Jan Kreller

Trierer Tagesmütter schlagen Alarm

Gestiegene Lebenshaltungskosten bei gleichzeitig anachronistisch gestalteten Kostenpauschalen bringen Tagesmütter in finanzielle Bedrängnis.

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Engagieren sich in Trier für eine bessere Entlohnung der Tagesmütter, v.l.: Anja Wolfram, Patricia Müller und Melanie Tourte.

Engagieren sich in Trier für eine bessere Entlohnung der Tagesmütter, v.l.: Anja Wolfram, Patricia Müller und Melanie Tourte.

Foto: Kreller

TRIER (jk). Nicht selten liegen zwischen Anspruch und Realität Welten, so auch in der Betreuung von Kindern berufstätiger Eltern. Seit 2013 sind Kommunen gesetzlich dazu verpflichtet, Kindern ab dem vollendeten ersten Lebensjahr entsprechende Betreuungsplätze zur Verfügung zu stellen. In der Praxis bedeutet das jedoch oft lange und damit unkalkulierbare Wartezeiten und unter Umständen weite Anfahrtswege. Diesen Mangel an Betreuungsplätzen kompensieren sogenannte Tagespflegepersonen, im allgemeinen Sprachgebrauch als Tagesmütter bezeichnet. In der Stadt Trier gibt es 101 von ihnen, darunter auch einige Tagesväter. Maximal fünf Kinder darf eine Tagesmutter oder -vater jeweils maximal betreuen. "Ohne uns wären in Trier Hunderte Kinder unbetreut", sagt Patricia Müller, die in ihrem Regenbogenland seit sechs Jahren Kinder nicht nur beaufsichtigt, sondern auch für deren Entwicklung mitverantwortlich ist. Eine große Verantwortung, für die sie aus ihrer Sicht nicht ausreichend entlohnt wird. Ihre Kritik richtet sich dabei nicht an die Eltern, sondern explizit an die Stadt Trier, die die Betreuungspauschale seit Jahren trotz laufend steigender Fixkosten nicht angepasst habe. "Wir machen fast die gleiche Arbeit wie die Mitarbeiter in einer Kita, können aber keine Pause machen und erhalten selten psychologische Unterstützung", sagt Patricia.

 

Wahlfreiheit der Eltern eingeschränkt

 

Für ein Kind, das in Trier beispielsweise 36 bis 40 Stunden pro Woche betreut wird, bekommen die Tagesmütter vom Jugendamt 725 Euro pro Monat ausgezahlt. Darin enthalten sind 300 Euro Betriebskostenpauschale, die für laufende Aufwendungen wie Verbrauchsmaterialien, Lebensmittel, Versicherungen, Strom, Wasser oder Tickets für Veranstaltungen vorgesehen sind. Der Rest ist der tatsächliche Verdienst, der selbstverständlich noch versteuert werden muss. Am Ende des Monats kommen die Tagesmütter laut eigener Rechnung somit auf einen Brutto-Stundenlohn von rund 4,50 Euro pro Kind, als Nettoverdienst bleibe am Ende circa 1.500 Euro übrig. Das Vergütungsmodell, das sich in Trier nach Einkommen und Zahl der Elternteile im Haushalt richtet, wird dabei von den Kommunen individuell festgelegt, was zu erheblichen finanziellen Differenzen führt. "In anderen Landkreisen erhalten Tagesmütter bei gleichen Sozialleistungen rund 9 Euro", berichtet Anja Wolfram, die in ihrem Haus in Trier-Zewen seit 2014 regelmäßig Kinder betreut. Zwar könnte sie pro Kind einen zusätzlichen Betrag von den Eltern verlangen, doch das bringe weitere Probleme mit sich. "Die Tagesmütter sollen einerseits die fehlenden Betreuungsplätze auffangen, auf der anderen Seite aber von den Eltern mehr Geld verlangen", sagt sie. Das führe aus ihrer Sicht dazu, dass einige Paare oder Alleinerziehende die Kosten nicht mehr stemmen könnten. Laut Anja Wolfram schränke dies die Wahlfreiheit der Eltern erheblich ein. Die letzte Anhebung der Vergütungssätze in Trier liegt nach Auskunft der Stadt übrigens 13 Jahre zurück. Anpassungen müssten vom Stadtrat beschlossen werden. Zu berücksichtigen sei dabei, dass Trier eine "hochverschuldete Stadt" sei und dies "Stadt und Verwaltung bei Entscheidungen erheblich einschränke".

 

Auf das Wohl des Jugendamts angewiesen

 

Ein im Gespräch omnipräsentes Thema ist die große Abhängigkeit vom Jugendamt. Sowohl mit dieser Behörde als auch mit den jeweiligen Eltern der betreuten Kinder bestehen Vertragsverhältnisse. "Eigentlich sind wir selbstständig, aber so fühlt es sich nicht an", sagt Wolfram. "Im Prinzip kann man von Scheinselbstständigkeit reden, denn das Geld erhalten wir nicht von den Eltern, sondern ausschließlich vom Amt." Die Frauen berichten, dass auf die 101 Tagesmütter in Trier nur eine zuständige Sachbearbeiterin sowie eine Person für die Rechnungsstellung im Jugendamt zur Verfügung stehen. Sei letztere krank, so müsse man schon mal wochenlang auf Geld warten. Auch wenn sie eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe haben: Diese Umstände werden von den Betroffenen als Geringschätzung wahrgenommen. "Es fehlt an Respekt vor der Arbeit der Tagesmütter", sagt so auch Melanie Tourte, die seit 2018 als Tagesmutter arbeitet und derzeit fünf Kinder in Heiligkreuz betreut. Eine Art Interessenverband, der sich für die Belange der Tagesmütter in Trier einsetzt, existiert nicht. Ihre persönlichen Anliegen beim Jugendamt durchzusetzen bleibt daher eine individuelle Angelegenheit, vor der sich viele scheuen. "Die Leute haben Angst, in Retour die Pflegeerlaubnis entzogen zu bekommen", sagt Tourte. Aus ihrer Sicht spielten allzu oft persönliche Befindlichkeiten eine zu große Rolle. Davon berichtet auch Patricia Müller. Sie habe sich einst beim Jugendamt für die Interessen der Tagesmütter eingesetzt, woraufhin ihr der Entzug eben jener Pflegeerlaubnis angedroht worden sei. Erst ein juristischer Beistand habe die Angelegenheit aus der Welt schaffen können, sagt Müller.

 

Stadt weißt Vorwürfe von sich

 

Der WochenSpiegel hat hier bei der Stadt Trier nachgefragt. "Die Trierer Tagesmütter suggeriert eine Mehrheitsmeinung. Wir sind darüber etwas überrascht, denn eine repräsentative Befragung zu dem Thema ist uns nicht bekannt. Es haben sich auch bisher keine Tagespflegepersonen mit Kritik ans Jugendamt gewandt und gesagt, sie sprächen für ‚die Tagesmütter'", so die Antwort. Ferner sei das Jugendamt regelmäßig im Austausch mit den Tagespflegepersonen und arbeite seit Jahren gemeinsam mit diesen am weiteren qualitativen Ausbau des Angebotes. "In Trier gibt es seit Jahren den landesweit höchsten Ausbaustand dieser Betreuungsform. Das ist auch ein Beleg für die gute Zusammenarbeit", heißt es weiter. Zuletzt sei im persönlichen Austausch zwischen einer Tagespflegeperson mit Bürgermeisterin und Sozialdezernentin Elvira Garbes die Zusammenarbeit mit dem Jugendamt nochmals ausdrücklich gelobt worden. "Die Mitarbeitenden des Jugendamtes richten ihre Zusammenarbeit mit den Tagespflegepersonen an den sachlichen Erfordernissen des Arbeitsfelds und einer bedarfsgerechten Ausgestaltung des Angebotes aus. Einen so pauschalen Vorwurf wie den mit persönlichen Befindlichkeiten können wir eigentlich nicht kommentieren."

 

Stadt plant Erhöhung ab kommendem Jahr

 

Finanzielle Unsicherheiten sowie Ärger mit den Behörden würden immer mehr Tagesmütter aus dem Geschäft drängen. "Wenn ich jetzt nicht aufhöre, dann muss ich Insolvenz anmelden", zitiert Melanie Tourte eine Kollegin, die anonym bleiben will. Die drei Frauen wünschen sich, dass zunächst in finanzieller Hinsicht Bewegung in die Sache kommt. Aus ihrer Sicht wäre die Festsetzung eines auskömmlichen Stundenlohnes bei gleichzeitiger Abschaffung der Vergütungs-Staffelung nach Betreuungszeit sowie die Erhöhung der Betriebskostenpauschale ein erster wichtiger Schritt. "Der Ruf der Tagesmütter steht auf dem Spiel", sagt Anja Wolfram. "Und wir wissen auch, dass die Weichen grundsätzlich nicht auf kommunaler, sondern auf Landesebene gestellt werden müssen." Laut Presseamt der Stadt Trier werde derzeit "aufgrund der Preisentwicklungen" an einer Sitzungsvorlage zur Erhöhung der Geldleistungen für Tagesmütter gearbeitet. Der Beschluss soll noch in diesem Jahr getroffen werden. Mehr Geld gäbe es dann ab dem 1. Januar 2023.

 

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