohen finanziellen Einbußen. »Die sind um ein Vielfaches höher als die Erlöse aus der Jagdpacht«, so Reinhold Müller. Laut Landesbetrieb Wald und Holz erleidet ein 1.000 Hektar großer Forstbetrieb in der Eifel durch Schäl- und Verbissschäden jährlich einen Schaden von 80.000 Euro. Der Nettersheimer Bürgermeister Wilfried Pracht wies daraufhin, dass der Wald als Vermögen ein Drittel der Bilanzsumme seiner Kommune ausmache. Vermögen, das vom Wild geschädigt werde. Nach Auffassung des Landesbetriebs liegt die Ursache darin, dass das Wild in den realtiv ungestörten Wäldern ideale Voraussetzungen vorfinde und sich sehr gut vermehre. »Da natürliche Feinde wie Bär und Wolf fehlen, ist das ökologische Gleichgewicht gestört«, so der Landesbetrieb. Nun ja, der letzte Eifelwolf wurde zwar irgendwann zwischen 1870 und 1888 erlegt und auch Meister Petz ließ sich seit Ewigkeiten nicht blicken. Fakt jedenfalls ist, dass keiner so ganz genau weiß, wie viel Wild tatsächlich im Eifelwald unterwegs ist. Das soll mit den Wärmebildkameras festgestellt werden. Nach der erfolgten Zählung will man festlegen, wie viele Hirsche in den nächsten Monaten durch die Jäger erlegt werden sollen. Mit der Arbeit der Jäger war man seitens der Kommunen und des Landesbetriebes offensichtlich nicht immer glücklich. Das jedenfalls kann man aus einer Liste von konkreten Maßnahmen herauslesen, die für eine Resolution zur Novelle des Landesjagdgesetzes formuliert wurden. Aufgeführt sind unter anderem eine strikte Trennung von Jagd- und Fütterungszeiten, die Bildung von Hegegemeinschaften in Form von offiziellen Organen des öffentlichen Rechts sowie der »körperliche« Nachweis über Abschüsse, die durch Aufsichtsorgane kontrolliert werden sollen. Nicht am Tisch saßen übrigens diejenigen, die in die Rolle des natürlichen Rotwild-Feindes schlüpfen sollen, die Jäger. Ein Umstand, der den Vorsitzenden der Kreisjägerschaft Euskirchen, Rudi Mießeler, durchaus verwunderte: »Warum werden wir Jäger als einer der Hauptbeteiligten in dieser Angelegenheit an der Runde nicht beteiligt?« Seitens der Jägerschaft sei man sich durchaus der Problematik bewusst und möchte sich helfend beteiligen. Die angesprochenen Luftzählungen bezeichnete Mießeler als »sehr ungenau«. Vor allen Dingen sei Ursachenforschung gefragt. Sachstände wie »Horden von einfallenden Pilzesammlern«, die das Rotwild zur Brunftzeit massiert in die hintersten Einstände der Wälder drückten, müssten ebenso in Betracht gezogen werden wie Geo-Cacher, Biker und sonstige Nutzer, die im Wald erhebliche Unruhe verursachten. Auch das Jagdgesetz bedürfe einer Regulierung. »Wenn man heute den Abschussplan über erfüllt, also mehr schießt als vorgegeben, begeht man momentan eine Ordnungswidrigkeit.« Wer weiß, vielleicht kommt ja bald Hilfe von Isegrimm. Schließlich soll im Hohen Venn ja ein Wolf geheult haben - auch wenn ein Wolf noch kein Rudel macht ... Foto: Landesbetrieb Wald und Holz

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