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Nachtschicht zwischen Bierkisten und Lastwagen

Nachts zu arbeiten bedeutet für Ronny Gradtke tagsüber Zeit für die Familie zu haben. Ein klarer Vorteil für den jungen Vater, besonders wenn Schule und Kita geschlossen sind. Der 31-Jährige arbeitet in der Logistik bei der Bitburger Brauerei. Sein Job: Er belädt und entlädt Lkw, bestückt das Lager und "füttert" die Abfüllanlagen.
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Es ist 20.30 Uhr. Ronny Gradtke trinkt noch einen Kaffee, zieht sich die grüne Arbeitshose und die neongelbe Warnweste über, verstaut seine privaten Sachen im Spint und betritt die Verladehalle der Bitburger Brauerei. Neonlicht, fünf Meter hohe Wände aus grünen Bitburger Kisten und silbernen Fässer-Stapeln, parkende Lkw und vor allem der Lärm von umherfahrenden Gabelstaplern beherrschen die Kulisse. Der 31-Jährige tritt zu einem Kollegen an den Stapler. Ein kurzes Gespräch und Gradtke übernimmt das Fahrzeug. Der Kollege hat Feierabend. Gradtke stehen jetzt noch acht Stunden bevor. Diese Woche fährt er von 21 bis 5 Uhr früh. Vorteile erkannt In seinen Augen ein klarer Vorteil: "Ich finde Schichtschaffen besser, weil ich mehr von meiner Familie habe. Käme ich erst um 18 Uhr nach Hause, wäre daheim schon alles vorbei." So hatte er heute Zeit zum Fußballspielen und zur Wasserschlacht mit seinem siebenjährigen Sohn und er war zur Stelle, als seine zweijährige Tochter von einer Biene gestochen wurde. Noch ein ganz anderer Vorteil: 25 Prozent des Stundenlohns aus der Nachtschicht sind steuerfrei. Das Staplerfahren lohnt sich, erzählt Gradtke. Als Mechatroniker habe er die Hälfte verdient. Seine Aufgabe ist klar definiert: Leergutpaletten aus den Lkw herausfahren, zur Anlage fahren, dort absetzen, Paletten mit gefüllten Flaschen herunterheben und ab damit ins Lager oder direkt in den Lkw, der die Ware zum Kunden bringt.
500 Paletten in einer Nacht Immer der gleiche Kreislauf: Die Anlage transportiert das Leergut auf Rollenförderbändern in die Palettierung, dort greifen Roboterarme die Kisten und setzen sie auf Fließbänder, die sie in die Abfüllanlage hineinfahren. Die Maschine wäscht, füllt und etikettiert die Flaschen. Auf der anderen Seite kommen sie fix und fertig wieder aus der Anlage raus, Gradtke holt sie in Vierer-Blocks (160 Kisten) ab und fährt sie ins Lager oder direkt wieder in die Lkw. 500 Paletten bewegt er in einer Nacht. Acht Tonnen kann er auf einmal transportieren. Um Fehler beim Beladen auszuschließen, sind Transponder im Boden eingelassen. Sie senden Signale an die Unterboden-Antennen der Stapler. Diese Ortung, kombiniert mit dem Bord-Computer in jedem Stapler, der genau weiß, welche Getränke wo in welcher Menge abgestellt sind und welcher Lkw mit was bestückt werden muss, verhindert Fehler beim Beladen. Damit das funktioniert, muss der Staplerfahrer jeden Schritt beim Be- und Entladen am Bordcomputer bestätigen.

Wie Autoscooter fahren

In der Nacht ist Ronny Gradtke mit zwölf Kollegen in der Verladehalle unterwegs. Ihre Stapler fahren nur 20 Stundenkilometer, aber es wirkt schneller auf so engem Raum mit so vielen Hindernissen. Wie Autoscooterfahren ohne "Anknupsen". Gradtke hat noch keinen Unfall erlebt. Zumindest keinen wilden. Ein bisschen Glasbruch komme öfter vor, auch mal, dass ein Stapler-Zinken einen Reifen zersticht. Die Geschicklichkeit, mit der die Männer die Stapler lenken, erinnert an den Linde-Cup. Frauen sind hier die absolute Ausnahme, aber es gibt sie – eine einzige. Die Lager sind noch gefüllt In der Regel beladen die Fahrer einen Lkw mit 32 Paletten, das sind 1280 Kisten. Die Stapler greifen einen Block mit vier Paletten auf einmal, jede Palette fasst 40 Kisten, bei Stubbis sind es 56 grüne Rahmen. Einer der Lkw kommt in dieser Nacht aus Dresden. Leergut raus, bestellte Kisten und Fässer hinein. Nächstes Ziel ist ein Getränkevertrieb in Aach bei Trier. Steht alles auf Gradtkes Monitor.
Noch vier weitere Lkw werden gleichzeitig be- und entladen. Es scheint eher ruhig. "Die Lager bei den Kunden sind durch die Fußball-EM noch alle gut gefüllt. Da hatten die Leute gekauft wie die Weltmeister", so der Erklärungsversuch. Das verpasste Finale hat dem Absatz der großen Vorratsmengen geschadet. Dazu dämmt die Reisezeit den Konsum. "An guten Tagen verkaufen wir 21.000 Liter Bitburger."

Wenn die Müdigkeit kommt Für Ronny Gradtke schafft die Jahreszeit ein anderes Problem: Wenn er sich morgens schlafen legt, dauert es nicht lange bis die Hitze kommt und offenes Fenster bedeutet Krach von draußen. Trotzdem ist er um 10 Uhr wieder fit. Er macht das jetzt seit 2007 bei der Bitburger Brauerei. Und er macht den Job gerne. Um 1.30 Uhr gönnt sich der Staplerfahrer eine Pause und setzt sich vor den Eingang zur Verladehalle unter einen großen Bitburgerschirm. Zeit für ein Brötchen und eine Tasse Kaffee. Vorbeugung. "Zwischen zwei und drei kommt die Müdigkeit. Aber bis jetzt bin ich noch immer gut durchgekommen."

"Flaschentausch"

Nach einer halben Stunde geht es weiter. Ist gerade kein Lkw zu beladen, macht sich Gradtke an den "Flaschentausch". Nicht jeder Kunde bringt das Leergut korrekt sortiert zurück. Da kommen Warsteinerflaschen in Bitburgerkisten an, die Variationen sind vielfältig. Die Maschinen übernehmen das Sortieren, Ronny Gradtke fährt die Paletten anschließend auf den Hof. Warsteiner zu Warsteiner, Clausthaler zu Clausthaler. "Der Flaschentausch ist ein großes Geschäft bei den Brauereien geworden."
Um zehn vor fünf kommt sein Kollege zur Frühschicht. Ablösung am Stapler. Ronny Gradtke zieht sich um, stempelt ab. »Und tschüss«, ein letzter Gruß, dann begibt er sich auf die Autobahn Richtung Wittlich. Ins Bett. Wenn er wach wird, hat er Pläne: Schwimmbad mit der Familie. BIL