Frederik Scholl

»Keine Liebesheirat, eher eine Vernuftehe«

Kreis Euskirchen. Mit einem großen Festakt im Kulturkino Vogelsang wurde vergangenen Mittwoch das 50-jährige Bestehen des heutigen Kreises Euskirchen gefeiert.

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1972 fusionierten die Altkreise Euskirchen und Schleiden zum heutigen Kreis Euskirchen. Mit einem Festakt im Kulturkino in Vogelsang wurde das Jubiläum jetzt gemeinsam mit zahlreichen Gästen gefeiert.

»Die damals ‚von oben‘ verordnete politische Fusion der beiden Altkreise Schleiden und Euskirchen war keine Liebesheirat, eher eine Vernunftehe«, sagte Landrat Markus Ramers in seiner Rede. Die beiden Altkreise Euskirchen und Schleiden seien keine Frischverliebten gewesen, die mit klopfendem Herzen darauf gewartet hätten, dass endlich die Hochzeitsglocken läuteten. Die Schleidener hätten seit Längerem mit den Eifelern im Altkreis Monschau »gefreit«, die Euskirchener hätten ihren Freundeskreis überall gehabt – außer in der Eifel, so der Landrat. »Wie soll das bloß gut gehen? fragte man damals. Nun, es ist gut gegangen, und das hat auch ein Stückweit mit dem Pragmatismus und der Mentalität der Menschen im heutigen Kreis Euskirchen zu tun. Der damalige Landrat Peter Milz bringt es in seiner Kreistagsrede Ende 1971 gut auf den Punkt: ‚Wir sind nicht nachtragend, wir sind offen und ehrlich. Und wir werden diese offene und ehrliche Haltung in den neuen Kreis Euskirchen einbringen.‘ Ganz kurz hätte er auch sagen können: ‚Da jö‘…«, erklärte Markus Ramers. »Heute sagt keiner mehr, ich wohne in Dollendorf im Altkreis Schleiden. Oder in Kreuzweingarten im Altkreis Euskirchen. Diese Begriffe haben sich im Laufe der Zeit „rausgewachsen“ – wir sind alle Kinder des Kreises Euskirchen«, so Ramers weiter.

Während des von Journalist Sebastian Tittelbach moderierten Festaktes kamen auch Zeitzeugen zu Wort. Dr. Karl-Heinz Decker, der 1972 als Oberkreisdirektor des Kreises Euskirchen die Fusion der beiden Kreis leitete, wusste im Gespräch mit Tittelbach eine Reihe von Anekdoten aufzuzählen. So habe der ehemalige Regierungspräsident des Regierungsbezirks Köln, Franz-Josef Antwerpes, einmal gesagt: »Der Kreis Euskirchen ist fast so groß wie Rhodos, aber mindestens genau so schön«. Auf die Titelbachs Frage, wann Decker denn die Altkreise Schleiden und Euskirchen als einen Kreis Euskirchen wahrgenommen hätte, antwortete der Oberkreisdirektor a.D.: »Für mich waren die ehemaligen Kreisgrenzen schon 1972 verschwunden. Wer die Grenzen natürlich weiterhin sehen will, der wird sie auch in 100 Jahren noch sehen.« In einem eingespielten Video kam auch der ehemalige Geschäftsbereichsleiter Johannes Adams zu Wort, der 1972 als Auszubildender von Schleiden zur Euskirchener Kfz-Zulassungsstelle wechselte. Er habe nach einer versehentlichen Doppelvergabe eines Kennzeichens in weniger freundlicher Manier folgenden Satz zu hören bekommen: »Adams, du Idiot uss dr Eefel! Du häss ene Dobbelte jemaaht. Üsch soolten se all zoröck henger dr Bredderzong schecke!« Die Fusion sei also nicht ganz so harmonisch verlaufen, wie sich das manch einer gewünscht hatte.

Slam-Poet fühlt sich »Zuhause«

Einen humorvollen, eigens für den Festakt verfassten, kreisumfassenden Redebeitrag mit dem einfachen Titel »Zuhause«, lieferte der Zülpicher Slam-Poet Julius Esser auf der Bühne ab (siehe Video).

Zu einer weiteren Talkrunde begrüßte Moderator Tittelbach Marielle Haep, Hoteldirektorin des Boutique Hotels Marielle in Bad Münstereifel und Verena Andree-Schwarz, Geschäftsführerin des Gemünder Unternehmens KTW-Verpackungen. Beide Betriebe waren stark von der Flutkatastrophe betroffen, wurden jedoch nach der Flut wieder aufgebaut.

Für die passende musikalische Umrahmung des Festaktes sorgte das Duo Susanne Riemer und Wilhelm Geschwind, das eigenwilligen Jazz-Kompositionen, zuweilen auch im rheinischen Dialekt gehalten, begeisterte.

Sein Jubiläum wird der Kreis Euskirchen übrigens noch einmal feiern und zwar am Sonntag, 21. August, mit einem Sommerfest rund um das Kreishaus in Euskirchen.

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