Jutta Kruft

Recherchieren, aufdecken, aufklären

Investigativjournalist und Krimibuchautor Wolfgang Kaes über einen alten Fall und moderne Social-Media-Verbrechen.

Bilder
Der 64-Jährige Wolfgang Kaes gilt als der Ermittler unter den deutschen Krimiautoren. In einigen seiner Romane verarbeitet er tatsächliche Kriminalfälle. Sein letzter Roman "Das Lemming-Projekt" ist 2021 im Rowohlt-Verlag erschienen.

Der 64-Jährige Wolfgang Kaes gilt als der Ermittler unter den deutschen Krimiautoren. In einigen seiner Romane verarbeitet er tatsächliche Kriminalfälle. Sein letzter Roman "Das Lemming-Projekt" ist 2021 im Rowohlt-Verlag erschienen.

Foto: Billigmann

Die einen bleiben, die anderen gehen. Zu Letzteren gehört auch der 1958 in Mayen geborene und dort aufgewachsene Wolfgang Kaes, der nach dem Abi aus der Enge der Eifel in die damalige Bundeshauptstadt Bonn aufbricht, um die Welt auf seine Weise zu erkunden. Das Studium der Politikwissenschaften finanziert er sich durch Hilfsarbeiten jeglicher Art, jobbt im Straßenbau, fährt Lkw und Taxi und wird schließlich Polizeireporter. Er schreibt u.a. für den Stern und die Zeit, ist zuletzt Chefreporter des Bonner General-Anzeigers. 2012 wird er für seine aufwendige Recherchearbeit an einem von der Kripo längst zu den Akten gelegten Vermisstenfall zum "Journalist des Jahres" gekürt, 2013 mit dem Henri-Nannen-Preis ausgezeichnet. Seit 2020 widmet er sich ganz dem Bücherschreiben. Wir haben Wolfgang Kaes in seiner Wahlheimat Remagen besucht.

Mord in der Familie

"Was treibt ihn an?", wollen wir von ihm wissen und Kaes entführt uns in die dunkle Zeit des Nationalsozialismus, in der es ausgeschlossen war, dass "arische Herrenmenschen einen Mord aus niederen Beweggründen begehen", und Ermittlungsarbeit deshalb nur halbherzig betrieben wurde. Dass der Mord an seinem Großvater in den frühen 30-ern niemals aufgeklärt wurde, begleitet Wolfgang Kaes sein ganzes Leben. Ebenso, dass Opferfamilien stigmatisiert wurden. "Eigentlich bis heute", so sein Resümee nach den intensiven und auch belastenden Recherchearbeiten zu vielen noch immer ungelösten Verbrechen. Dass er in einem Fall entscheidend zur Aufklärung beigetragen hat, hat für ihn etwas Versöhnendes.

Der Vermisstenfall ad acta

1996 verschwindet die Mayener Arzthelferin T. und wird von ihrem Ehemann als vermisst gemeldet. Doch nach einem angeblichen Telefonat und Geständnis, sich mit ihrem Liebhaber ins Ausland abgesetzt zu haben, wird der Fall zu den Akten gelegt. Eine unscheinbare Zeitungsanzeige - laut Verschollenheitsgesetz als öffentliche Bekanntmachung vorgeschrieben, wenn ein Vermisster für tot erklärt werden soll - lässt Wolfgang Kaes 16 Jahre später stutzen. Er setzt sich mit der Familie der Vermissten und deren Ehemann in Verbindung und wird aufgrund ungereimter Sachverhalte misstrauisch. Für die Ermittlungsbehörden gilt der Fall als erledigt; auch wird Kaes' Engagement nicht gerne gesehen. Die Zusammenarbeit gestaltet sich streckenweise schwierig. Als die Beweislast immer erdrückender wird, wird der Fall 2012 neu aufgerollt, der Ehemann als Tatverdächtiger verhört und des Verbrechens an seiner Frau, die er erstickt und im Wald verscharrt hat, überführt. "Doch viele Fälle bleiben ungeklärt", bedauert Kaes, der in den ersten Monaten nach der Aufklärung rund 50 Anrufe und Mails pro Woche erhielt - mit den verzweifelten Bitten der Angehörigen um Hilfe. So beispielsweise im Fall Jens Bleck - einem 19 Jahre alten Studenten, der 2013 eine Disco in Bad Honnef besuchte, spurlos verschwand und dessen Leiche zwei Wochen später im Rhein bei Köln gefunden wurde. Doch nach dem Prozess um den Mord an der Mayener Arzthelferin waren die Widerstände der Staatsanwaltschaft ungleich größer. "Nicht noch so einen Fall, muss man sich gedacht haben; ich war ja ein gebranntes Kind", so Kaes. "Der Tod ist bis heute nicht geklärt. Von Suizid bis Unfall ist von Behördenseite die Rede, aber höchst wahrscheinlich hat ihn jemand von der Brücke gestoßen", ist er überzeugt. Doch Kaes beschäftigt sich nicht nur mit den Schatten der Vergangenheit, sondern richtet auch den Blick auf die Gegenwart. In seinem jüngsten Roman "Das Lemming-Projekt", kürzlich im Rowohlt-Verlag erschienen, deckt er die Machenschaften der Social-Media-Akteure und deren Hintermänner auf..

Kriminalität als Spiegel der Gesellschaft

Dass der Mord an seinem Großvater niemals aufgeklärt wurde, hat Wolfgang Kaes sein ganzes Leben begleitet. "Das Streben nach Gerechtigkeit ist seither in unserer Familie stark ausgeprägt", sagt der heute 64-Jährige, der als der Ermittler unter den deutschen Krimiautoren gilt. Dass er lange mit dem Gedanken geliebäugelt hatte, nach dem Abitur ganz nach dem Vorbild seines Onkels und seines Cousins zur Kripo zu gehen, verwundert nicht. Die Faszination, menschliche Abgründe zu beleuchten, und das Bedürfnis, Verbrechen aufzuklären, hat er sich als Investigativjournalist und Krimiautor bewahrt. Seine inzwischen neun Romane haben eine erschreckende Nähe zur Wirklichkeit, ganz gleich, ob es sich dabei um "Spur 24" handelt, der zwar anonymisiert, aber deutlich erkennbar, den Fall der vermissten Arzthelferin aus Mayen aufarbeitet, oder sein jüngstes "Lemming-Projekt", in dem er tief in die Abgründe der Social-Media-Welt eintaucht. "Kriminalität beschreibt wie ein Seismograph die Veränderungen in einer Gesellschaft", sagt Kaes und geht zum Ausgangspunkt, dem ungeklärten Mord an seinem Großvater, zurück. Die Hoffnung, den Mord aus den 30-ern aufzuklären, schwand endgültig, als Wolfgang Kaes feststellte, dass sämtliche Polizeiakten, die damals im Mayener Rathaus lagerten, durch die Bombenangriffe vernichtet worden waren. "Mein Vater hat sehr darunter gelitten", erzählt der Schriftsteller. Auch die Tatsache, dass seine Großmutter mit ihren beiden kleinen Söhnen damals gesellschaftlich geächtet wurde, dass "das soziale Umfeld auf Abstand ging", hat ihn sensibilisiert für das Schicksal von Hinterbliebenen. "Ein Verbrechen hat immer viele Opfer", konstatiert er und aus dem familiär Erlebten erklärt sich seine Empathie. Zum Beispiel mit den Opfern der für ihre Grausamkeiten und sadistischen Rituale bekanntgewordenen Sekte Colonia Dignidad, die ihre Ursprünge in Siegburg hatte und von dort 1961 in einer Nacht- und Nebel-Aktion 150 Heimkinder nach Chile verfrachtete. "Das geht nur mit amtlicher Hilfe, das hat mich lange beschäftigt", betont Kaes, der noch Ende der 80-er einen von Sektenmitgliedern betriebenen Lebensmittellladen in Siegburg ausfindig machen konnte. Für seinen jüngsten Roman "Das Lemming-Projekt" ist Wolfgang Kaes in die Welt der großen internationalen Social-Media-Konzerne eingetaucht und hat dort die unmenschliche Arbeit der sogenannten Content Analysts aufgedeckt. "Sie nennen sich selbst Cleaner und das kommt ihrer Arbeit sehr nahe", beschreibt Kaes das Ergebnis seiner Recherchen: Rund 150.000 junge Menschen müssen sich täglich mit Pornografie, Hass und Gewalt auseinandersetzen, damit der "digitale Dreck" den zarten Seelen der europäischen und nordamerikanischen Nutzer keinen Schaden zufügt und sie sich möglichst häufig und lange auf den Social-Media-Kanälen tummeln. "Dass sich die Cleaner dabei ihre seelische Gesundheit ruinieren, hinterfragt keiner", gibt Kaes zu bedenken. "Die Suizidrate ist ungewöhnlich hoch." Ohnehin sieht er die Social-Media-Welt äußerst kritisch: "Sie kann auch Gutes bewirken, aber sie schürt vor allem Hass und Hetze und wird zu ganz dubiosen wie politischen Zwecken missbraucht, siehe Trumps Wahlkampf, den Brexit und Putins Kriegspropaganda." Er selbst ist weder bei Facebook noch bei Twitter unterwegs. "Aus Überzeugung", sagt er. "Ich vermisse nichts."