Claudia Neumann

Missbrauch im Bistum: Kommission legt ersten Bericht vor

Trier/Region. Organisation »Missbit«: Bischof Ackermann »völlig empathiefrei«

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Kommissionsprecher Prof. Robbers mit dem ersten Zwischenbericht

Kommissionsprecher Prof. Robbers mit dem ersten Zwischenbericht

Foto: Jakobovac

Die Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs im Verantwortungsbereich des Bistums Trier (UAK) hat jetzt ihren ersten Zwischenbericht vorgelegt.

Bislang habe sie im Zeitraum 1946 bis 2021 513 Betroffene namentlich oder anonym identifiziert können.

Als Beschuldigte respektive überführte Täter des sexuellen Missbrauchs sind 195 Personen erfasst. Es stehe zu erwarten, dass sich diese Zahlen im Laufe der Arbeit der Studie erweitern werden.

 

Der erste Zwischenbericht beinhaltet auch zwei gravierende Fallbeispiele auf der Basis von bislang untersuchten Aktenbeständen. Zum einen das von Pastor Franz Engelhardt, der sich im Eifeldorf Ehlenz bei Bitburg über zehn Jahre an Kindern vergangen hatte und dafür auch verurteilt wurde. Zum anderen das eines Priesters, der im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz Anfang der sechziger Jahre nach Paraguay geflüchtet sei, um der Strafverfolgung wegen sexuellen Missbrauchs zu entgehen. Der Generalvikar des Bistums soll dabei geholfen haben.

 

Die Kommission kündigte an, eine erste Studie zum Missbrauchsgeschehen in der Ära des Bischofs Stein vorzulegen.

 

Klar erkennbar sei, dass die Situation der Betroffenen in der kircheninternen Bearbeitung der Fälle viel zu wenig beachtet wurde. Als erste Ergebnisse der Aufarbeitung sieht es die UAK als unabdingbar an, dass das Bistum die bisherige Praxis zur Gewährung von Akteneinsicht für Betroffene deutlich verbessert und den Betroffenen mit einem transparenteren und wenig aufwändigen Verfahren Einsicht in die sie und ihren Fall betreffenden Akten einräume.

 

Auch solle das Bistum regelmäßig Betroffene über den Fortgang des kircheninternen Verfahrens intensiver unterrichten, das in Verfolgung des jeweiligen Missbrauchs initiiert wurde. Eine langfristige Beratungs- und Anlaufstelle müsse geschaffen werden – entweder in Form einer besonderen Seelsorge oder durch eine unabhängige Ombudsstelle. 

 

Scharfe Kritik und Rücktrittsforderungen

 

Die Organisation Missbit (www.missbit.de ) der Missbrauchsopfer im Bistum Trier kritisiert Bischof Ackermann scharf für seine Reaktion auf den Zwischenbericht der Kommission. Er wirke »völlig empathiefrei« ob der erschreckenden Zahlen.

 

»Dass die Anzahl der Betroffenen und Täter deulich höher ist, übergeht er mal eben so wie eine schlechte Halbjahresbilanz in einem DAX-Unternehmen.« Worte des Bedauerns oder der Entschuldigung lasse Ackermann völlig vermissen und setzte stattdessen aufs »Abwarten und Zeit gewinnen«: »Für Ackermann ist es offensichtlich kein Problem, dass er nun darauf warten muss, bis er an der Reihe ist. Mit seinen Fehlern, Fehltritten, Vertuschungen, Gefallen, die er anderen Mitbrüdern getan hat, damit diese unter dem Radar weiterhin segensreich wirken konnten. Noch schlimmer, der bewusste Verrat an den Katholiken in den Gemeinden oder den Menschen in den Krankenhäusern und Altenheimen.

 

Eine selbsttätige Offenlegung seiner ‚Fälle‘, die er kennt und die ihn am Ende belasten und als den aktuellsten Vertuscher in der triererischen Vertuscherreihe überführen, vermeidet er.« »Missbit« kritisiert außerdem, dass die Kommission von Bischof Ackermann berufen worden sei. Volle Unabhängigkeit werde daher nur suggeriert.

 

Der Saarbrücker Oberbürgermeister Uwe Conradt (CDU) mahnt derweil nach der Veröffenlichung des Berichts Konsequenzen an und fordert den Rücktritt des Trierer Bischofs und dessen Vorgängers. »Es ist Zeit, dass Amtsträger, insbesondere der ehemalige Trierer Bischof Reinhard Marx und der aktuelle Bischof Stephan Ackermann, Verantwortung übernehmen und von ihren Ämtern zurücktreten«, schreibt Conradt in einem Statement im Netzwerk »LinkedIn«.

 

Die Zahlen, die sich allein auf das kleine Bistum Trier beziehen, seien erschreckend. Die Haltung, mit der die Verantwortlichen des Bistums mit den Tätern umgegangen sind, seien unerträglich. Das Bistum Trier sei als Teil einer Weltkirche zu verstehen, in der bis in die jüngste Vergangenheit Vertuschung sexuellen Missbrauchs an der Tagesordnung war. Missbrauch sei offensichtlich mit System gedeckt worden.