Klaus Desinger

Was macht Corona mit der Psyche?

Was macht Corona mit unserer Seele? Darüber sprachen wir mit der Heilpraktikerin für Psychotherapie und Buchautorin Evelyne Augustin aus Idar-Oberstein.
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Evelyne Augustin gibt Tipps, wie Menschen ihre Psyche in der Pandemie stärken.

Evelyne Augustin gibt Tipps, wie Menschen ihre Psyche in der Pandemie stärken.

»Seit etwa einem Jahr greift COVID-19 in unser Leben ein, privat und beruflich läuft vieles anders. Hinzu kommt die ständige Angst vor dem Virus sowie Sorgen um die eigene Gesundheit und die der Familie, nicht zuletzt wegen der sozialen Isolation«, weiß die Therapeutin. Die Erfahrungen in ihrer Praxis zeigten dies mit wachsender Tendenz, je länger die Isolation dauere.

Tiefliegende Probleme werden wach


Nicht nur Angst und Sorgen um die Gesundheit stünden hier im Vordergrund, sondern auch tiefliegende Probleme würden wach, weil jedem bewusst geworden wäre, wie zerbrechlich unsere Welt sei. »Die Pandemie kann psychische Erkrankungen verstärken, aber auch auslösen«, meint Augustin. Menschen gingen ganz unterschiedlich mit der Pandemie um: Kinder bräuchten soziale Kontakte, Bildung und Struktur. Die Leichtigkeit der Eltern, des Lebens. Doch dies fehle oft. Junge Menschen haben häufig das Gefühl, etwas zu verpassen. »Es gibt noch so viel, was sie entdecken und erleben möchten. Sie können oft keine Ausbildung machen, keine Fortbildung, das Studium gestaltet sich mehr als schwierig, die so wichtigen sozialen Kontakte liegen brach«, so die Fachautorin.

Ältere Menschen sind gelassener

Ältere hingegen hätten mehr Angst um die Familie und würden sich selbst dabei manchmal vergessen. Alte Menschen stünden der Pandemie nicht selten gelassener gegenüber, sie hätten schlimmeres erlebt, wie den Krieg. »Ich weiß von Menschen die sagen ‚Der Krieg war auf der psychischen Ebene nicht so schlimm wie das, was gerade passiert. Denn genau diese Altersgruppe braucht viel Zuwendung und den Halt der Familie. Aber auch das gibt es in Zeiten der Pandemie kaum«, bedauert Augustin. Nicht zuletzt die Gruppe der Selbstständigen: Alles, was sie sich aufgebaut hätten, drohe nun zusammenzubrechen. Unterstützung durch die Regierung erfolge wenn überhaupt nur zögerlich oder gar nicht. »Sie können Kredite, Miete und Lebensunterhalt nicht mehr bezahlen.«          

Enormer Druck

Nicht unerwähnt bleiben sollte die Gruppe der Helfenden. Sie stünden unter enormen Druck, weil von ihnen sehr viel erwartet werde. Aber Evelyne Augustin hat auch Tipps, die Mut machen: Halten Sie so gut es geht Kontakt zu Ihrer Familie und Freunden. Die digitale Welt ist hierbei kein Ersatz, aber eine Hilfe. Seien Sie sich selbst gegenüber besonders aufmerksam, beobachten Sie Stimmungstiefs. Wenn ein Tief länger als zwei Wochen andauert, sollten Sie therapeutische Hilfe suchen. Wichtig ist eine positive Grundeinstellung: Schauen Sie auf das Ende der Pandemie, nicht auf mögliche Abgründe. Schaffen Sie sich ein Ziel, auf das Sie hinarbeiten können, schmieden Sie Pläne.

"Führen Sie ein Danke-Tagebuch"

So bleiben Sie handlungsfähig und fühlen sich nicht ohnmächtig gegenüber der jetzigen Situation. Verbringen Sie Zeit in der Natur, das trägt zur Erholung bei, sie fördert zudem die mentale und soziale Entwicklung von Kindern und Erwachsenen, ihre Kreativität, Entdeckerfreude und Konzentration. Führen Sie ein ‚Danke-Tagebuch‘. Schreiben Sie jeden Tag auf was gut war. Was Sie erfreut hat, einfach alles, wofür Sie dankbar sind. Es lenkt Sie ab vom Negativen und ist ein Super Nachschlagewerk. Schauen Sie nicht so oft Nachrichten. Information ist wichtig, aber lassen Sie sich nicht ständig durch Berichte und Reportagen verwirren. Halten Sie den Fokus auf sich und Ihr Leben. Strukturieren Sie Ihren Tagesablauf. Lassen Sie es nicht zu Langeweile und Orientierungslosigkeit kommen. Dem lässt sich einfach mit einer geregelten Struktur entgegenwirken: Planen Sie schon am Abend, was genau Sie am nächsten Tag tun möchten.