Wenn es nicht mehr ums Spiel geht

Simmern. m Hunsrück ist die Fußballwelt wohl noch in Ordnung, wenn sich an den Wochenenden zahlreiche Mannschaften begegnen. Die Statistik weist seit Jahren nur wenige Fälle von »unsportlichem Verhalten« auf. Doch Spieler, Trainer, Schiedsrichter und Funktionäre sind sich einig: Jeder Fall ist einer zu viel.

Christian Porz hat am eigenen Leib erlebt, wie es ist, wenn der Fußballplatz zur Kampfarena wird. Vor neun Jahren wurde der damals 22-jährige während eines Bezirksligaspiels seines damaligen Vereins SG Buchholz/Oppenhausen lebensgefährlich verletzt. »Unsere Mannschaften waren direkte Konkurrenten an der Tabellenspitze. Die Atmosphäre war schon geladen«, erzählt er. Es sei zu Provokationen gekommen, schließlich sei einer der gegnerischen Spieler handgreiflich geworden. »Ich habe noch die Hände ausgestreckt, um zu zeigen, dass ich nichts tue. Dann waren die Lichter ausgeschaltet«, sagt Porz.

Mit Anlauf ins Gesicht getreten

Alles andere kann er nur noch aus den Erzählungen von denen schildern, die alles beobachtet hatten. So habe ihn der Gegner mit der Faust bewusstlos geschlagen. Der Schiedsrichter schickte den Täter mit einer roten Karte vom Platz. Dieser habe sich dann umgedreht und habe mit Anlauf in Porz' Gesicht getreten. Dabei wurden Porz beide Jochbeine gebrochen, die Nase zersplittert und der Oberkiefer herausgetreten. 12 Zähne waren teils ausgeschlagen, teils nach oben gebogen. »Nach dem ersten Schlag war ich weg, ich habe den Schmerz gespürt, dann noch ein paar Schlaglichter, als ich im Rettungshubschrauber und später im Krankenhaus kurz zur Besinnung kam«, erzählt Porz.

Körperkontakt bleibt nicht aus Wenn es bei einem Fußballspiel nicht »rund läuft«, kommt Karl-Heinz Dörschel ins Spiel: Seit 16 Jahren ist der Cochemer Vorsitzender der Kreisspruchkammer im Fußballkreis Hunsrück-Mosel. Ob Beleidigungen von den Zuschauern oder Tätlichkeiten auf dem Spielfeld:  Mit Spielsperren oder Geldstrafe ahndet er Verstöße. In der abgelaufenen Saison fällte er im Seniorenbereich 18 Urteile wegen Tätlichkeiten. Bezogen auf die vielen Spiele im Fußballkreis sind das gerade einmal sieben Prozent.  »Bei uns gibt es kein Gewaltproblem in dem Sinne«, sagt Walter Desch, Präsident des Fußballverbandes Rheinland. Rangeleien, ja. Grobe Fouls, ebenfalls. Fußball sei nun mal ein »Kampfsport«, da bleibe Körperkontakt nicht aus. »Fehlgeleitete Emotionen« jedoch hätten auf dem Fußballplatz nichts zu suchen. Nachwuchsreferent Hans-Jürgen Diel bestätigt dies:  »Meist handelt es sich bei den Ausbrüchen um Alltäglichkeiten für uns. Die sind dann nach dem Spiel vergessen.«

Bei Schiedsrichtern ist Durchsetzungsvermögen gefragt

Diel steht heute nicht mehr auf dem Platz, sondern begleitet Nachwuchsschiedsrichter und bewertet sie. »Wir sind schon eine Zielscheibe auf dem Feld«, gibt er zu, »dort muss ein Schiedsrichter alleine Entscheidungen fällen und sich durchsetzen.« Die schwierigsten Spiele seien mitunter die Begegnungen der jüngsten Kicker: »Bei den Kleinen sind es oft die Eltern, die sich beschweren. Dann pfeifen dort auch noch unsere jüngsten Schiedsrichter, die erst um die 14 Jahre alt sind« Dies habe vor einigen Jahren tatsächlich zu Nachwuchsproblemen geführt, nachdem viele junge Schiedsrichter ins Kreuzfeuer elterlicher Kritik geraten waren und daher lieber wieder als Spieler auf dem Feld waren. Die Lösung waren Betreuer, die den Nachwuchskräften zur Seite standen und die Probleme am Spielfeldrand lösten.

Trotz allem der "schönste Sport"

Aber trotzdem: Für Porz ist Fußball immer noch der schönste Sport, den es gibt. Der ehemalige Udenhausener hat nach dem Vorfall noch mehrere Jahre gespielt und in seiner neuen Heimat Wiesbaden Jugendliche trainiert. Die äußeren Verletzungen sind nicht mehr sichtbar. »Wer mich vorher nicht gekannt hat, wird nichts bemerken. Die meisten Narben verstecken sich unter meinem Bart«, lacht der heute 31-Jährige, der damals für die SG Buchholz/Oppenhausen spielte. Irgendwann habe er für sich einen Schlussstrich gezogen. »Ich blende das Erlebnis aus«, sagt er. Schmerzensgeld hatte Porz übrigens nie erhalten. »Ich habe gottseidank Eltern, die mich aufgefangen haben«, sagt Porz. »Der Fußballverband und allen voran Josef Heins, der damalige zweite Vorsitzende, haben sich sehr für mich eingesetzt«, lobt Porz. So hatten sie erwirkt, dass er Unterstützung aus der Egidius Braun-Stiftung erhalten hatte.

Dünne Grenze zwischen Emotion und Gewalt

Seitdem ist nichts derartiges mehr im Fußballkreis Hunsrück-Mosel passiert - zum Glück. Doch die Grenze zwischen Emotion und Gewalt ist dünn. Viele Aktionen, wie die Initiative »Fair ist mehr«, zeigen, dass es auch anders geht. Sie machen Fußball zu dem, was es ist: nämlich ein Sport.Schicken Sie einen Leserbrief an red-hunsrueck@sw-verlag.de, diskutieren Sie hier oder auf www.facebook.com/wochenspiegel.hunsrueck

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