Claudia Neumann

Das Hochwasser ist immer noch präsent

Für viele Menschen ist das verheerende Hochwasser in unserer Region im Juli letzten Jahres längst schon Vergangenheit. Doch etliche der Betroffenen kämpfen auch heute noch mit den Folgen davon. So auch Familie Classen, deren Haus in Wintersdorf von der reißenden Sauer überflutet wurde.
Bilder
zur Bildergalerie

Wintersdorf (rh). »Am 14 Juli waren wir noch auf dem Geburtstag meiner Schwägerin gewesen, am 15 Juli waren wir mit einem Mal obdachlos.« So bringt Markus Classen die Geschehnisse von damals auf den Punkt und fährt fort: »Aber als noch Hoffnung bestand, bat ich meine Frau die notwendigsten Dinge für uns und unseren erst fünf Wochen alten Sohn zu packen, um bei meinen Eltern in Trierweiler unterzukommen. Dann begann ich Teile unseres Kellers in das Erdgeschoss zu schaffen. Gegen 2 Uhr schraubte ich schließlich den hölzernen Sichtschutz zum Nachbargrundstück ab, um ihm und seiner Familie den einzig möglichen Fluchtweg über unser Grundstück freizugeben.«
 
Doch die Classens finden keine Ruhe: zwei Stunden später flutete Grundwasser den Keller und unmittelbar danach verließen die benachbarten Schwiegereltern ihr Haus. Zu dem Zeitpunkt waren Ehefrau Stefanie mit Sohn Arminius bereits nach Trierweiler aufgebrochen. Die sonst friedlich dahinfließende Sauer hatte sich mittlerweile in einen tosenden Strom verwandelt, auf der mitgerissene Container und ganze Bäume Häuser und Menschen gefährdeten.
 
Sie mussten das Haus den Fluten überlassen
 
Die Voraussicht von Markus Classen, der in der regionalen Sicherheitsbranche arbeitet, hatte sich zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezahlt: sein Nachbar konnte sich und seine Familie in Sicherheit bringen. Als Classen schließlich gegen 5.45 Uhr sein Haus absperrte, hoffte er immer noch mit einem blauen Auge davonzukommen, doch schon kurze Zeit später war das Haus, das sie seit 2014 zur Miete bewohnen, vollständig von Wasser eingeschlossen und er musste es den Fluten überlassen.
 
Sieben Monate später wirkt der Wintersdorfer erstaunlich gefasst, als er über die damaligen Ereignisse spricht, auch wenn ihn noch Vieles in der Rückschau schmerzt und bewegt. Wird er gefragt, was für ihn heute noch wichtig sei mitzuteilen, dann findet Markus Classen klare Worte: »So viele Dinge, an denen schöne Erinnerungen hängen, wegzuwerfen, weil sie völlig zerstört waren, fiel uns unglaublich schwer. Und in einer Situation zu sein, Lebensmittel, und andere notwendige Dinge, die reichlich gespendet wurden, einfach anzunehmen, hat uns ebenfalls Überwindung gekostet, obwohl wir sehr dankbar sind für all die Unterstützung, die uns und anderen hier reichlich entgegengebracht wurde. Dabei hatten wir noch Glück gehabt. Wir konnten wenigstens bei meinen Eltern unterkommen und unsere Hausrat-Versicherung hat rund 80 Prozent des Schades reguliert.«
 
Und nach einem kurzen Zögern kommt er noch auf einen anderen Punkt zu sprechen: »Was uns Hochwasser-Geschädigten an der Sauer neben den direkten Folgen der Katastrophe am meisten getroffen hat, ist das relative Desinteresse der Politik und der medialen Öffentlichkeit an unserem Schicksal. Das liegt sicher daran, dass die Menschen im Ahrtal noch stärker betroffen waren und auch wesentlich höhere Verluste hatten. Aber auch hier in den Gemeinden hat das Wasser immense Schäden angerichtet, Schäden, an denen wir noch lange zu knabbern haben werden.« Markus Classen ist ein zupackender, optimistischer Mann und die damalige Katastrophe mit Hilfe von Familie und Freunden gemeistert zu haben, erfüllen ihn sichtlich mit Stolz und Freude. Was der Familie denn noch fehlt zu ihrem Glück? »Dass die vollständige Renovierung im Sommer dieses Jahres abgeschlossen ist und der Uferbereich von Bruchholz, Unrat und Aufsandungen befreit wird, damit wir vor einem neuerlichen Hochwasser besser geschützt sind. Dann können wir hier in Wintersdorf hoffentlich bald wieder unser normales Leben aufnehmen.«