Frederik Scholl

"Wenn Freiheit nur noch im Kopf möglich ist"

Nettersheim. Katerina Poladjan war zu Gast bei der Lit.Eifel und las aus ihrem Buch "Zukunftsmusik".

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Katerina Poladjan war zu Gast bei der Lit.Eifel.

Katerina Poladjan war zu Gast bei der Lit.Eifel.

Foto: Lit.Eifel/Joachim Starke

Ein einziger Tag, der 11. März 1985, füllt Katerina Poladjans Buch "Zukunftsmusik". Es ist kein gewöhnlicher Tag: Am 10. März ist der KPdSU-Generalsekretär Tschernenko gestorben. Sein Nachfolger: Michail Gorbatschow. Bis in die von Moskau weit entfernte sibirische Kommunalka, der Gemeinschaftswohnung, die sich sechs Mietparteien teilen, dringt noch nicht der Gedanke, dass der erstarrten Sowjetunion eine Zeitenwende bevorstehen könnte. Glasnost und Perestroika? Davon ahnt niemand etwas.

In der Kommunalka haben die Bewohner immerhin private Klobrillen. Dazu passt, dass Privatsphäre und Intimität nur auf der Toilette und im Kopf erlebbar sind. Dann die Gemeinschaftsküche: alles ist bis auf den Millimeter durchkalkuliert; jede Familie hat immerhin einen eigenen Herd und Esstisch. Einen Tisch nutzen gleich mehrere Generationen: die agile Urgroßmutter Warwara, die lebenslustige Großmutter Maria (Angestellte im Völkerkundemuseum), ihre Tochter Janka (20 Jahre), Möchtegern-Popmusikerin, beschäftigt in einer Glühbirnenfabrik, und Urenkelin Kroschka. Zusätzlich nehmen Platz: Ingenieur Matwej Alexandrowitsch als KGB-Spitzel sowie Mitglied der Partei in eigenem Zimmer, und Zugschaffner Ippolit Iwanowitsch.

Katerina Poladjan ließ in ihrer Lesung im Rahmen der Lit.Eifel die Kommunalka als exemplarischen Mikrokosmos einer großen Welt im Kleinen erfahrbar werden. Unter den beklemmenden Lebensbedingungen im totalitären System erobern sich die so eng Gedrängten Rückzugsräume und Nischen für ihre bescheidenen Freuden und Träume. Untereinander drücken sich alle - bis auf Janka - geschliffen aus, bemühen sich um kultivierte Umgangsformen und höfliche Konversation. Ein Gegenentwurf zur realen Welt: In ihrer Sprache bewahren sich die Menschen Würde und Schönheit, auch wenn in der Gemeinschaftsküche über ihren Köpfen Wäsche zum Trocknen hängt.

Als Janka in der Kommunalka eine zuvor unbeachtete Tür findet, hinter der sich eine weite Landschaft öffnet, steht sie "einfach da und schaute, war glücklich wie eine Genesende". Ein abschließender Wink mit der Metapher auf eine freie Zukunft.

Elegant und leichtfüßig erzählend ließ die Autorin das Publikum teilhaben an berührenden Szenen aus dem anstrengenden Alltag in der untergehenden Sowjetunion. Trotz aller traurigen Lebensverhältnisse versinkt das Buch nicht in Bitterkeit und Larmoyanz, sondern zeichnet mit Sympathie und Zuneigung sowjetische Kommunalka-Menschen, die die Widersprüchlichkeit des russischen Perestroika-Menschen bereits in sich trageb.

"Zukunftsmusik" ist, so aktuell wie es gar nicht vermutet werden konnte, ein überzeugendes Plädoyer für ein besseres Regime, das die Würde der Russinnen und Russen respektiert und die universellen Menschenrechte achtet. So ergab sich zu "Zukunftsmusik" eine lebendige Diskussion der Gäste mit der Autorin und untereinander. Das Zusammenspiel zwischen Katerina Poladjan, Moderator Joachim Starke und dem hoch interessierten Publikum schuf einen Abend mit literarischem Niveau und tiefgehenden ethischen Diskursen. "Das bleibt in uns", drückten zwei junge Besucherinnen ihre Empfindungen prägnant aus.


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