Klaus Desinger

Azubis händeringend gesucht

Viele Firmen haben es derzeit schwer, geeignete Azubis zu finden. Woran das liegt und wie entgegengesteuert werden kann, darüber sprachen wir mit Gundula Sutter, Chefin der Agentur für Arbeit Bad Kreuznach.
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Gundula Sutter ist die Leiterin der Agentur für Arbeit in Bad Kreuznach

Gundula Sutter ist die Leiterin der Agentur für Arbeit in Bad Kreuznach

Frau Sutter, haben auch in unserer Region viele Unternehmen Schwierigkeiten, Auszubildende unter Vertrag zu nehmen?
Auch in unserer Region spüren Unternehmen ein rückläufiges Interesse an betrieblicher Ausbildung. Im bundesweiten Vergleich ist die Quote der unbesetzten Plätze* allerdings eher niedrig. Das zeigt, dass es hier im Großen und Ganzen noch gelingt, Unternehmen und Bewerber zusammenzubringen, auch wenn der Aufwand viel höher geworden ist. *Quelle: Ausbildungsmarkt 2021, BiBB (Bundesinstitut für berufliche Bildung)
Welche Branchen betrifft das am meisten?
Die Gastronomie war bereits vor der Pandemie davon stark betroffen. Aber auch Handwerk, insbesondere das Baugewerbe, der Bereich Pflege, das Verkehrs- und Reinigungsgewerbe werden von Nachwuchssorgen geplagt. Im Handel spielen die Produkte eine Rolle: Modeartikel sind mehr, Lebensmittel weniger beliebt.
Wie kann die Arbeitsagentur hier die Firmen unterstützen?
Neben der Suche nach passenden Bewerbern und der Veröffentlichung der Ausbildungsstellen sind auch finanzielle Hilfen für Jugendliche mit Förderbedarf möglich: Im Rahmen der sogenannten assistierten Ausbildung erhalten Auszubildende individuell ange-passten Förderunterricht und Unterstützung bei persönlichen Problemen. Darüber hinaus wird dem Unternehmen Entlastung bei der Durchführung und Organisation der Ausbildung angeboten. Ein weiteres bewährtes Instrument ist die Einstiegsqualifizierung, ein sozialversicherungspflichtiges Praktikum zwischen 6 und 12 Monaten zur Vorbereitung auf eine Ausbildung. Der Vorteil: Jugendliche und Unternehmen lernen sich im betrieblichen Alltag kennen und bereiten das Aus-bildungsverhältnis gezielt vor. Die potenziellen Auszubildenden erhalten eine Vergütung, die bezuschusst werden kann. Berufsberatung und Arbeitgeberservice von Agentur und Jobcentern kennen den regionalen Ausbildungsmarkt. Diese Transparenz kommt Firmen und Ausbildungssuchenden natürlich auch zugute.
Welche sind derzeit die beliebtesten Ausbildungsberufe in der Region bei jungen Frauen und jungen Männern?
Mediengestalter/in, alle kaufmännischen Berufe, Fachinformatiker/in, die Klassiker Kfz-Mechatroniker/in und med. Fachangestellte/r, außerdem Elektroniker/in und bestimmte Fachrichtungen im Einzelhandel. Wie bewerten Sie die Vorteile einer Ausbildung gegenüber eines Studiums? Für eine Ausbildung spricht: Nach der Schule geht es direkt in die Praxis, kann das Erlernte un-mittelbar angewandt werden und man hat früh ein eigenes Einkommen. Damit ist man unabhängig, bleibt aber auch flexibel. Denn auf der Basis einer dualen Ausbildung ist eine Weiterentwicklung - unter bestimmten Voraussetzungen auch ein Studium ohne Abitur - sehr gut möglich. Auch selbständige Tätigkeiten lassen sich auf der Grundlage einer Ausbildung aufbauen. Azubis im Betrieb sind außerdem Teil dieser Gemeinschaft. Wer sich nicht nur selbst organisieren und lieber im Team arbeiten möchte, fühlt sich meist im Betrieb wohler als im Hörsaal. Mit einer soliden dualen Ausbildung, die in vielen Ländern der Welt aufgrund der Einzigartigkeit sehr geschätzt wird, sind Arbeitnehmer auch ohne Studium international wettbewerbsfähig. Mit einem Studium beginnt die Karriere also deutlich später, dann ist das Einstiegsgehalt in der Regel jedoch höher. Bis dahin hat der ehemalige Azubi womöglich auch schon einiges erreicht und verdient.
Was können Sie jungen Leuten mit auf den Weg geben, damit Sie eine Ausbildung anstreben? Ich kann nur empfehlen, sich früh mit Berufswahl auseinanderzusetzen. Für die individuelle Entscheidung Ausbildung oder Studium kommt es darauf an, welche Stärken und Fähigkeiten man hat und welcher Lerntyp man ist. Das gilt es erst einmal herauszufinden. Deshalb sollten jungen Menschen unbedingt Betriebe durch Schnuppertage und Praktika kennenlernen. Das kann auch richtig Spaß machen. Ich bin immer wieder aufs Neue begeistert, welche Innovationen ich in unseren regionalen Betrieben erlebe. Mir begegnen dort so viele engagierte Azubis, die für ihren Job brennen. Wer früh genug anfängt, hat genügend Zeit sich in verschiedenen Berufen auszuprobieren und so seinen persönlichen Traumberuf zu finden. Die Berufsberater/innen helfen dabei gerne. Auch unser Erkundungstool Check U bringt auf diesem Weg weiter. Die Fragen stellte WochenSpiegel-Redakteur Klaus D. Desinger.