Jan Kreller

Weltpolitik, die bis in die Eifel reicht

REGION. Der WochenSpiegel zu Gast bei der "Ukraine Defense Contact Group".

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Auf Einladung der Pressestelle der Air Base Ramstein war unsere Mitarbeiterin Sabine Krösser kürzlich Zeugin davon, wie Weltpolitik gemacht wird. Auf der pfälzischen US-Luftwaffenbasis trafen sich kürzlich die Verteidigungsexperten von 50 Ländern, um über weitere Militärhilfen für die Ukraine zu entscheiden. Ein Erfahrungsbericht.

 

Zwei Königinnen, zahlreiche Außen- und Premierminister, Botschafter und jede Menge Stars aus dem Showbusiness durfte ich als Journalistin bis dato ja bereits kennen lernen … aber so viele Verteidigungsminister und Generäle - mächtige Frauen und Männer - aus rund 50 Nationen gemeinsam mit 92 Medienvertretern aus der ganzen Welt - das war auch für mich neu. Möglich machte diese außergewöhnliche Begegnung - dazu noch in der pfälzischen Provinz - eine unverhoffte Einladung der Pressestelle der Air Base Ramstein. Gut, mit dem Presseteam der Air Base Spangdahlem unterhalte ich bereits seit mehreren Jahren Kontakte, zuletzt wegen eines Portraits von US Air Force Oberst Leslie F. Hauck III (genannt Les Hauck), der seit 15. Juli 2021 als Wing Commander das Kommando des 52. Jagdgeschwaders innehat und im Juni 50. Geburtstag der Air Base in der Eifel feiern durfte, für unsere Jubiläumsausgabe "50 Jahre, 50 Köpfe". Hier wurde kürzlich Weltpolitik geschrieben, denn bereits zum zweiten Mal in diesem Jahr traf sich US-Verteidigungsminister Lloyd James Austin III. in Ramstein mit der sogenannten "Ukraine Defense Contact Group", um gemeinsam mit den Verbündeten über neue Militärhilfen für die Ukraine zu entscheiden.

 

Ganz besondere Vorbereitungen

 

Um 5 Uhr klingelte der Wecker, um ja alle Unterlagen wie Ausweise, Einladung, Wegbeschreibung und Kreditkarte und den richtigen "way to dress" für einen Tag mit der Weltpolitik zu finden. Über die stockdunkle Autobahn ging's dann bei Nieselregen zum Parkplatz der Gedenkstätte Ramstein - dem vereinbarten Meeting Point. Fast menschenleer auch der vereinbarte Treffpunkt - ein Bus stand am Rande des Parkplatzes, zwei Autos von deutschen Fernsehteams und ein älteres Pärchen, das Dehnübungen mit Walkingstöcken für seine nächste Wandertour machte, ohne zu wissen, was sich gleich rechts und links herum ereignen würde. Gegen 7.30 Uhr kamen dann - wie aus dem Nichts - Fahrzeuge aus Frankfurt, Wiesbaden, Baden-Württemberg, dem Saarland, aber auch aus Frankreich, Belgien sowie anderen Ländern und jede Menge große Militärbusse mit gut gelaunten Mitarbeitern der Air Base Ramstein. So richtig wusste kaum jemand Bescheid, was auf uns zukommen sollte - auch die libanesische Journalistenkollegin Wafaa Jibai nicht, die für MBN (Middle East Broadcasting Networks Inc.) eigens am Vorabend aus Washington angereist war, um von dem Großereignis in Ramstein berichten zu können. Sie war als Mitarbeiterin des Pentagons auf der Suche nach ihrem Kameramann, um mit mir und 90 weiteren Journalisten mit einem der bereit gestellten Militärbusse in die Air Base zu gelangen. Nachdem wir uns dann erstmal zum "Check-in" in einer Reihe versammeln und unser "Gepäck" - sprich Kameraausrüstungen und Handtaschen - in einer Linie gegenüber von uns aufstellen mussten, wurde dieses von Spürhunden beschnüffelt und konnte wieder abgeholt werden. Danach gab's den flughafentypischen Detektorcheck und anschließend die Abstimmung der Ausweise mit der Teilnehmerliste, ehe man sich einen Platz in einem der Busse suchen durfte. Bei laufendem Motor - wohl wegen der Standheizung des traditionellen Busmodelles - warteten wir dann bis 8.11 Uhr auf die Abfahrt, um schon um 8.14 Uhr in einem kleinen Stau bei der Auffahrt auf das riesige Air Base-Gelände zu gelangen - gekennzeichnet als drohnenfreie Zone und militärischer Sicherheitsbereich.

 

"Food and Drinks": 32 Dollar please

 

In Windeseile vorbei an Hinweistafeln auf 70 Jahre Ramstein (seit April 1951), einem pinkfarbenen Tesla und zahlreichen Fahrzeugen von Bediensteten mit deutschen Kennzeichen. Und schon sind wir da, wo wir hinsollen. In einen Konferenzraum, in dem mich eine nette Kassiererin schon nach zehn Minuten per Amexkreditkarte um 32 Dollar für eine Tagesration an "drinks and food" (übrigens wider Erwarten ohne jeden typischen Burger und Coke/Cola) erleichtert - direkt rechts vom Weltgeschehen - mit Essenstheke und meistens Vierertischen. Ich treffe meine Kollegin Wafaa wieder und beschließe, mir mit ihr einen solchen Tisch zu teilen. Zu uns gesellt sich Anna Mulrine Grobe - Korrespondentin der 1908 gegründeten Zeitung "The Christian Science Monitor" (eine Zeitung, die bereits sieben Pulitzer und 14 internationale Pressepreise gewonnen hat). Eine illustre Gesellschaft also - wir helfen uns gegenseitig, damit wir keine der zahlreichen Besprechungstermine mit dem vom emsigen Presseteam (das auch von Mitgliedern des mir bereits bekannten Spangdahlemer Teams unterstützt wird - große Freude beim Überreichen des Portraitartikels für Leslie Hauck) angebotenen Militärexperten verpassen, schauen auf die Uhr, um Wafaa an ihre fast stündlichen Aufsager in Hocharabisch für ihren vom Pentagon bezahlten Fernsehsender zu erinnern (die Zeitverschiebung hatte es in sich…) und eilen gemeinsam zum Eintreffen der internationalen Gäste, nach einer feierlichen Trompetenfanfare zu den Auftaktworten von US-Verteidigungsminister Austin im Konferenzsaal, der Pressekonferenz von Bundesverteidigungsministerin Lambrecht und ihrer niederländischen Amtskolleginnen und natürlich dem Abschlussstatement von Austin und General Mark Alexander Milley als Vorsitzendem des Vereinigten Generalstabs der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, der uns mit seiner ordensgeschmückten Brust mächtig beeindruckt und die rund einstündige Verzögerung der eigentlich für 15:45 Uhr angekündigten Pressekonferenz eines langen Tages wieder wett macht.

 

Beide lassen - im Gegensatz zur Bundesverteidigungsministerin, die nur zwei Fragen im Rahmen ihrer Pressekonferenz vor der Mittagspause zuließ - mehrere Fragen der "Weltpresse" auf sich einprasseln und befriedigen mit stoischer Ruhe und Gelassenheit - auch jeweils eine Frage einer ZDF- und einer SWR-Kollegin - nach ihrem Abschlussstatement, währenddessen ich - dank toller Platzierung durch die hilfsbereiten Kollegen des Public Affairs-Teams der Air Base Ramstein - das Gefühl hatte, sie erklären mir alleine die Rettung der Ukraine. Kurz vor 18 Uhr - und nach dem Abspielen von "The Star-Spangled Banner" (der amerikanischen Nationalhymne) - und erneuter Passkontrolle ging's mit unvergesslichen Eindrücken im Gepäck wieder zurück zum kleinen Gedenkparkplatz, wo sich der ganze "Weltpressetross" genauso schnell wieder in alle Richtungen auflöste, wie er morgens gekommen war.

 

Ergebnisse der Ukraine-Kontaktgruppe 2022 in Ramstein Ramstein

 

Die USA und ihre Verbündeten haben 2022 bereits zum zweiten Mal (seit April) auf der US-Air Base Ramstein über weitere Hilfen für die Ukraine beraten. Die deutsche Verteidigungsministerin, Christine Lambrecht, kündigte im Rahmen einer PK als Mitglied der Ukraine-Kontaktgruppe (Ukraine Defense Contact Group) gemeinsam mit ihrer niederländischen Amtskollegin, Kajsa Ollongren, die Unterstützung von ukrainischen Soldaten an, um diese für die Räumung von Landminen und dem Beseitigen von Sprengfallen auszubilden. In der Kampfmittelabwehrschule in Stetten am kalten Markt (Baden-Württemberg) könnten etwa 20 ukrainische Soldaten trainiert werden, erklärte die Bundesverteidigungsministerin. Dabei solle nicht nur die Ausbildung, sondern auch entsprechendes Material zur Verfügung gestellt werden. Zudem versprach Lambrecht der Ukraine Unterstützung für den Winter, zum Beispiel mit Geräten zur Stromerzeugung, Zelten oder anderer Ausrüstung. Washington sagte über US-Verteidigungsminister Lloyd James Austin III. weitere direkte Hilfen in Höhe von 675 Millionen Dollar zu. Unter anderem Munition für verschiedene Raketensysteme - sowohl für Fahrzeuge als auch für Panzerfäuste - zusätzliche Haubitzen samt Munition, 1.000 Panzerabwehrminen, Granatwerfer, Nachtsichtgeräte und 50 gepanzerte medizinische Fahrzeuge. Darüber hinaus beabsichtige das US-Außenministerium den Kongress darüber informieren, dass es auf lange Sicht zwei Milliarden Dollar in die Finanzierung ausländischer Streitkräfte investieren wolle. Eine Milliarde davon solle in die Sicherheit der Ukraine fließen, eine weitere Milliarde in die direkten Nachbarländer der Ukraine. An der Konferenz, die seit Kriegsbeginn im Februar insgesamt zum fünften Mal tagte, nahmen Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg sowie Verteidigungsminister und ranghohe Militärs aus 50 Ländern teil.

 

Hier gibt's die Abschlusspressekonferenz von US-Verteidigungsminister Austin und dem Vorsitzenden des Vereinigten Generalstabs der Streitkräfte der Vereinigten Staaten, General Mark Alexander Milley (Chairman of the Joint Chiefs of Staff, kurz: CJCS), im Video:

 

https://www.dvidshub.net/video/856589/secretary-defense-lloyd-j-austin-iii-and-gen-mark-milley

 

(sk)