Wie farbenblinde Menschen die Welt sehen

Statt eines intensiv leuchtenden Abendhimmels bloß Grau in Grau – für normalsichtige Menschen klingt die Wahrnehmung farbenblinder Personen oftmals trist. Wie sehen Farbenblinde wirklich die Welt?

Was genau ist Farbenblindheit?

Farbenblindheit betrifft rund fünf Prozent der Bevölkerung. Insgesamt leiden rund 300 Millionen Menschen daran. Während jeder zwölfte Mann betroffen ist, ist nur eine von 200 Frauen farbenblind. Anders als der Graue Star oder die altersbedingte Makuladegeneration ist Farbenblindheit in Wirklichkeit keine Augenerkrankung. Vielmehr handelt es sich um eine Sehschwäche, die auf einer weniger differenzierten Farbwahrnehmung basiert. Bei der Mehrheit ist die Wahrnehmungseinschränkung genetisch bedingt und wird vor allem mütterlicherseits vererbt. In Einzelfällen können auch Krankheiten wie Diabetes oder Multiple Sklerose die Farbwahrnehmung beeinträchtigen. Sogar im Laufe der natürlichen Alterung kann das Farbspektrum leiden. In allen Fällen werden zwei Hauptformen der Farbenblindheit unterschieden:

  • die Protanopie (Rotblindheit), bei der die L-Zapfen der Retina fehlen oder defekt sind. Jene anatomischen Strukturen sind für die Verarbeitung langer Lichtwellen zuständig. Hauptsächlich reagieren sie auf Licht aus dem roten Spektrumsbereich. Ohne sie kommt es zu Problemen bei der Differenzierung von Rot und Grün oder Blau und Grün. Als mildere Form gilt die Protanomalie, eine reine Rot-Sehschwäche.
  • die Deuteranopie (Grün-Blindheit), bei der die M-Zapfen fehlen oder defekt sind. Sie reagieren hauptsächlich auf Licht des grünen Farbspektrums. Daher haben die Betroffenen Probleme bei der Unterscheidung von Grün, Rot und Blau. Bei der milderen Form ist von einer reinen Grün-Sehschwäche (Deuteranomalie) die Rede.

Umgangssprachlich meint man mit dem Wort farbenblind vor allem die Rot-Grün-Schwäche. Zur Korrektur dieser Form gibt es heutzutage Spezialbrillen, die die Wellenlänge des Lichts selektiv filtern. Betroffene sehen dadurch ein breiteres Farbspektrum und nehmen differenzierter wahr.

So sehen farbenblinde Menschen

Die Welt durch farbenblinde Augen: Die britische Organisation Colour Blind Awareness hat ein Foto-Projekt entwickelt, das berühmte Locations aus der Sicht farbenblinder Menschen zeigt. Die Simulation der Rot-Grün-Schwäche besteht aus schal wirkenden Landschaften und Gebäude mit Gelbstich. Bei der Simulation der Blaublindheit sind es vorwiegend pink-graue Bilder.

In den meisten Fällen sehen farbenblinde Personen Gegenstände in ähnlicher Präzision wie normalsichtige Menschen. Anders als letztere nehmen sie ihre Umwelt jedoch unvollständig wahr. Abhängig von der Art der Farbenblindheit erkennen sie rote, grüne oder blaue Lichtwellen nicht. Das liegt an defekten oder fehlenden Zäpfchen im Bereich der Retina. In einer Box mit 24 verschiedenfarbigen Buntstiften können Rot-Grün-Blinde nur fünf Stifte richtig zuordnen. Mischfarben erkennen sie nicht richtig. Dadurch verwechseln sie beispielsweise Blau und Lila. Der Rotanteil der violetten Farbe ist für sie nicht wahrnehmbar. Sogar Schwarz verwechseln sie leicht mit Dunkelgrün oder dunklem Blau. Dass Betroffene lediglich ein schwarz-weiß-graues Farbspektrum ohne andere Nuancen sehen, ist eine Seltenheit.

Nur ein Prozent: Normalsichtige sehen bis zu eine Million unterschiedliche Farbabstufungen. Im Vergleich dazu nehmen farbfehlsichtige Menschen lediglich 10.000 Nuancen wahr. Das macht ein einziges Prozent des Farbspektrums aus. Trotzdem fällt Betroffenen die Beeinträchtigung oft gar nicht auf. Fast die Hälfte aller farbenblinden Schüler ist sich der eingeschränkten Wahrnehmung bis zum Abitur überhaupt nicht bewusst.

Grauer Alltag: Erschwert einem Farbenblindheit das Leben?

Etwa die Hälfte aller farbenblinden Menschen beklagt sich über Einschränkungen im Alltag. In der Gesellschaft dienen Farben der Orientierung. Das ist zum Beispiel in Grafiken oder auf Hinweisschildern der Fall. Sogar beim Lebensmitteleinkauf, dem Kleidungskauf und beim Sport können ohne vollständige Farbwahrnehmung Missverständnisse drohen. Bei der Kartennutzung, der Interpretation von Anleitungen und der Autofahrt haben farbenblinde Menschen die meisten Schwierigkeiten. Die beeinträchtigte Farbwahrnehmung kann sogar die Berufswahl einschränken. Professionen wie Sanitäter, Feuerwehrmann, Elektrofachmann, Lokführer oder Pilot können Betroffene in der Regel nicht wählen. Ähnliches gilt für die Bereiche Schifffahrt und Gärtnerei. Probleme treten auch in medizinischen, Design-technischen und kommunikationstechnologischen Berufen auf. Trotzdem sind im Zusammenhang mit farbenblinden Menschen einige beeindruckende, beruflichen Erfolgsgeschichten zu nennen. Der amerikanische Kinderbuch-Illustrator Long ist beispielsweise farbfehlsichtig. Dasselbe gilt für den Installationskünstler Jerram, der trotz Farbenblindheit farbintensive Werke geschaffen hat. Die Grenzen der Wahrnehmung sind ein wichtiges Thema seines Gesamtwerks.

„The Impossible Garden“ gilt als eines der berühmtesten Werke Jerrams. Die zwölf experimentellen Kunstinstallationen in Bristols Botanischem Garten entstanden im Sommer 2018. Jerram sprühte damals unter anderem den Schriftzug „Is this red?“ mit roter Farbe auf grüne Hecken. An den einzelnen Stationen des Gartens lagen Brillen, mit der Betroffene die Kunstinstallationen in ihrer eigentlichen Farbe sehen konnten.