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DGB kritisiert: Gelobtes Land - für wen?

Hunsrück/Nahe. Die Imagekampagne "Gelobtes Land" sieht sich schon kurz nach dem Start Kritik ausgesetzt. Der Slogan sei "mehr Schein als Sein", findet zumindest der DGB-Kreisverband Rhein-Hunsrück.

"Gelobtes Land - für wen?" fragen sich die Gewerkschaftsvertreter im DGB-Kreisvorstand Rhein-Hunsrück. Das Bild knüpft an das biblische Bild „ein Land, in dem Milch und Honig fließen“ an, das Gott den Israeliten beim Auszug aus Ägypten versprach. Bei der Kampagne des Regionalrates Wirtschaft im Rhein-Hunsrück-Kreis fragen sich die Gewerkschaftsvertreter im DGB-Vorstand allerdings, für wen in der Region „Milch und Honig fließen“.

„Vielleicht gilt das für die Unternehmen, die hier aufgrund niedriger Löhne bei fehlender Tarifbindung ihre Gewinnmarge zu Lasten der Arbeitnehmer erhöhen. Für die Mehrheit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen ist die Hunsrückregion eben deshalb kein „gelobtes Land“, so Kay Wohlfahrt, einer der beiden Vorsitzenden des DGB-Kreisverbandes und Betriebsratsvorsitzender bei der Firma Boge in Simmern.

Tarifverträge bieten Planungssicherheit

„Wir haben in unserer Firma einen Tarifvertrag, müssen ihn aber täglich neu verteidigen. In anderen Betrieben der Region konnten die Kolleginnen und Kollegen nach langen Auseinandersetzungen mit dem Arbeitgeber zumindest mal einen Haustarifvertrag abschließen. Aber die Mehrheit der Betriebe hier – und das gilt auch und besonders für die Förderunternehmen der Kampagne - sind nicht tarifgebunden. Hier gilt zu oft eine mehr oder weniger willkürliche ‚Nasenpolitik‘. In einem „gelobten Land“ sollte das anders sein. Tarifverträge bieten Planungssicherheit für ArbeitnehmerInnen u n d für Arbeitgeber.

Keine Tarifbindung, niedriges Lohnniveau – Von guter Luft alleine kann man nicht leben

„Es hat seine Gründe, dass über 80% der Beschäftigten im Rhein-Hunsrück-Kreis für ihre Arbeit auspendeln und täglich lange Anfahrtswege in Kauf nehmen. Damit liegt der Landkreis deutlich über dem Schnitt im Gebiet der IHK Koblenz“, zitiert Georg Henschel - im Duo mit Kay Wohlfahrt ebenfalls Vorsitzender des DGB Rhein-Hunsrück - den IHK-Pendlerbericht. „Hier bei uns wird einfach zu schlecht bezahlt. Von guter Luft und intakter Natur alleine kann man halt auch im Hunsrück nicht leben“, kommentiert Henschel den Internetauftritt der Kampagne „Gelobtes Land“.

Ein Blick in die Einkommensstatistik des statistischen Landesamtes bestätigt die Kritik der beiden Gewerkschafter. Danach liegt bei 24 Landkreisen in Rheinland-Pfalz der Rhein-Hunsrück-Kreis bei dem Primäreinkommen je EinwohnerIn im unteren Drittel (Quelle: Statistische Monatshefte RLP 11/2016).

Nachwuchsprobleme oft hausgemacht

„Auch das Gejammer über Fachkräftemangel und Nachwuchsprobleme kann ich in weiten Teilen nicht mehr nachvollziehen“, so Thomas Uhl, Betriebsratsvorsitzender bei Cristalux in Kirchberg. „Es reicht nicht aus, in Hochglanzbroschüren um Auszubildende zu werben. Man muss den jungen Leuten auch tatsächliche Perspektiven bieten. Das geht aber nicht mit befristeten Übernahmen nach der Ausbildung bei abgesenktem Lohnniveau.“

41,7% aller Beschäftigten im Rhein-Hunsrück-Kreis gehen einer sog. atypischen Beschäftigung nach (Stand 2016), d.h. sie arbeiten entweder in Teilzeit, in Leiharbeit oder in einem Minijob. Über 70% davon sind Frauen. Die meisten von Ihnen arbeiten in Teilzeit oder in einem Minijob. „Ist das die Perspektive, die die Unternehmen im „gelobten Land“ den Frauen bieten wollen?“ fragt Rita Schmitt vom DGB kritisch die Initiatoren der Kampagne. Die Zahlen an sich seien schon sehr bedenklich. Aber: „Sie legen die Vermutung nahe, dass es mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf nicht so weit her ist im ‚gelobten Land‘, wie es uns die Marketingagentur glauben machen will. Denn Frauen arbeiten nicht freiwillig in prekären Beschäftigungsverhältnissen, die ihnen weder ein gutes Einkommen, noch berufliches Weiterkommen bieten, sondern, weil sie Familie und Beruf anders nicht unter einen Hut bekommen.“ Genau mit diesem Slogan aber wirbt die Kampagne. „Ich finde, das ist nicht seriös wenn in der Packung nicht das drin ist, was außen drauf steht“.

Kampagne wirbt mit falschen Etiketten

Die Ursache für viele dieser Missstände sieht Marko Bärschneider von der Gewerkschaft verdi in der fehlenden betrieblichen Mitbestimmung. In vielen Betrieben der Region gebe es gar keinen Betriebsrat, weiß der verdi-Sekretär zu berichten. Und noch fataler: „Es gibt Arbeitgeber hier, die ihre Beschäftigten aus dem Arbeitsverhältnis herausmobben, nur weil diese sich für den Betriebsrat engagieren und mit der Gewerkschaft kooperieren wollen“. Mit einem derartigen Verhalten sei man nicht nur kein Aushängeschild für das „gelobte Land“. Man gefährde auch mittelfristig den Bestand des eigenen Unternehmens, denn „…dort will niemand mehr arbeiten und die Vertrauenswürdigkeit in die Dienstleistung geht beim Kunden verloren“.

Es sei gut, dass sich die Unternehmen der Region im Regionalrat Wirtschaft um die Region kümmern wollen, so die Arbeitnehmervertreter. Dies sollte aber nicht durch weich gezeichnete Bilder und einer Kampagne geschehen, die in wesentlichen Punkten nicht halte, was sie verspreche. „Als allererstes sollten die Unternehmen bei sich selbst anfangen, ihren Beschäftigten auf Augenhöhe begegnen und die von uns aufgezeigten Defizite abbauen“, so Kay Wohlfahrt und Georg Henschel abschließend.

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