Genies fallen nicht vom Himmel

Es ist ein Kampf um die Zukunft, wenn Unternehmen um qualifizierte Auszubildende buhlen. »Das Werben um die jungen Menschen beginnt immer früher und doch werden längst nicht alle freien Stellen besetzt«, weiß Ulrich Käser, Vorsitzender der Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Aachen-Düren.
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»Wer eine gute Ausbildung in Industrie, Handel, Dienstleistung oder Handwerk absolviert, hat beste Karrierechancen«, unterstreicht Heike Krier. Sie leitet die Geschäfte für Personal und Ausbildung bei der Industrie- und Handelskammer Aachen. »Unsere Unternehmen liefern sich längst keinen Wettstreit mehr um die besten Bewerber, sondern darum, überhaupt offene Ausbildungsstellen besetzen zu können.« 1.191 Ausbildungsverträge seien der IHK bereits gemeldet worden, 802 Stellen seien jedoch noch unbesetzt. »2017 waren es noch 600 zum gleichen Zeitpunkt«, weiß Krier. Nicht erfasst seien all die Ausbildungsstellen, die die Unternehmen glauben, ohne Hilfe öffentlicher Institutionen besetzen zu können. Der deomgrafische Wandel habe dazu beigetragen, dass der Ausbildungsmarkt von den Bewerbern bestimmt werde. »50 Prozent der Schulabgänger gehen studieren, auch wenn davon wieder 35 Prozent ihren Studiengang nicht erfolgreich zu Ende führen«, weiß Ulrich Käser. Es müsse in Schulen und Elternhäusern endlich ein Umdenken erfolgen, ist sich Käser mit Heike Krier, aber auch Georg Stoffels, Geschäftsführer der Handwerkskammer Aachen, einig. »Die Auftragsbücher sind voll, dem Handwerk geht es gut«, frohlockt er. Doch nur den geflüchteten Menschen sei es zu verdanken, dass in den vergangenen beiden Lehrjahren fast alle Stellen besetzt werden konnten. »2018 wurden 2202 Lehrverträge geschlossen - ein Plus von einem Prozent. In diesem Jahr sind es bislang 377 Verträge und damit sieben Prozent mehr«, so Stoffels. Das zeige, dass sich die Handwerksbetriebe immer früher um geeigneten Nachwuchs kümmern. 570 Stellen sind aktuell noch offen - im Vorjahr waren es lediglich 406. Gerade Bäckereien und Fleischereien könnten ihren Bedarf kaum noch decken. »Dabei ist aktuell ein Handwerksmeister weniger von Arbeitslosigkeit bedroht als ein Akademiker«, versichert Stoffels.

Praxisnähe im Studium gefehlt

Die dalli-group, die Gastgeber der Pressekonferenz zum Stand auf dem Ausbildungsmarkt war, entsendet Ausbildungsbotschafter in die Schulen der Region. »So versuchen wir, frühzeitig mit den Jugendlichen in Kontakt zu kommen und durch unsere jungen Mitarbeiter ein authentisches Bild unserer Arbeitswirklichkeit zeichnen zu lassen«, erklärt Bettina Vorwerk, die beim Stolberger Unternehmen Teamleiterin Ausbildung ist. Mit Erfolg: Auch wenn die Zahl der Bewerbungen sinke, könne man alljährlich 18 bis 20 Auszubildende einstellen. So auch Patrick Ley, Mechatroniker im dritten Lehrjahr: »Ich hatte den Ausbildungsvertrag in der Tasche, glaubte dann aber, dass Studieren als Abiturient sinnvoller ist«, so der junge Mann aus Breinig. Doch an der RWTH Aachen fehlte ihm die Praxisnähe, sodass es ihn nach vier Semestern doch zu »dalli« zog. Dort beendet er im Sommer erfolgreich seine Ausbildung, kann übernommen werden und sich weiter qualifizieren. »Genies fallen nicht vom Himmel - sie müssen gut ausgebildet sind und sich entwickeln können«, unterstreicht Vorwerk. »Die Verdienstmöglichkeiten liegen übrigens gar nicht so weit auseinander wie gemeint wird«, unterstreicht Ulrich Käser. Natürlich gebe es viele Großverdiener unter den Akademikern. »Aber der große Durchschnitt liegt auf ähnlichem Niveau.« Dem spontanten Einwurf eines jungen Gastes, mit Abitur sei Studieren doch selbstverständlich, halten die Fachleute ein wenig resignierend entgegen, dass eine duale Ausbildung unendlich viele Möglichkeiten biete. Da müsse endlich ein gesellschaftliches Umdenken passieren, sonst muss der Studierende demnächst selbst sein Dach flicken oder aber seine Buchhaltung machen.

Rechnerisch für jeden Bewerber eine Ausbildungsstelle

Die Agentur für Arbeit Aachen-Düren verzeichnete bei den betrieblichen Ausbildungsstellen einen weiteren Anstieg. Im Zeitraum Oktober 2018 bis März 2019 wurden dem gemeinsamen Arbeitgeberservice von Arbeitsagentur und Jobcentern insgesamt 5.924 Ausbildungsstellen gemeldet, 386 mehr als im Vorjahr (+7,0 Prozent). Die enge Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und der Agentur für Arbeit signalisiert das Interesse der Betriebe, sich die Fachkräfte von morgen zu sichern. Im bisherigen Beratungsjahr wurden insgesamt 5.893 Jugendliche durch die Ausbildungsvermittlung der Arbeitsagentur bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützt. Das sind 131 weniger als im Vorjahr (-2,2 Prozent). Die Anzahl der bis Ende März gemeldeten Bewerber geht zwar, wie auch im Vorjahr, weiter zurück, liegt aber immer noch auf einem hohen Niveau und signalisiert großes Interesse der Jugendlichen an Ausbildung. Von den seit Anfang Oktober 2018 gemeldeten Ausbildungsstellen sind Ende März noch 3.952 unbesetzt. Diese Zahl liegt um 178 Stellen über dem Niveau des Vorjahres (Ende März 2018: 3.774 unbesetzte Ausbildungsstellen). Von den gemeldeten Bewerbern waren zum gleichen Zeitpunkt noch 3.534 unversorgt. Gegenüber dem Vorjahr war das ein Rückgang von 2,3 Prozent (-82 Personen). Insgesamt stellt sich die Situation am Ausbildungsmarkt rein rechnerisch wie folgt dar: Im Bezirk der Arbeitsagentur Aachen-Düren kamen bis zum 31.03.2019 auf einen Bewerber durchschnittlich 1,01 Ausbildungsstellen (Vorjahr: 0,92).