Jan Kreller

ADIEU … Herr Dr. Michels

TRIER. WochenSpiegel-Interview zum Abschied mit dem Leiter des Trierer Gesundheitsamts, Dr. med. Harald Michels.

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Festakt zur Verabschiedung: Landrat Stefan Metzdorf überreicht Harald Michels die Urkunde zur Ernennung als Ehrenbeamter.

Festakt zur Verabschiedung: Landrat Stefan Metzdorf überreicht Harald Michels die Urkunde zur Ernennung als Ehrenbeamter.

Foto: Kreisverwaltung Trier-Saarburg/Hannah Schmitz

Am heutigen Dienstag wurde der langjährige Leiter des Gesundheitsamtes Trier - ohne Nachfolger oder Nachfolgerin - im Rahmen einer internen Feierstunde verabschiedet. Deshalb wollen wir dem bekannten Mediziner, Leitender Medizinaldirektor Dr. med. Harald Michels, Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen Gesundheitsamt Trier, ein "Abschiedsinterview" widmen und Danke sagen.

 

Seit wann sind Sie in Diensten des Gesundheitsamtes Trier? Wie war Ihr Werdegang?

Ich habe meine Tätigkeit als Arzt beim Gesundheitsamt Trier am 2. Januar 1985 begonnen. Einen ersten Kontakt zum Gesundheitsamt hatte ich jedoch bereits während dem Studium. Dort habe ich eine sogenannte Famulatur - eine Art Praktikum - durchgeführt. Ich habe mich immer wieder für einen Medizinstudien-Platz beworben und habe trotz eines relativ guten Abiturdurchschnittes keinen Studienplatz erhalten. Dann wurde ich auf eine Ausschreibung des damaligen Gesundheitsministeriums aufmerksam, in dem sogenannte Regierungsmedizinalpraktikanten gesucht wurden, die dann einen Studienplatz vom Land Rheinland-Pfalz zur Verfügung gestellt bekamen. Um die Zeit zu überbrücken habe ich parallel dazu eine Tätigkeit als Hilfspfleger im Brüderkrankenhaus Trier begonnen und war dort zwei Jahre in der OP-Abteilung tätig. 1976 bekam ich dann zum Sommersemester eine Zusage vom Gesundheitsministerium, mein Studium der Medizin an der Universität Mainz aufnehmen zu können und habe dort bis 1982 studiert. Anschließend habe ich im Brüderkrankenhaus als Assistenzarzt in der Chirurgie gearbeitet für die Dauer von zwei Jahren und danach ein knappes Jahr in der Röntgenabteilung. Dort konnte ich wertvolle Erfahrungen sammeln, die mir auch dienstlich bei der Beurteilung von Röntgenbildern genutzt haben. Schnell habe ich beim Gesundheitsamt Trier einen sogenannten "Amtsarztkurs" durchgeführt. Denn: Ärzte, die eine Leitungsfunktion im Öffentlichen Gesundheitsdienst (ÖGD) übernehmen wollen, müssen eine Facharztausbildung im ÖGD absolvieren, wobei sie eine Mindestzeit in einem Gesundheitsamt absolviert haben müssen und noch einen sechs-monatigen Lehrgang an einer Akademie für Öffentliches Gesundheitswesen ableisten müssen. Diesen Kurs habe ich 1985 in Düsseldorf begonnen und habe auch noch eine Amtsarztarbeit geschrieben, die damals noch erforderlich war. Parallel dazu habe ich promoviert und ein drei-monatiges Praktikum im Brüderkrankenhaus als Arzt in der psychiatrischen Abteilung absolviert, was ebenfalls für die Anerkennung zum Facharzt für Öffentliches Gesundheitswesen erforderlich ist. Kurz danach wurde ich von Trier zur Nebenstelle des Gesundheitsamtes Bitburg in Prüm abgeordnet und habe dort die Leitung der Nebenstelle übernommen. 1988 wechselte ich dann auf eine freigewordene Leitungsstelle beim Gesundheitsamt Wittlich und bin dann 1996 im Mai wieder als Leiter zum Gesundheitsamt Trier gewechselt. Bis Ende 1996 musste ich dann das Gesundheitsamt Trier und das Gesundheitsamt Wittlich parallel leiten. Am 01.01.1997 wurden die Gesundheitsämter in Rheinland-Pfalz, die vorher staatliche Sonderbehörden waren, in die Kreisverwaltungen eingegliedert und seit diesem Zeitpunkt arbeite ich ununterbrochen im Zuständigkeitsbereich der Kreisverwaltung Trier-Saarburg, wobei unser Gesundheitsamt auch zuständig ist für die Versorgung der kreisfreien Stadt Trier.

 

Gibt es ein oder zwei Fälle im Laufe Ihrer Dienstjahre, die Sie ganz besonders bewegt haben?

Besonders betroffen gemacht hat mich bereits 1985 im August eine Situation in der wir bei den Gesundheitsämtern begonnen haben, für die neu aufgetretene Erkrankung "AIDS" Untersuchungen und Beratungen anzubieten. Ich habe in einer Woche drei Patienten bei uns untersucht und allen drei ein positives Resultat mitteilen müssen. Außerdem habe ich sie auch noch einige Zeit über die Erkrankung begleitet und weiß dadurch leider auch, dass alle letztendlich an dieser Erkrankung verstorben sind. Das hat mich schon sehr bewegt. Umso glücklicher muss man sich fühlen, dass heute im Prinzip durch die moderne medikamentöse Therapie kaum noch jemand an dieser Erkrankung sterben muss. Eine weitere Situation, die mich sehr bewegt hat, war zum einen der Balkankrieg: Ich habe damals die ersten Flüchtlinge in Traben-Trarbach untersucht, die nach Rheinland-Pfalz gekommen sind und war tief bewegt von den Schicksalen der Kriegsflüchtlinge. Eine Herausförderung war auch die Situation 2015, wo wir insgesamt über 25.000 Asylbegehrende im Gesundheitsamt Trier untersucht hatten. Wir waren in der ersten Hälfte des Jahres 2015 noch das einzige Gesundheitsamt in Rheinland-Pfalz, was eine Asylbewerberanlaufstelle betreute und haben deshalb einen Großteil der Untersuchungen in Trier durchgeführt. Glücklicherweise hatten wir vorher unsere Röntgen-Anlage technisch aufgerüstet und ein neues volldigitales Röntgengerät beschafft. Nur deshalb war es uns möglich, diese großen Fallzahlen überhaupt zu untersuchen.

 

Seit Corona redet von Aids kaum noch jemand. Wie groß ist heute die Gefahr, sich an Aids zu infizieren? Sind die Medikamente gegen Aids inzwischen besser und verhindern sie sicher Sterbefälle?

Wir sehen einen negativen Nebeneffekt der guten Medikamente, die es gegen AIDS gibt. Durch diese gute Therapie, durch die kaum noch jemand sterben muss, wird manchmal die Prophylaxe hintenangestellt. Wir sehen insgesamt einen Anstieg der sexuell übertragbaren Erkrankungen wie HIV, Lues, (Tripper) Gonorrhoe, Chlamydien-Infektionen und jetzt auch die Affenpocken. Hier muss man ständig die Prävention hochhalten und den Betroffenen, die nicht in einer festen Partnerschaft leben, empfehlen sich zusätzlich durch Kondome und allgemeine Basishygienemaßnahmen zu schützen, damit solche Erkrankungen weitgehend vermieden werden können.

 

Wie sieht's derzeit mit Geschlechtskrankheiten in unserer Region aus? Haben Sie diesbezüglich Tipps für die Feriengestaltung?

Wir stellen gelegentlich Geschlechtserkrankungen in unserer Region fest. Wir finden häufiger Chlamydien-Infektionen, etwas seltener LUES oder Tripper (Gonorrhoe). Dies spielt für Personen in einer festen Partnerschaft keine große Rolle. Wenn man sich nicht in fester Partnerschaft befindet oder wechselnde Geschlechtsbeziehungen hat, sollte man unbedingt eine Vorsorge mit Kondomen treffen und sonstige hygienische Basismaßnahmen beachten.

 

Was raten Sie Menschen in der Region im "Corona-sorglos-Sommer"? Wie hoch schätzen Sie die Zahl der wirklichen Inzidenzen?

Ich weiß nicht, ob man das, was sich im Moment in Deutschland entwickelt, noch als "Corona-sorglos-Sommer" bezeichnen kann. Wir sehen eine gewisse Sorglosigkeit bei den Menschen. Aufgrund steigender Fallzahlen und der Ausbreitung der Omikron BA.4 und BA.5 Variante sehen wir gleichzeitig aber eine zunehmende Belastung des Gesundheitssystems zum einen durch eine vermehrte Behandlungsbedürftigkeit im stationären Bereich und zum anderen aber auch durch Infektionen des Personals auch mit mildem Verlauf, die dann einfach nicht arbeiten können, weil sie positiv getestet worden sind. Dies führt nicht nur dazu, dass die Versorgung von Corona-Infizierten bei weiter steigenden Fallzahlen schwierig wird, sondern auch dazu, dass teilweise planbare medizinische stationäre Behandlungen aufgeschoben werden müssen und nur verzögert durchgeführt werden können. Ich schätze, dass wir eine hohe Dunkelziffer haben - insbesondere bei etwas zurückgehender Testfrequenz. Ich denke, dass man mindestens das Doppelte bis Dreifache rechnen muss.

 

Was muss aus Ihrer Sicht geschehen, damit sich die aktuellen Zahlen wieder beruhigen?

Wir müssen konsequent weiter impfen. Ich persönlich halte die 4 Booster-Impfung auch ohne angepassten Impfstoff für Risikogruppen mit chronischen Erkrankungen und für ältere Menschen als dringend zu empfehlen. Es ist aus meiner Sicht auch damit zu rechnen, dass die Ständige Impfkommission ähnlich wie die Europäische Arzneimittelbehörde die Impfung für Personen ab 60 Jahren empfehlen wird, obwohl diese offizielle Empfehlung in Deutschland erst ab 70 Jahren greift und für alle sonst chronisch Erkrankte, die ein besonderes Problem mit dem Immunsystem haben können. Hier sollte man nicht auf einen adaptieren Impfstoff warten, sondern sollte, zumindest, wenn die letzte Impfung länger als 6 Monate her ist, sich bald boostern lassen. Auch wenn diese Impfung nicht zu 100 Prozent vor einer Infektion schützt und man auch andere Menschen anstecken kann, sieht man doch, dass schwere Verläufe und Todesfälle verhindert werden können. Das sollten wir beherzigen. Es gibt auch Impfstoffentwicklungen in der Forschung, die versuchen einen Impfstoff für alle Unterarten von Corona-Viren zu schaffen, die auf einem anderen Mechanismus beruhen. Hier sehe ich ein großes Potential in der Zukunft, vielleicht einen längerfristigen und breiteren Erfolg auch für neuere Varianten herbeiführen zu können.

 

Wenn's einen jetzt trotz aller Vorsicht doch erwischt hat: Gibt's ein Medikament, das gegen die "Nebenwirkungen" von Corona hilft? Wie sollten sich aktuell Infizierte sinnvollerweise verhalten?

In der Frühphase gibt es durchaus Medikamente, die verhindern können, dass ein schwerer Verlauf eintritt. Hier sollte man mit seinem Hausarzt sprechen, insbesondere dann, wenn man zu einer Risikogruppe gehört. Dann kann der Verlauf deutlich abgemildert werden. Ansonsten kann man wie bei einer Viruserkrankung nur symptomatisch behandeln mit fiebersenkenden Medikamenten, mit Schmerzmedikamenten, und falls es zu Infektionen mit bakteriellen Erregern kommt, auch einmal eine Behandlung mit einem Antibiotikum. Hierfür haben wir eine gute hausärztliche und kinderärztliche Versorgung, die sich darum kümmern, das in den Griff zu bekommen.

 

Hilft Maskentragen auch bei den neuen, sich wohl wesentlich schneller ausbreitenden, Varianten?

Maskentragen hilft sicherlich bei allen Varianten. Aufgrund der höheren Infektiosität verzeihen diese Erreger es jedoch nicht, wenn man die Masken inkonsequent trägt, das heißt, wenn der Mund-Nasen-Schutz beispielsweise unter der Nase hängt oder wenn die Maske nicht abgedichtet ist. Dann entstehen an der Seite der Maske Leckagen, durch die Aerosole bei den Infizierten austreten und bei dem Nichtinfizierten eingeatmet werden können. Hier sollte man darauf achten, dass die Maske ordnungsgemäß getragen wird, sie nicht komplett durchfeuchtet ist. Außerdem sollte man sie öfters wechseln, damit sie weiterhin schützt.

 

Wie geht's weiter im Kampf gegen die Pandemie? Wird's im Herbst wieder Lockdowns geben?

Ist das Gesundheitsamt inzwischen besser personell ausgestattet worden und gibt es modernere Kommunikationswege als lahme Faxgeräte? Das Gesundheitsamt hat immer schon eine gute EDV-Ausstattung gehabt, natürlich haben wir noch Faxgeräte. Das Problem ist aber nicht die technische Ausstattung primär, sondern zum einen der Datenschutz. Man darf zum Beispiel keine Meldungen über unsichere E-Mail-Kanäle akzeptieren aus Datenschutzgründen. Zum anderen fehlt es im Moment noch an der Anbindung der niedergelassenen Ärzte an das deutsche elektronische Melde- und Informationssystem, über das wir die Labormeldungen und seit einiger Zeit auch die Meldungen der Krankenhäuser elektronisch hereinbekommen. Da bleibt eben nichts Anderes übrig als bei fehlendem elektronischem etabliertem Meldeweg weiter auf das Faxgerät oder die Post zu setzen. Das Gesundheitsamt ist personell zwar besser ausgestattet worden. So wurden über den Pakt für den öffentlichen Gesundheitsdienst im Gesundheitsamt Trier 14,5 zusätzliche Stellen bewilligt. Wir sind derzeit dran, diese zu besetzen. Hier zeigt sich aber, dass der eklatante Fachkräftemangel, der überall beklagt wird, sich auch bei uns auswirkt und manchmal findet man auch - wie auch meine Nachbesetzung zeigt - dann niemanden, der sich auf eine solche Stelle bewirbt oder der dafür geeignet ist. Hier müssen wir alles tun, um diese Situation zu verbessern und die Politik muss auch das Umsetzen, was die Gesundheitsministerkonferenz seit über 20 Jahren gefordert hat: Nämlich eine bessere Bezahlung im Öffentlichen Gesundheitsdienst, um dieses Berufsfeld attraktiver zu machen. Auch andere Berufsgruppen betrifft das: beispielsweise die Hygieneinspektoren, die eine hervorragende Arbeit geleistet haben. Ohne diese Berufsgruppe hätten wir die Pandemie nicht so gut gestemmt. Allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Gesundheitsamtes gilt mein Dank, denn sie haben sich immer massiv engagiert ohne große Klagen und Wehen, sie waren immer da und haben uns mit ihrer Arbeitsleistung unterstützt. Wichtig ist im Moment - und da sind wir dran - dass wir auch bei den zu erwartenden steigenden Fallzahlen im Herbst zusätzliches, externes Personal, was bei uns eingesetzt wird, weiterbeschäftigen. Mein Wunsch wäre, dass der Bund diese "Containment Scouts" weiter wie bisher finanziert, damit wir während der Pandemie keinen Schiffbruch erleiden.

 

Was haben Sie für den Unruhestand geplant?

Etwas mehr Familienmensch zu werden in den nächsten Jahren, mit meiner Frau etwas mehr zu reisen als bisher, etwas mehr in der Freizeit zu planen, sich wieder mehr mit Freunden zu treffen und auch noch ein bisschen zu arbeiten. Ich will noch nicht komplett zuhause sitzen und nichts tun, aber ich habe noch einige Bücher zuhause liegen - auch zum Beispiel über die Trierer Geschichte, denen ich mich dann einmal mit etwas mehr Ruhe und Muße widmen kann, sodass ich mich darauf freue. Ich freue mich trotz meiner eingeschränkten Mobilität auch dann wieder etwas mehr mit unserem Hund spazieren gehen zu können und einfach den Tag etwas stressfreier in Zukunft genießen zu können.

 

Interview: Sabine Krösser