Autor Stephan Lake reist mit Leser von Trier nach Shanghai

Neuer Krimi "Schwesterherz" spielt auch in der Moselstadt

Trier. Stephan Lake ist promovierter Kommunikationswissenschaftler und hat als Redakteur, freier Journalist und Gerichtsreporter gearbeitet. Aktuell lebt er in Shanghai. Der Auftakt seiner Reihe um Elijah Leblanc, Spezialist für Serienverbrechen beim Bundeskriminalamt, ist vor kurzem erschienen und lässt den Leser aus der Region Trier ein wenig staunen. In der Regel vermittelt Regionalliteratur doch ein sehr positives Bild eines bestimmten Ortes, doch nicht so in Stephan Lakes Werk "Schwesterherz". Daher ist es an der Zeit, dem Autor auf den Zahn zu fühlen.

Herr Lake, wie kamen Sie zum Schreiben?

Stefan Lake: "Ich mochte schon immer gut recherchierte, spannende Geschichten. Der Schritt vom journalistischen Schreiben zum Schreiben von Kriminalromanen war für mich daher ein sehr kleiner.

Und warum sind es ausgerechnet Kriminalromane? Woher nehmen Sie die Inspiration für diese – zum Teil sehr blutigen – Darstellungen?

"Als Jugendlicher habe ich bereits für spannende Geschichten gebrannt und es mussten spannende Geschichten mit interessanten Personen sein. Seitdem interessiert mich der Kampf des Guten gegen das Schlechte (und die in unterschiedlichen Zeiten gesellschaftlich unterschiedliche Definition von 'gut' und 'schlecht'), der sich in jedem Kriminalroman findet. Es interessieren mich Motive und Handlungsweisen der Täter und wie Polizei und Justiz arbeiten, um die Gesellschaft vor kriminellem Handeln zu schützen oder zumindest kriminelles Handeln zu sanktionieren. Dieses Interesse war es, das mich zu meinem Job als Gerichtsreporter geführt hat. Der am schäbigsten bezahlte und zugleich spannendste Job, den ich bis dahin hatte, und bei dem mir deutlich wurde: es sind – äußerlich! – ganz normale und oft in jeglicher Hinsicht durchschnittliche Menschen, die zu Tätern werden.
Die Darstellung dessen in der Literatur muss zwangsläufig auch schon mal brutal und blutig sein, denn Kriminelle, besonders Serienmörder, sind in der Realität brutal und blutig. Inspiration bekomme ich aus der kriminalistischen und psychologischen Literatur, die ich regelmäßig lese, Interviews von Kriminalpsychologen mit Mördern etc. und natürlich aus den Jahren als Gerichtsreporter, in denen ich Verfahren gegen Serienmörder und Serienvergewaltiger und andere Schwerkriminelle beobachtet habe. Staatsanwaltschaft, Zeugen und Gutachter beschrieben oft genug die Grausamkeiten der Täter bis in die Details. Und meine Phantasie übernimmt den Rest."

Welche Genres und Werke lesen Sie gerne in Ihrer Freizeit? Haben Sie einen bestimmten Autor, den Sie als eine Art Vorbild bezeichnen würden? Oder einen Menschen, der Sie besonders inspiriert?

"Vorbilder habe ich keine, ich sträube mich zutiefst gegen jeglichen Personenkult, aber prägend war für mich ohne Zweifel Karl May, dessen Romane mich in meiner Jugend aus dem, von mir so empfundenen, kleinen Trier in ferne Länder entführt hat und in denen sich die Helden für Gerechtigkeit und Menschenwürde eingesetzt haben. Heute lese ich hauptsächlich englischsprachige Literatur, alles von Elmore Leonard und Cormac McCarthy, immer wieder Hemingway und John Steinbeck, aber auch die Reportagen von Hunter S. Thompson, dem Begründer des Gonzo-Journalismus und Charles Bukowsky. Alle diese Autoren erzählen Geschichten mit Menschen, die oftmals lebendiger sind als die Menschen, die man selbst kennt, und sie gehen auf eine Weise mit Sprache um, die bewundernswert ist.
Selbstverständlich habe ich auch den heutigen Kriminalroman- und Thriller-Markt im Blick, lese aber auch hier nahezu ausschließlich amerikanische sowie ein paar britische und australische Autoren in englischer Sprache. Meine Leseerfahrung hat sich, seitdem ich selbst Autor bin, verändert; ich habe leider ein wenig die Fähigkeit verloren, nur noch Leser zu sein. Lesen bedeutet heute für mich immer auch lernen: Wie erzählt dieser Autor seine Geschichte, wie geht jene Autorin mit Sprache um, und was kann ich daraus für mein eigenes Schreiben und Geschichtenerzählen lernen. Gelegentlich brauche aber auch ich eine Pause vom Thriller und greife zu deutschsprachiger Literatur. Zuletzt habe ich Stefan Zweigs 'Schachnovelle' wiedergelesen, 'Vogelweide' von Uwe Timm, 'Tschic'" von Wolfgang Herrndorf und Daniel Kehlmanns 'Die Vermessung der Welt'."

Wie gehen Sie beim Verfassen eines Romans vor?

"Jeder Roman beginnt in meinem Kopf mit einer Ausgangszene, von der aus sich alles entwickelt. Da ich zwei Reihen schreibe, sind die Protagonisten gesetzt – entweder Elijah Leblanc oder Joshua Palmer. Ich habe stets ein paar Ideen, wohin ungefähr die Reise gehen könnte, jedoch habe ich niemals einen ausgearbeiteten, fertigen Plot im Kopf, geschweige denn weiß ich, wie der Roman endet. Das würde auf ein reines Abarbeiten hinauslaufen und wäre mir zu langweilig und würde zu einem langweiligen Ergebnis führen. Ausgehend von der Ausgangsszene handeln mein Protagonist und alle anderen Figuren, wie es ihrer jeweiligen Persönlichkeit entspricht. Hinzu kommen die Schauplätze mit ihren Möglichkeiten und Grenzen, in denen das Handeln stattfindet. Dann geht's los. In gewisser Weise erzähle ich mir ab da selbst eine Geschichte, die ich nicht kenne, und in der Tat überraschen mich meine Figuren manchmal mit dem, was sie sagen und wie sie handeln und wie sie damit die Geschichte in eine Richtung lenken, die ich nicht vorhergesehen habe. Aber das muss ich akzeptieren. Doch die handelnden Personen sollten besser interessant sein, sonst sind sie schnell von der Bildfläche verschwunden. Vorgeschaltet und immer wieder zwischengeschaltet sind Recherchephasen. Hier kläre ich Fragen, die sich beim Schreiben ergeben – beispielsweise das Problem der Tötungsart durch eine sogenannte 'Kolumbianische Krawatte', die in 'Schwesterher' eine Rolle spielt. Grundsätzlich lege ich großen Wert auf sorgfältig recherchierte Geschichten: Sei es die Arbeitsweise der Polizei, die ich seit meiner Zeit als Gerichtsreporter und aufgrund vieler Gespräche mit Polizisten kenne, seien es die Schauplätze, die ich ohne Ausnahme alle aus eigener Anschauung kenne und detailgenau beschreibe. Wenn ich über etwas nicht sehr gut Bescheid weiß, dann erarbeite ich mir das Thema so weit, wie ich es für die Geschichte brauche."

Wie gestaltet sich, sofern dies eine Rolle spielt, die Arbeit in China mit Blick auf dortige Recherchen vor Ort? Ist es sehr unterschiedlich zu Deutschland?

"Die Recherchen in Shanghai selbst sind kein Problem, da ich mich hier natürlich völlig frei bewegen und an dem faszinierenden Leben in dieser unglaublichen Stadt teilnehmen kann. Recherchieren im Internet ist ebenfalls kein Problem, allerdings nur, weil ich einen VPN-Tunnel benutze, was – bislang – noch geduldet wird (eine Weile gab es anderweitige Gerüchte, und viele Expats waren verunsichert). Aber trotzdem habe ich sehr oft ein ungutes Gefühl, wenn ich auf den Seiten des Bundeskriminalamts surfe oder den Seiten von FBI und Interpol oder zu den Themen 'Mordserie' oder 'Menschenrechtsorganisationen' recherchiere. Die politische Situation hat sich in den sieben Jahren, in denen wir hier sind, merklich verschärft, was sich im alltäglichen Leben unter anderem in der ständigen Beobachtung durch zunehmend mehr Kameras auf den Straßen zeigt, mittlerweile sogar mit Gesichtserkennung. Auch die Polizeipräsenz überall in der Stadt hat deutlich zugenommen. Die veränderte politische Situation ist letztlich auch mit ausschlaggebend dafür, dass wir in naher Zukunft zurück nach Deutschland in den Raum Trier ziehen werden."

Und wie sieht der Tagesablauf eines Autors?

"Ich beginne morgens und höre selten vor dem Abend auf. Wenn ich an spannenden Kapiteln schreibe, dann geht es auch schon mal bis in die Nacht. Es ist ein Vollzeitjob. Wenn ich eine Pause brauche, mache ich eine Pause und tue andere Dinge. Ich schreibe immer mit demselben Laptop und oft bei mir zuhause. Manchmal packe ich den Laptop ein und fahre in die Stadt, wo ich mich in ein Café setze und arbeite. Selbstdisziplin ist sehr wichtig. An einem sehr guten Tag schreibe ich dreitausend Wörter, die ich aber immer mehrfach überarbeite. Der Prozess ist immer der gleiche: Schreiben eines oder mehrerer Absätze, und das Geschriebene sogleich zweimal, meist dreimal überarbeiten. Dann wieder schreiben und überarbeiten … Oft lese ich mir das Geschriebene laut vor, was mir enorm hilft zu sehen, ob die Szenen so funktionieren, wie ich es mir vorstelle. Bevor ich am nächsten Morgen weiterschreibe, überarbeite ich erneut, was ich tags zuvor geschrieben habe."

Kommen wir nun zu Ihrem Werk "Schwesterherz". Zum einen scheint der Roman ja eher der Regionalliteratur zugehörig, andererseits bestechen gerade die Protagonisten durch sehr internationale Namen. Wie kam es dazu?

"Mein Interesse war es nie, reine Regionalromane zu schreiben. Davon gibt es bereits genug, und sie interessieren mich auch schlicht nicht. Ich schreibe, was ich selbst gerne lesen möchte, und das ist nun mal internationale Spannungsliteratur. Ich reise sehr gerne und sehr viel, besonders nach Nordamerika, Südostasien und Australien, habe zudem zwei Jahre in Singapur gelebt und lebe seit sieben Jahren in Shanghai. Diese Erfahrungen prägen alle meine Bücher. Dass meine Protagonisten international unterwegs sind, ist da zwangsläufig. Mein Protagonist Elijah Leblanc bekam seinen Vornamen im Grunde von einem Pastor, von dem ich gelesen habe und der gesagt hat, dass sozial schwache Eltern manchmal gerne ihren Kindern biblische Namen geben, um ihnen damit den sozialen Aufstieg zu erleichtern. Ob das tatsächlich funktioniert, kann ich nicht beurteilen, aber da Elijah selbst sozial schwache Eltern hat, wurde er ein Elijah. Gleiches gilt für meinen zweiten Protagonisten, Joshua (Palmer). Ansonsten wähle ich Namen gerne aus speziellen Namensdatenbanken, wie sie zum Beispiel aus der Ahnenforschung bekannt sind. Der Name muss zum Charakter passen. Manchmal spiele ich mit Namen, wie im Fall von Elijahs früherer Freundin Emma, die zugleich eine sehr attraktive und sehr starke, unabhängige Frau ist und einen Namen führt, den auch eine bekannte feministische Zeitschrift im Titel trägt. Für die moderne Frau, sagt Emma mit ihrem Namen, ist es eben kein Widerspruch, stark und unabhängig zu sein und trotzdem zugleich ihre Fraulichkeit zu betonen. In meinem im Juli herauskommendem dritten Teil der Palmer-Reihe, 'Palmer: Exit 259', der in New Mexico spielt und in der mehrere Indianer tragende Rollen haben, habe ich die Namen aus indianischen Namenslisten gewählt. So konnte ich einer Apache einen tatsächlichen Apache-Namen geben und einem Navajo einen Navajo-Namen. Dass ich bereits selbst mehrfach in New Mexico und anderen Bundesstaaten in Reservaten der Apachen und Navajos zu Besuch war und mit Indianern gesprochen habe, auch mit Mitgliedern der Stammespolizei, war unabdingbare Voraussetzung für das Schreiben von 'Palmer: Exit 259'."

Würden Sie das Buch – trotz der verschiedenen Schauplätze – zumindest in Teilen als Regionalliteratur charakterisieren?

"Zum Teil spielt 'Schwesterherz' in Trier, und Trier als Handlungsort wäre auch nicht beliebig gegen eine andere Stadt austauschbar. Zum einen wegen der Dialektszenen, zum anderen wegen des Geburtshauses von Karl Marx, das eben in Trier steht (und dann noch als Kopie in Shanghai). Und natürlich stammt die Hauptfigur Elijah Leblanc aus Trier und ist stark von der Stadt geprägt. Insofern ist 'Schwesterherz' sehr wohl Regionalliteratur. Aber gleichzeitig ist der Roman auch international, weil er zum Teil in Shanghai spielt und Elijah mehrere Jahre beim FBI in den USA war, was ihn ebenfalls stark geprägt hat. Vielleicht habe ich hier ein neues Genre kreiert – den internationalen Regionalkrimi."

Die Darstellung der Stadt Trier wird eher negativ, Elijah Leblanc hasst die Stadt geradezu. Wie kam es dazu?

"Mir lag daran, eine Figur zu erschaffen, die aus einer denkbar ungünstigen Startsituation heraus etwas aus seinem Leben macht. Eine solche Figur ist für den Leser und für mich wesentlich interessanter als eine, bei der immer alles glatt lief. Elijahs Eltern waren bzw. sind (sein Vater 'Gulli' lebt ja noch) Alkoholiker und Tagelöhner, und besonders sein Vater hatte für Elijah nie etwas anderes als ein ebensolches Leben im Sinn. Elijah hat sich als Kind und Jugendlicher dagegen aufgelehnt und, wider alle Wahrscheinlichkeit, den sozialen Aufstieg geschafft. Elijahs Jugend in Trier war also sehr schwierig, und es hätte für ihn auch ganz anders ausgehen können. Daher hegt er eine gewisse Reserviertheit gegenüber der Stadt. Aber er hasst Trier nicht. Er verabscheut allerdings die Denk- und Lebensweise seiner Eltern und distanziert sich von ihnen. Ich kenne selbst mehrere Menschen, die ähnliche Startbedingungen hatten wie Elijah. Der Eine oder Andere hat es in ein gutes, bürgerliches Leben geschafft. Andere nicht. Ein Stück weit ist Elijah Leblanc eine Komposition von ihnen. Mehr dazu, wie Elijahs Jugend in Trier verlaufen und er zu dem charmanten, witzigen Mann und aufrechten Polizisten geworden ist, der er jetzt ist, erfährt der Leser im Übrigen in Leblancs zweiten Fall 'Lebenslänglich', an dem ich jetzt schreibe. Elijah kommt nach Trier zurück und muss sich seiner Vergangenheit stellen. Erscheinungstermin ist der 1. Dezember 2018."

Zum Inhalt

Elijah Leblanc, Spezialist für Serienverbrechen beim Bundeskriminalamt, staunt nicht schlecht als er eine E-Mail mit einem Foto der vor zwei Jahren verschwundenen Amelie erhält. Nicht nur, dass sie lebendig ist, sondern sie ist offenbar von Trier nach China gereist. Wie kam sie dorthin? Etwa freiwillig? Lange hat ihn der Fall, der in der Heimatstadt des effizienten Ermittlers seine Anfänge nahm, nicht losgelassen und auch jetzt kann Leblanc Amelie nicht vergessen – trotz der Anweisung seines Chefs. Als dann auch noch Amelies kleine Schwester Leonie verschwindet ist für Leblanc und seine Kollegin Jo klar: Es muss einen Zusammenhang geben und der kann nur aufgeklärt werden, wenn das Rätsel um Amelies Verschwinden gelöst wird.

Rezension von WochenSpiegel-Mitarbeiterin Diana Thiesen

Stephan Lake legt auf den ersten Blick mit seinem Debut der Eijah Leblanc-Reihe einen klassischen Thriller vor, wie wir ihn alle kennen – spannend, in Teilen etwas blutig und mit dem typischen unkonventionellen Einzelgänger als Protagonist, der sich weniger um bürokratische Abläufe und Gepflogenheiten als vielmehr um den Fortschritt seiner Ermittlung und das Schicksal der Opfer schert. Auch das kleine Quäntchen Love-Story darf nicht fehlen sowie die Perspektivwechsel, die dem Leser Einsicht in das Verbrecherhirn gewähren. Doch "Schwesterherz" ist nicht nur etwas für Genre-Liebhaber, denn das Buch besticht durch den Kontrast zwischen regionalen Elementen und internationalen Schauplätzen, zwischen Trier und Shanghai. Besonders erfrischend dabei ist, dass die Heimatstadt des Protagonisten nicht durchweg positiv dargestellt wird, was bei dem familiären Hintergrund Leblancs jedoch nicht verwunderlich ist. Als Leser wird man allerdings gerade dadurch – teilweise auf sehr humorvolle und überspitzte Art und Weise – mit den lokalen Besonderheiten seiner eigenen Heimatregion konfrontiert. Und genau dies macht den Roman nicht nur für Fans von Jussi Adler-Olsen oder Chris Carter zu einem absolut attraktiven und kurzweiligen Lesevergnügen!

Info

"Schwesterherz" von Stephan Lake ist  erschienen bei Books on Demand (Paperback, 472 Seiten, ISBN-13: 9783752833225, Preis: 12,99 Euro).

DT

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