SP

Köln und die Folgen - Kippt die Stimmung?

Die Vorfälle der Silvesternacht in Köln haben weltweit für Aufsehen gesorgt. Auch drei Wochen nach den Übergriffen wird in den sozialen Netzwerken heftig diskutiert. Viele fühlen sich nicht mehr sicher. Asylbewerber werden als potentielle Sexualstraftäter abgestempelt. Massive Kritik an der Flüchtlingspolitik wird immer lauter. Erste Bürgerwehren haben sich – auch in der Region – gebildet. Pfefferspray ist vielerorts ausverkauft. Kippt die Stimmung in der Gesellschaft und muss man so kurz vor Karneval in der Region Angst vor sexuellen Übergriffen haben? Der WochenSpiegel hat nachgefragt.
Bilder
Kippt die Stimmung nach Köln? Foto: Symbolbild/Imago

Kippt die Stimmung nach Köln? Foto: Symbolbild/Imago

Wo vor ein paar Monaten frohe Willkommenskultur war, scheint jetzt die blanke Angst zu herrschen. "Die Menschen reagieren hysterisch", sagt der Inhaber eines Waffengeschäfts in der Region, der nicht genannt werden möchte. Er spricht von steigenden Absatzzahlen seit Mitte des vergangenen Jahres. Gekauft werden Schlagstöcke, Pfefferspray und Schreckschusswaffen. Joachim Hansen von der Firma Eifel-Arms in Binsfeld bestätigt das. Großhändler hätten ihm von einer "Wahnsinnsnachfrage" nach Gaspistolen berichtet und bundesweit leergeräumten Beständen von Pfefferspray. "So wie es nachgeliefert wird, ist es verkauft. Die Menschen haben Angst." Sie beschafften sich, was unbürokratisch ohne große Hürden zu erwerben sei. Nach der Silvesternacht habe es einen Schub in diese Richtung gegeben. Pfefferspray ausverkauft
"Wir warten seit Tagen auf eine Lieferung Pfefferspray, momentan ist es überall ausverkauft", sagt auch Carna Ehlers, Inhaberin von "Waffen-Wagner" in Trier. "Rund 40 Stück könnten wir seit den Vorfällen in Köln am Tag verkaufen. Vorher waren es zwischen vier und maximal zehn am Tag. Seit August 2015 war schon ein Anstieg zu verzeichnen, seit Köln ist es aber extrem." Auch die Nachfrage nach Gas- und Schreckschusspistolen sowie Elektroschockern ist laut Ehlers stark gestiegen. "Wenn wir früher vier Elektroschocker im Monat verkauft haben, haben wir jetzt zehn Nachfragen in der Woche. Bei Gas- und Schreckschusspistolen könnten wir fünf täglich verkaufen, vorher vier in der Woche. Momentan ist aber fast alles ausverkauft", so die Waffenexpertin. Bürgerwehr in Trier Auch eine Art Bürgerwehr hat sich mittlerweile bei Facebook unter dem Namen "Trier hilft sich" gebildet. In der Gruppenbeschreibung heißt es man wolle nach den Vorfällen in Köln und Hamburg verstärkt Präsenz zeigen. "Wir werden uns zusammenschließen und friedlich aber mit offenen Augen durch unser schönes Trier spazieren. Wir möchten damit gewisse Vorfälle und Übergriffe auf Frauen und Schwächere im Vorfeld unterbinden." Von Seiten der Polizei sieht man die Gruppe "ausgesprochen kritisch". "Innere Sicherheit ist zwar auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, aber ausschließlich der Polizei ist das staatliche Gewaltmonopol übertragen", erklärt Lothar Schömann, Präsident des Polizeipräsidiums Trier. Vorfälle wie in Köln hat es laut Schömann in der Region bisher nicht gegeben. "Viele Bürger sind nach Köln verunsichert und verängstigt, deren Ängste nehmen wir sehr ernst", teilt das Polizeipräsidium auf WochenSpiegel-Anfrage mit. "Unsere Polizeibeamten stehen für Beratungen und Informationen rund um die Uhr zur Verfügung. Mit angemessenen Einsatzkonzepten wird die Sicherheit bei Veranstaltungen gewährleistet."

Hilfsbereitschaft weiterhin hoch

Eine Welle der Hilfsbereitschaft geht seit vielen Monaten durch die Bevölkerung. Viele wollen den neu angekommenen Flüchtlingen helfen. Das scheinen auch die Vorfälle von Köln nicht geändert zu haben. "Ein Umschlagen der bisherigen Hilfsbereitschaft in Trier in eine offene Feindseligkeit konnten wir nicht feststellen", teilt die Polizei auf WochenSpiegel-Anfrage mit. Gleiches bestätigt die Aufsichts- und Dienstleistungdirektion (ADD), die für die Flüchtlingsunterkünfte im Land zuständig ist. "Die Vorfälle in Köln haben keine spürbare Auswirkungen auf die Region Trier. Für die ADD ist kein Zusammenhang erkennbar, der vermuten lässt, dass die Vorfällen in Köln zu einem Rückgang der ehrenamtlichen Helfer geführt haben."

Statement gegen Pauschalverurteilung

Ähnlich siehen es auch Vereine und Organisationen aus der Region, die sich für Flüchtlinge einsetzen. "Wer in seinem Ehrenamt Geflüchtete kennen gelernt hat, weiß: Das sind Mütter mit kleinen Kindern. Junge Männer, die begeistert einen Deutschkurs besuchen. Nachbarn, Mitbewohner, Freunde. Kurz gesagt Menschen, die einander so unterschiedlich oder ähnlich sind wie wir auch. Deshalb erwarten wir nicht, dass ehrenamtliche Helfer, die sich für Geflüchtete eingesetzt haben, jetzt damit aufhören werden", so der Verein "Für ein buntes Trier, gemeinsam gegen Rechts". Rainer Hoffmann, Geschäftsführer des DRK Bitburg-Prüm, sagt: "Das Engagement hat bei uns nicht nach gelassen oder sich verändert. Wir haben nach wie vor ein hervorragend motiviertes ehrenamtliches Team." Irmgard Mminele von der Flüchtlingshilfe des DRK ergänzt: "Ich hatte Anrufe von ehrenamtlichen Helfern, die nun erst recht weitermachen möchten, da sie sich gegen Pauschalverurteilungen stellen wollen."

Sexualisierte Gewalt ist nicht importiert

Die Täter von Köln stammen mehrheitlich aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Das alleine scheint für viele schon Anlass zu sein, in jedem männlichen Flüchtling eine mögliche Gefahr zu sehen. "Wir verurteilen diese Taten und erklären uns solidarisch mit den betroffenen Frauen. Die Täter müssen juristisch zur Verantwortung gezogen werden. Was nicht geschehen darf, ist dass Geflüchtete plötzlich nur noch als potentielle Sexualstraftäter wahrgenommen werden", so der Verein "Für ein buntes Trier". "Sexualisierte Gewalt ist in unserer Gesellschaft tief verwurzelt und keine Sache, die von Geflüchteten importiert wurde. Das von vielen nun genau diese Vorstellung verbreitet wird, schadet der ernsthaften Auseinandersetzung mit dem Thema sehr." Irmgard Mminele erzählt, man führe viele Gespräche mit jungen, männlichen Flüchtlingen über die Vorfälle von Köln. "Alle sind entsetzt und sprechen uns gegenüber ihr Bedauern aus und möchten sich für die Vorfälle entschuldigen. Eine syrischer Flüchtling meinte zu mir: 'Ich würde jeder Frau zur Hilfe eilen und beschützen, wenn ich solche Angriffe mitbekommen würden, es tut mir alles so leid.'  Die Flüchtlinge haben Angst, dass die Stimmung ihnen gegenüber nun kippen könnte." von Svenja Pees, bil, Fin